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Prozess: Wo war Frau K. am Tag des Todes ihres Kindes?

Der achtjährigen Amani wurde die Kehle durchgeschnitten - vor einem Jahr, mitten in Berlin. Einzige Verdächtige: ihre eigene Mutter. Nun wurde das Urteil gegen die 33-Jährige gefällt - die vermutlich psychisch krank ist.

Von Ute Eisenhardt, Berlin

Ein Jahr ist es her, da fand eine Hundebesitzerin die Leiche der achtjährigen Amani. Sie lag mit durchtrennter Kehle in einer viel besuchten Parkanlage im Westen Berlins. Doch obwohl die Tat an einem Samstagvormittag geschah, hatte niemand etwas beobachtet. Auch von der Mutter des Mädchens fehlte jede Spur. Fast zwei Tage suchte die Polizei nach ihr. Erst am späten Sonntagabend tauchte Teshua K. im Heim für obdachlose Familien auf, in dem sie mit ihrer Tochter wohnte. Dort wurde sie von Polizeibeamten durchsucht. In ihrer Tasche befanden sich Bahnfahrkarten, Berlin-Hamburg und zurück, sowie ein kleines, sauberes Cuttermesser. Am Boden der Tasche entdeckte ein Ermittler einen kleinen, braunen Fleck - es war das Blut von Amani.

Unbewegt und zuweilen überheblich grinsend

Vier Monate dauerte der Indizienprozess gegen Teshua K. vor der 32. Strafkammer des Berliner Landgerichts. Unbewegt und zuweilen überheblich grinsend saß die hübsche, rundliche 33-jährige vor ihren Richtern. Am ersten Verhandlungstag verlas Verteidigerin Beate Böhler im Namen ihrer Mandantin eine Erklärung: "Die Ermordung meiner Tochter ist für mich das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann. Sie war die Freude und der Sinn meines Lebens. Ich weiß nicht, wer ihr das angetan haben könnte und warum. Ich bin mir absolut sicher, dass ich sie nicht getötet habe." Bis zum Schluss meint die Anwältin, das Verfahren sei von spekulativer Voreingenommenheit geprägt.

Ihre Mandantin habe keine Erinnerung an jenen Samstag, an dem ihre Tochter getötet wurde. Das Gericht muss sich darum auf Gutachten stützen, wie das über die grünen Fasern, die an Amanis Rücken, an der Tasche und der Bekleidung der Angeklagten sowie in der gemeinsamen Wohnung gefunden wurden. Diese sollen von einem grünen Kleid stammen, das Amanis Mutter bis zu deren Tod trug. Seitdem ist es spurlos verschwunden.

Liebevolle und geduldige Mutter

Ebenso nützlich für das Gericht sind die Aussagen der überwiegend farbigen Freunde und Bekannten der Angeklagten. Darunter sind etliche, die beschreiben, wie liebevoll und geduldig sich die alleinerziehende Mutter um ihre Tochter kümmerte. Doch ebenso viele Zeugen berichten, Teshua K. habe sich in den letzten zwei Jahren vor der Tat spürbar verändert. Sie habe an Gedächtnisverlust gelitten, berichtet ein enger Bekannter. "Sie redete wildes Zeug", sprach von Vodoo und Reinkarnation, sagt ihre Freundin Joyce. " Es wurde immer extremer." So habe die Angeklagte geglaubt, ihre Tochter Amani sei Opfer sexueller Übergriffe geworden. Ein Gynäkologe konnte diesen Verdacht nicht bestätigen.

Ähnliches sagt auch ein Freund der Angeklagten. Teshua K. wäre zwar nicht geistig verwirrt gewesen, habe aber viel unverständliches Zeug erzählt: Sie sei schon einmal als Mutter ihres Vaters auf der Welt gewesen, sie sei verhext worden, ihre Eltern seien Menschenfresser. "Das wurde in letzter Zeit immer intensiver", sagt der Zeuge. Warum Teshua K. niemand half, wird er gefragt. Er antwortet: "Weil es schwer war, ihr zu helfen." Auch Teshuas Ex-Mann sagt: "Es war schwierig, ihr zu sagen, dass sie krank war."

Aufgewchsen im gutbürgerlichen Viertel Westberlins

Aufgewachsen ist die Tochter eines Ghanaers und einer Deutschen in einem gutbürgerlichen Viertel Westberlins. Dort besaßen ihre Eltern ein Haus, damals als ihr Vater noch nicht das Geld der Familie durchgebracht hatte. Den Kontakt zu ihrer gehbehinderten Mutter beschreibt die Angeklagte als gut, den zu ihrem dominanten Vater als problematisch: Sie war 15 Jahre alt, da wurde ihr Vater wegen Unterschlagung von Nazi-Dokumenten zu 28 Monaten Haft verurteilt. "Ich wurde in Zusammenhang mit Vaters Tat gebracht", sagt K. und beschreibt damit nur den Bruchteil der Scham, den die begabte Schülerin eines elitären Sprachgymnasiums empfunden haben muss.

Nach dem Abitur begann sie, Politik zu studieren, bis sie 1998 einen Mann von der Elfenbeinküste kennen lernte, heiratete und bald schwanger wurde. Als ihre Tochter im Januar 1999 geboren wurde, hatte ihr Mann sie bereits verlassen. Er habe sich nur selten um Amani gekümmert, sagt K. Nach der Geburt veränderte sich die hübsche, schlanke, lebenslustige Frau. Sie wurde ängstlicher, fühlte sich schlapp und nahm extrem zu. Nun passte K., die sich vorher gern adrett kleidete, nicht mehr in handelsübliche Kleidung. Sie verlegte sich auf weite, exotisch anmutende Gewänder. Die passten auch zur Afrika-Sehnsucht der Mulattin, die niemals in der Heimat ihres Vaters gelebt hat.

Und dann konnte sie ihre Wohnung nicht bezahlen

Anfang 2007 konnte die arbeitslose Frau ihre Wohnung nicht mehr bezahlen: Ihr Vater habe Geld, das seiner Tochter zustand, nicht an Teshua K. ausgezahlt, erklärt deren Anwältin. Drei Wochen vor Amanis Tod zog K. mit ihr in ein Obdachlosenwohnheim. Der Tiefpunkt war erreicht. "Sie war nicht mehr die Teshua, die ich kannte", so Freundin Joyce. "Sie war kaputt, war am Ende, konnte nicht mehr." Auch die Eltern der Angeklagten, die vor Gericht die Aussage verweigern, sollen sich um ihre Enkelin gesorgt und beim Jugendamt um die Übertragung des Sorgerechts auf Amanis Vater gebeten haben, sagt die Verteidigerin. Doch der hätte kein Interesse an dieser Lösung gezeigt.

Zu einem engen Bekannten soll K. gesagt haben, sie benötige eine Psychotherapie, könne sich aber erst behandeln lassen, wenn Amani groß sei. Sie muss eine Ahnung von jener seelischen Störung gehabt haben, den die beiden psychiatrischen Sachverständigen ihr bescheinigen. Doch das ist die einzige Gemeinsamkeit der beiden Gutachten.

Die auf interkulturelle Psychiatrie spezialisierte Gutachterin Ernestine Wohlfart meint, die Angeklagte käme wegen ihrer Antriebsarmut als Täterin nicht in Betracht. Die Art der Tötung ihrer Tochter würde sie an ein afrikanisches Opferritual erinnern. Möglicherweise sei K. Zeugin eines solchen, an ihrer Tochter verübten Rituals geworden und könne sich darum an nichts mehr erinnern.

Leidet die Angeklagte an Verfolgungswahn?

Dagegen meint die zweite Gutachterin Dagny Luther, die Angeklagte leide an einem Verfolgungswahn. Selbst in der Haft äußert Teshua K., man wolle sie vergiften und bezichtigt den Vorsitzenden Richter in Briefen, Teil eines gegen sie gerichteten Komplotts zu sein. Dagny Luther hält darum die Angeklagte weiterhin für gefährlich und empfiehlt die dauerhafte Einweisung in die Psychiatrie.

Dieser Auffassung schließt sich auch das Gericht an: Die Angeklagte mordete heimtückisch, ist aber schuldunfähig. "Für uns war das Gutachten der Frau Dr. Wohlfart wertlos", sagt der Vorsitzende Richter Hans Luther. Die Sachverständige habe sich dazu verstiegen, ihr Fachwissen mit der Frage zu verknüpfen, wer als Täter in Betracht komme. Das ist aber nicht die Aufgabe des Gutachters sondern die des Gerichts.

Das gab zu, kein Tatmotiv gefunden und nur wenige Beweise gehabt zu haben, von denen jedoch viele gegen die Mutter sprächen. Amani habe sich nie allein außerhalb des Heims bewegt, sie habe bei ihrer Tötung auch keine Gegenwehr geleistet. Dies spräche für eine Täterin, der sie vertraute. Auch mit ihrer unerklärbaren Hamburg-Reise habe sich die Angeklagte nicht entlastet, denn sie hatte sich davor nicht um eine Betreuung ihrer Tochter bemüht. Vielleicht weil sie wusste: "Für Amani brauche ich nicht mehr zu sorgen", meint der Richter.

"Das gibt ein Fehlurteil!"

Die Verteidigung, die für Teshua K. einen Freispruch gefordert hatte, wird gegen dieses Urteil die Revision beantragen. Man habe kein einziges passendes Indiz, nur das merkwürdige Verhalten der Angeklagten, sagt Beate Böhler. Sie will schon vor einem Jahr beim Lesen der Zeitungsnachricht über das ermordete Mädchen gedacht haben: "Das gibt ein Fehlurteil!"

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