HOME

Prozess um Unfall am Hamburger Hauptbahnhof: Vom Leben mit dem Tod

Am 11. Mai 2010 überfuhr ein Rentner den vierjährigen Joel-Rayan am Hamburger Hauptbahnhof. Im Prozess gegen den 75-Jährigen, der jetzt begann, wird das Ausmaß der Tragödie deutlich - und die Hilflosigkeit.

Von Manuela Pfohl

Im letzten Satz des Arztbriefes steht: "Exitus: 14.29 Uhr." Es ist der 11. Mai 2010. Der Tag, an dem der vierjährige Joel-Rayan stirbt, weil ein Auto ihn überfahren hat und die Mediziner in einer Hamburger Klinik nichts mehr tun können für den kleinen Menschen, der da vor ihnen auf dem Tisch liegt. Es ist der Tag, an dem die Welt für seine Eltern untergeht und auch für Ingelore S. und ihren Mann Günter, der mittags kurz nach 13. 30 Uhr in seinen Wagen gestiegen war, den Rückwärtsgang eingelegt hatte und Sekunden später mit ungebremster Geschwindigkeit über Joel-Rayan und dessen Mutter Caterina raste, ehe er an einem Geländer am Hamburger Hauptbahnhof zum Halten kam. Der Tag, als jemand zum ersten Mal in den Telefonhörer des Rentners schreit: "Du Kindermörder."

Immer und immer wieder haben der 75-Jährige und seine Frau über den 11. Mai 2010 nachgedacht. Manchmal gemeinsam, meistens jeder für sich allein. Sie haben versucht, jede Sekunde zu rekonstruieren, sich an die Worte zu erinnern, die sie sprachen, an das, was sie taten, und auch an das, was kurz vor und kurz nach der Kollision war, die Ingelore S. als "ein Weltgeräusch" aus Schreien, Sirenen, Motorheulen erinnert. Eine Hölle, die sie detailliert schildern soll, als sie Donnerstagmorgen um kurz nach 10 Uhr im Saal 288 des Hamburger Amtsgerichtes sitzt und ihre Zeugenaussage macht. Es ist der erste von sechs Verhandlungstagen im Prozess gegen ihren Mann.

Günter S. versucht zu erklären

Günter S. ist wegen fahrlässiger Tötung im Straßenverkehr angeklagt. Mit verkrampften Händen sitzt er Joel-Rayans Mutter gegenüber. Sein schmales Gesicht unter den spärlichen dunkelblonden Haaren ist gerötet wie die Augen, die mal zu der 33-Jährigen blicken, dann unsicher in den Saal, hin zu den drei Zuschauerreihen hinter Glas, die bis auf den letzten Platz besetzt sind. Sie finden ihren Halt schließlich irgendwo im Nichts, während sein Anwalt eine Erklärung vorliest. Günter S. versucht auf drei A4-Seiten zu beschreiben, was nicht zu beschreiben ist: "Nichts von dem, was passiert ist, habe ich gewollt oder hätte es verhindern können." Und: "Ich fühle mich auch heute noch nicht in der Lage, über den Unfall zu sprechen." Es ist eine "Entschuldigung für den Schmerz, den ich den Eltern verursacht habe". Doch es ist auch ein Appell an die, die in den vergangenen Monaten in blutverschmierten Briefen den Tod des Rentners forderten.

"Du Monster. Du wirst sterben!"

Schon am Abend des Unglückstages fing es an. Günter S. und seine Frau waren gerade aus der Klinik zurückgekehrt. Sie hatten erfahren, dass das Kind gestorben war, sie hatten mit einem Seelsorger gebetet und sich betäubt vom Schock über das, was geschehen war, von ihrem Sohn nach Hause bringen lassen, als es an der Tür klingelte und sie die ersten Interviews geben sollten. Sie dachten, es könne helfen, so zu tun als seien sie nicht da. Sie knipsten das Licht aus und saßen im Dunkeln auf den Küchenstühlen. Doch es half nichts. Es wurde nur noch schlimmer.

Telefonanrufe in denen der Tod seiner beiden erwachsenen Kinder angekündigt wurde, wechselten sich monatelang mit Drohbriefen auf denen stand: "Du sollst verdammt sein, Du Monster", "Kindermörder, deine Tage sind gezählt", "Du Schwein". Und: "Du wirst sterben." Angst bringt die beiden Rentner um den Verstand. Sie suchen Rat bei der Polizei und ärztliche Hilfe. Doch keine Hamburger Klinik will sie aufnehmen. Schließlich flieht das Ehepaar nach Mecklenburg-Vorpommern, wo es bei Güstrow Unterschlupf in einer Ferienwohnung findet und auch eine psychiatrische Klinik, die es für mehrere Wochen aufnimmt zur Traumaverarbeitung. Doch die Erinnerungen bleiben. Und die Drohungen. Mit dem Pastor zusammen zieht Günter S. nachts heimlich durch die Straßen, um die Flugblätter abzunehmen, die an den Laternen und den Bäumen hängen und auf denen steht: "Der Mann ist eine tickende Zeitbombe. Achten Sie auf Ihre Kinder."

Caterina S. kann nicht trösten

"Ich leide unter extremen Angstzuständen", schreibt Günter S. in seiner Erklärung. Als sein Anwalt das im Prozess vorliest, schütteln ein paar Zuschauer die Köpfe. Die Mutter von Joel-Rayan sitzt regungslos und ein bisschen verloren zwischen ihren juristischen Beratern. Günter S. sucht Trost und Vergebung, doch das kann die zierliche junge Frau ihm nicht geben. Sie findet ja selbst noch keinen Trost. Aber sie hört zu, als Ingelore S. mit zitternder Stimme von dem Tag berichtet, der kühl aber sonnig begann und in einer finsteren Tragödie endete. Caterina S. hat lange darauf gewartet. Gehofft, dass Günter S. das Gespräch mit ihr sucht. Dass sie ihm sagen kann, wie es ihr geht, endlich ihre Verzweiflung fokussieren kann auf den, der ihr das angetan hat. Doch Günter S. ist nicht gekommen. Er hat nur einen knappen Brief geschrieben und lässt jetzt seine Frau erzählen.

Das Ehepaar war mittags von Zuhause losgefahren, und hatte am Hamburger Hauptbahnhof endlich die Tickets für die lang ersehnte Urlaubsreise ins Elbsandsteingebirge gekauft. Zum 46. Hochzeitstag. Kurz nach Mittag hatten die beiden die Fahrscheine in der Tasche. Ingelore S. schaute sich noch in einem Schuhgeschäft in der Wandelhalle um, und auch am Schaufenster des Schmuckladens machte sie Halt, ehe sie zum Auto gingen, das auf dem Parkplatz nahe des Eingangs stand.

Ein "Weltgeräusch" aus Schreien und Angst

Es ist gegen 13.30 Uhr, als sie sehen, dass jemand so dicht an ihrem Wagen parkt, dass Günter S. nur über die Beifahrerseite einsteigen kann. Ingelore S. bleibt neben dem Auto stehen, will ihren Mann beim Rückwärtsfahren aus der Parklücke lotsen. Sie sieht seine Hände am Steuer, dann ein rotes Auto, das blinkt und schon darauf wartet, den freiwerdenden Platz wieder zu besetzen. Sie sieht, dass ihr Mann zweimal langsam zurückrollt, dass da Menschen sind, und dass der Renault Laguna plötzlich davon schießt, mitten hinein in die Gruppe. Sie sagt: "Ich habe versucht, das Auto zu packen, aber es fuhr einfach weiter. Ich habe geschrien 'nein'. Bin hingefallen, wieder aufgestanden und hinter dem Auto hergelaufen." Dann ist da dieses "Weltgeräusch", die Wagentür, an der sie verzweifelt rüttelt, ihr Mann, der dahinter regungslos am Lenkrad sitzt. Jemand, der sie wegzieht. Eine Stimme, die sagt: "Sie müssen gehen." Ein Hubschrauber, der kreist. Polizisten, die mit ihr reden. Ihr Mann auf einer Trage. Caterina S., die wie ihr Sohn schwerverletzt unter dem verbeulten Wagen liegt, sieht sie nicht.

Das ist zu gefährlich

Als Caterina S. morgens ihre schwarzen Stöckelschuhe anziehen wollte, war Joel-Rayan hineingeschlüpft und hatte Faxen gemacht. Seine Mutter hatte über den Wirbelwind gelacht. "Pass auf, du brichst dir noch den Knöchel." Dann waren sie losgefahren. Zum Bahnhof, um eine Fahrkarte für Caterinas Bruder zu kaufen, der zu Besuch war und nun wieder zurück nach Prag musste, wo er lebt. Die anderen aus Joel-Rayans Kitagruppe waren an diesem Tag zum Abenteuerspielplatz gegangen. Viel zu gefährlich, hatte seine Mutter gedacht und ihren Sohn lieber nicht in den Kindergarten gebracht. Es ist gegen 13.45 Uhr, als sie in der Nähe des Eingangs zum Bahnhof sind. Der Kleine läuft fröhlich an der Hand seiner Mutter, sie hat ihm gerade ein Brötchen gekauft. Dann ist plötzlich alles vorbei. Sie hört noch, wie ihr Bruder ruft: "Vorsicht, da will einer raus." Reifen quietschen. Sie spürt einen Schmerz. Millisekunden später liegt Caterina S. unter dem Wagen von Günter S. Sie hat mehrere Rippen gebrochen. Ihre Milz ist gerissen. Sie denkt an ihren Sohn, sucht nach der Hand von Joel-Rayan. Hält sie fest und kann ihn doch nicht halten.

"Der beste Fahrer der Welt"

Caterina S. will wissen, wie das alles passieren konnte. Sie macht sich selber Vorwürfe und auch Günter S. Hätte das Unglück verhindert werden können? Wer hat Schuld? Wer muss bestraft werden und wie?

In der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft steht, Günter S. habe "unachtsam" ausgeparkt. Durch das "Abrutschen seines rechten Fußes von dem Brems- auf das Gaspedal soll er unkontrolliert mit einer Geschwindigkeit von mindestens 15 km/h auf eine Personengruppe zugefahren sein und diese erfasst haben". Ein Versehen, Unachtsamkeit, keine Absicht. Günter S. hat keinen Punkt in Flensburg. In seiner gesamten Fahrpraxis musste er nur zweimal ein Ordnungsgeld zahlen wegen minimaler Übertretung der Geschwindigkeit. "Er ist der beste Fahrer der Welt", sagt seine Frau im Prozess. Die Zuschauer raunen. Ist er inzwischen einfach zu alt zum Autofahren? Joel-Rayans Vater hatte das vermutet und öffentlich einen verschärften "Tüv" für ältere Autofahrer gefordert.

In die Seele gebrannt

Auf den Bildern einer Überwachungskamera am Bahnhof ist der Unfall aufgezeichnet. Zwölf Bilder und nur vier Sekunden brauchte es vom Anfahren des Wagens bis zum Aufprall auf Joel-Rayan und seine Mutter. "Der Mann hatte keine Chance mehr zu bremsen, selbst wenn er das versucht hätte", sagt der technische Gutachter im Prozess. Caterina S. hilft das ebenso wenig wie die Erklärung von Günter S., er akzeptiere jede Strafe.

Einen Tag nach dem Unfall war der Kleine in der Leichenhalle aufgebahrt worden. Die blonden Wusellocken fielen ins blasse Kindergesicht. Ein Tuch bedeckte den zarten geschundenen Körper. Das Bild ihres toten Kindes hat sich Caterina S. in die Seele gebrannt und hält sie seitdem gefangen. Wochen später lag das Foto auch in den Mailordnern des Arbeitgebers und mehrerer Geschäftspartner des Sohnes von Günter S. Jemand hatte es aus den Akten genommen und vervielfältigt. Einige Kunden kündigten daraufhin die Verträge mit dem Sohn des "Monsters", während am anderen Ende der Stadt die Beziehung von Joel-Rayans Eltern in die Brüche ging und Caterina S. versuchte, sich mit Schlaftabletten das Leben zu nehmen.

Themen in diesem Artikel