HOME

Prozess um tödliche Narkose: Der kleine Hannes stirbt nach Zahnbehandlung

Wegen Karies zum Zahnarzt - eigentlich ein Routine-Fall. Doch bei der Narkose bekommt der zweijährige Hannes zu wenig Sauerstoff, zwei Tage später ist er tot. Seit Dienstag steht der verantwortliche Anästhesist in Halle vor Gericht. Als erste Zeugin trat Hannes Mutter unter Tränen in den Zeugenstand.

Hannes' Mutter kann den Tod ihres Jungen noch 19 Monate später nicht fassen. "Es ist doch kein Verbrechen, zum Zahnarzt zu gehen", sagte die 46-Jährige schluchzend und zitternd als erste Zeugin vor dem Landgericht Halle. Sie habe ihren Sohn eigentlich gar nicht in der Praxis behandeln lassen wollen, sondern in einer Klinik. Doch in der Zahnarztpraxis sei ihr gesagt worden: "Das Bissel wird nicht im Krankenhaus gemacht."

Seit Dienstag beschäftigt sich das Landgericht mit dem Tod des Zweijährigen. Hannes war im Januar 2009 zwei Tage nach einer Vollnarkose bei einem Zahnarzt in Zeitz in Sachsen-Anhalt gestorben. Angeklagt ist ein Anästhesist, der für die Narkose ein Gerät verwendet haben soll, das für ein Kind in diesem Alter nicht geeignet ist. Dadurch soll der Arzt nicht bemerkt haben, dass der Junge zu wenig Sauerstoff bekam.

Angeklagter bleibt regungslos

Der 53-jährige Arzt, der die Aussage der verzweifelten Mutter regungslos verfolgte, äußerte sich zunächst nicht zum Vorwurf der Körperverletzung mit Todesfolge. "Er bedauert den Tod des kleinen Hannes zutiefst. Es ist ihm bewusst, dass das Leid der Eltern unermesslich ist", hieß es in einer Erklärung, die die Verteidigung verlas. Der Angeklagte habe 30 Jahre lang als Narkose-Arzt gearbeitet - auch mit Kindern -, ohne dass es einen Zwischenfall gegeben habe. Er habe das Leben des Kindes unter keinen Umständen gefährden wollen.

Der Zahnarzt, in dessen Praxis der kleine Junge behandelt wurde, berichtete vor Gericht von dem kariösen Befall der Zähne des Kleinkindes. Da Kinder in diesem Alter den Mund nicht lange genug öffnen könnten, sei eine Behandlung unter Narkose nicht ungewöhnlich. Bei Hannes habe er während der Narkose neun Zähne saniert.

Nach der Behandlung bemerkte er die dunkel verfärbten Lippen des kleinen Patienten, der daraufhin vom Anästhesisten Medikamente bekam. Der Zahnarzt selbst wandte wegen der rapide gefallenen Herzfrequenz bis zum Eintreffen des Notarztes Herzdruckmassagen an. Der Junge wurde mit dem Hubschrauber in die Uni-Klinik Leipzig geflogen, wo er - ohne aus dem Koma zu erwachen - zwei Tage später starb.

"Ich will Hannes wiederhaben!"

Hannes' Mutter sagte, ihr Junge habe bei seiner Zahnärztin nicht den Mund aufmachen wollen. Deshalb habe sie ihn an den Spezialisten überwiesen. Die Frau berichtete, dass ihr neun Jahre alter Sohn noch immer sagt: "Ich will Hannes wiederhaben!"

Der Vertreter der Eltern, die in dem Prozess als Nebenkläger auftreten, warf dem Arzt massives Fehlverhalten vor. "Es ist wie mit Kanonen auf Spatzen zu schießen, wenn Sie bei einem Kleinkind mit leichtem Zahnschaden Vollnarkose geben", sagte Rechtsanwalt Frank Teipel. Das von dem Angeklagten eingesetzte Narkosegerät sei zudem völlig veraltet gewesen, weil es noch aus DDR-Zeiten stamme und keine Tüv-Zulassung gehabt habe.

Für den Fall einer Verurteilung wegen Körperverletzung mit Todesfolge ist laut Strafgesetzbuch eine Haftstrafe von bis zu 15 Jahren möglich. Die Verteidigung ließ bereits erkennen, dass es sich für sie um - weniger schwerwiegende - fahrlässige Tötung handle. Das Gericht hat vorerst Verhandlungstermine bis 9. September anberaumt.

joe/DPA/APN/DPA