Prozessauftakt Der Lügenpalast der Schein-Witwe


Sie hat alle belogen. Ihre Söhne, die Polizei, die Versicherungen. Allen gaukelte sie vor, ihr Mann sei ertrunken. Über Jahre. Aber er lebte, nebenan. Welche Rolle Anne Darwin, die Frau des englischen "Kanumannes", bei diesem bizarren Versicherungsbetrug spielte, wird nun vor Gericht verhandelt.
Von Cornelia Fuchs

"Diese Frau ist kein Mauerblümchen", verkündete der Staatsanwalt Andrew Robertson in seinem Anfangsplädoyer vor den Geschworenen am Strafgerichtshof Teesside in der nordenglischen Stadt Cleveland. Und machte damit gleich zu Anfang des Prozesses klar, dass Anne Darwin zumindest seitens der Anklage mit keiner Nachsicht zu rechnen hat.

Das Drama der Darwins begann vor fast acht Monaten, am 1. Dezember 2007, als der heute 57-jährige John Darwin in einer Londoner Polizeiwache auftauchte mit den Worten: "Ich glaube, ich werde vermisst." Braun gebrannt und gut genährt, machte der Mann mit den grauen Haaren zumindest nicht den Eindruck, dass es ihm schlecht ergangen sei in den vergangenen fünfeinhalb Jahren. So lange hatten seine Söhne Mark, 32, und Anthony, 29, ihn tot gewähnt, ertrunken nach einem Ausflug im Kanu, verschollen in der Bucht vor seinem Haus in Hartlepool.

"Er ist nicht mehr, ich habe ihn verloren!"

Und die Söhne hatten auch geglaubt, dass die Mutter diese fünfeinhalb Jahre seit dem Verschwinden ihres Mannes in steter Trauer verbracht habe. Doch das, so erzählte es nun Staatsanwalt Andrew Robertson den Geschworenen, das sei allein zurückzuführen auf die erstaunliche schauspielerische Leistung der Anne Darwin.

Die schmiss damals im März 2002 ihre Arme um den Hals ihres Sohnes Anthony und schluchzte, tränenüberströmt: "Er ist nicht mehr, ich habe ihn verloren!" Und die Polizei glaubte die Ehefrau Darwin in solchen emotionalen Nöten, dass sie nach erfolgloser Suchaktion einen Kollegen der Familienberatung zur Hilfe riefen. Der stand der völlig aufgelöst wirkenden Frau Darwin in ihrem Wohnzimmer zur Seite. Doch, sagte der Staatsanwalt, schon damals wusste Anne Darwin, dass ihr Mann gar nicht tot war. Sondern sehr lebendig und gerade dabei, sich zur Tarnung einen Bart und lange Haare wachsen zu lassen. Denn Anne Darwin hatte ihren Mann eigenhändig zur Bahnstation in Durham gefahren, keine halbe Stunde von ihrem Haus entfernt. Dort war John Darwin in einen Zug gestiegen, um zu verschwinden.

Den Darwins drohte damals die Insolvenz. Sechs Tage vor dieser Aktion hatte eine Bank es abgelehnt, ihre Häuser weiter zu beleihen. Sie hatten sich verhoben, mit Häusern, die sie zu einem Immobilien-Imperium zusammengekauft hatten, aber nicht vermieten konnten. Es ging damals um 80.000 Euro, die sie bezahlen sollten, aber nicht bezahlen konnten.

Also, führte der Staatsanwalt Robertson aus, begann Anne Darwin zu schauspielern. Sie sagte ihren Söhnen nichts, sie belog die Versicherungen ihres Mannes, die nach seinem Tod einen Großteil der Hypothekenschulden der Häuser abbezahlten. Sie belog die Pensionskasse des Gefängnisses, wo ihr Mann gearbeitet hatte. Eine Viertelmillion Pfund, etwa 310.000 Euro, kam so zusammen.

Die Sache mit der Nötigung

Der Staatsanwalt legte in seinem Plädoyer besonderen Wert darauf, die Eigenständigkeit von Anne Darwin in dem wohl von John Darwin ersonnenen Plan zu betonen. Denn die soll zu ihrer Verteidigung in den nächsten Tagen auf eine "eheliche Nötigung" plädieren - sie sei von ihrem Mann zu ihrem Tun gezwungen worden.

Der Staatsanwalt hielt den Geschworenen die Fotografie entgegen, die dem Ehepaar schließlich zum Verhängnis wurde: Da stehen die beiden lachend im Büro eines Maklers in Panama. "Sieht so eine Frau aus, die gegen ihren Willen gezwungen wurde, in dieser Scharade mitzumachen?", fragte der Staatsanwalt. "Oder sieht so eine Frau aus, der es Spaß zu machen scheint, die Früchte ihrer Betrügereien zu genießen?" Er erinnerte die Geschworenen daran, dass John Darwin jahrelang Wand an Wand neben seiner Frau gewohnt habe. Die Söhne, die immer noch um ihren Vater trauerten, besuchten ihre Mutter, während ihr Vater im Nebenhaus hockte. Mark sagte damals, er habe nicht nur seinen Vater verloren, sondern seinen besten Freund.

Im Jahr 2007 zogen zunächst John und dann Anne Darwin nach Panama, wo sie ihr Geld in Land und Häusern anlegten, um ein Öko-Paradies für Touristen zu bauen - mit Kanusportanlage, wohlgemerkt.

Anne Darwin hielt an ihrem Lügengebäude fest, auch als ihre Söhne sie anriefen mit der Nachricht, der Vater sei wieder aufgetaucht. Sie spielte am Telefon die Ungläubige, ließ Emotionen aufleben, die sie gar nicht haben konnte, weil sie wusste, dass ihr Mann gerade erst aus Panama abgereist war. "Sogar zu diesem Zeitpunkt zeigte sie die Geistesgegenwart, die Fassade aufrechtzuerhalten", sagte der Staatsanwalt. Und meinte damit: Wäre Anne Darwin von ihrem Mann zu all dem nur genötigt worden, so hätte sie spätestens jetzt die Möglichkeit gehabt, ihren Söhnen endlich die Wahrheit zu sagen.

Stattdessen log Anne Darwin weiter. Sie log sogar noch, als die Polizei sie nach einer Flucht von Panama über Florida nach Manchester schließlich festgenommen hatte: Sie habe zwar schon länger gewusst, dass ihr Mann nicht tot sei. Aber er sei erst 2003 wieder an ihrer Tür aufgetaucht, da hatte sie die Versicherungssummen schon im guten Glauben erhalten.

Verhängnisvolle Bücherliebe

Sieben Vernehmungen lang blieb sie bei dieser Geschichte, bis die Polizei ihr die Büchereikarte eines Mannes namens John Jones vorlegen konnte. Darauf war das Bild ihres Ehemannes zu sehen, mit längeren Haaren und Bart - und sie war kaum einen Monat nach dem Verschwinden von John Darwin erstellt worden. Der hatte, versteckt in seinem kleinen Zimmer, dem Sog der Stadtbücherei nicht widerstehen können.

Erst jetzt, sagt der Staatsanwalt, änderte Anne Darwin ihre Geschichte ein weiteres Mal. Jetzt sagte sie, sie sei von ihrem Mann zu allem genötigt worden. Doch die Staatsanwaltschaft kündigte an, beweisen zu können, dass sie in dem Plan des vorgetäuschten Todes eine gleichwertig wichtige Rolle gespielt hat.

Die Söhne Mark und Anthony waren heute im Gerichtssaal anwesend und sahen zu, wie ihre Mutter den Ausführungen des Staatsanwalts zuhörte. Es wird erwartet, dass der Prozess noch diese Woche andauert.

John Darwin, der totgeglaubte Kanute, hat sich schon im März diesen Jahres des Betruges in sieben Fällen und des Fälschens eines Passes schuldig bekannt.


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