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Prozessauftakt im Mordfall Brunner Der tödliche "Blackout"


Was sind das nur für Typen? Am ersten Tag des Prozesses gegen die mutmaßlichen Mörder Dominik Brunners entschuldigten sich die Angeklagten, schilderten die Tat - und belasten sich gegenseitig.
Von Malte Arnsperger, München

Seine rechte Hand hat Oskar Brunner in den Schoß gelegt. Mit der Linken wischt er sich über die Backe, dann zupft er am Kragen seines dunkelblauen Polo-Shirts. Durch seine große, silbern umrandete Brille starrt der 80-Jährige auf die andere Seite des Gerichtsaals. Dort sitzen die beiden mutmaßlichen Mörder seines Sohnes Dominik. Gerade schildert einer der beiden, Sebastian L., wie er zusammen mit seinem Kumpel Markus S. an einem Münchner S-Bahnhof auf Dominik Brunner eingeprügelt hat. Immer wieder fragen Richter und die Staatsanwaltschaft nach, wie viele Schläge es denn waren, wo sie trafen, wie ihr Opfer am Ende aussah. Die letzten Minuten im Leben seines Sohnes werden detailliert analysiert, es müssen furchtbare Momente sein für Oskar Brunner. Später wird seine Anwältin zwar sagen, es gehe ihm "psychisch wie physisch sehr schlecht". Doch der grauhaarige Mann lässt zumindest vor Gericht niemanden an seinem Innenleben teilhaben.

Oskar Brunner wird noch öfter zuhören müssen, wie Zeugen den Tod seines Sohnes am 12. September 2009 schildern. Denn er ist Nebenkläger in dem Mord-Prozess gegen den zur Tatzeit 18-jährigen Markus S. und dessen ein Jahr jüngeren Kumpel Sebastian L., der heute vor dem Landgericht München begann. Die beiden sollen nach Ansicht der Staatsanwaltschaft den 50-jährigen Dominik Brunner am S-Bahnhof in München-Solln aus Rache zu Tode geprügelt haben. Brunner hatte zuvor eine vierköpfige Schüler-Gruppe vor den beiden Angeklagten und ihrem Freund beschützen wollen. Doch seine Hilfsbereitschaft kostete ihn letztlich das Leben. 22 schwere und schwerste Verletzungen hatten die Gerichtsmediziner gezählt - zu viel für Brunners Körper.

Ein Angeklagter mit Bubi-Gesicht

Es sind keine stämmigen, grimmigen Typen, die da in Handschellen zur Anklagebank geführt werden. Sebastian L., der jüngere der beiden Angeklagten, wirkt zwar durch seine Geheimratsecken und den deutlichen Bartwuchs älter als sein Kumpan Markus. Doch L. ist ein unscheinbarer Junge, kaum 1,70 Meter groß, schmächtig. Er verschwindet fast neben seinen Anwälten. Auch Markus S. gibt mit seinem Bubi-Gesicht, den hellen Stoppel-Haaren und dem viel zu großen Hemd nicht das Bild eines stumpfen Gewohnheitsstraftäters ab. Doch genau das sind die Angeklagten: Seit Jahren sind sie der Polizei bekannt, wurden immer wieder wegen Drogenbesitzes, Diebstahls oder Köperverletzung festgenommen. Am 12. September 2009 folgte dann der tragische Höhepunkt ihrer kriminellen Laufbahn.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Markus und Sebastian mit ihrem Kumpel Christoph T. an diesem Samstagnachmittag am S-Bahnhof Donnersberger Brücke vier Schüler im Alter von 13 bis 15 ausrauben - "abziehen" - wollen. Dabei bedrohen sie die Schüler, Christoph schlägt sogar zu. Während Christoph dann zu seiner Oma fährt, steigen Markus und Sebastian mit den Jugendlichen in die S-Bahn 7 in Richtung Wolfratshausen. In der Bahn ist auch Dominik Brunner. Der Manager, der auf dem Weg zu seiner Sollner Wohnung ist, sitzt direkt neben Markus und Sebastian. Er bekommt laut Anklage mit, wie die beiden Jungs lautstark ankündigen, die Schüler überfallen zu wollen. Brunner ruft noch in der S-Bahn die Polizei und bietet den Schülern an, mit ihm in Solln auszusteigen.

Markus und Sebastian folgen der Gruppe um Brunner, um sich zu rächen, so die Staatsanwaltschaft. "Spätestens zu diesem Zeitpunkt beschlossen die beiden Angeklagten, den später Getöteten für dessen Eingreifen zu bestrafen und zusammenzuschlagen." Mit "geballten Fäusten" seien die beiden mutmaßlichen Täter auf Brunner losgegangen, sagt Staatsanwältin Verena Käbisch. Der habe zwar den ersten Treffer gegen Markus S. landen können, sei in der Folge dann aber von den beiden Jungs "mit äußerster Wucht auf den Kopf und den Oberkörper" geschlagen worden. Während Markus und Sebastian in ein nahes Gebüsch flüchten, wo sie später festgenommen werden, stirbt Brunner noch am gleichen Abend.

Ein "Blackout"

"Ich habe die Kontrolle verloren. Ich hatte einen Blackout." Diese Erklärung für die Tat in Solln liest einer der Verteidiger von Markus S. für seinen Mandanten im Prozess vor. Markus wolle sich nicht selber zu den Geschehnissen äußern, da zu befürchten stehe, dass er einer Befragung nicht gewachsen sei und so das Gesamtbild verfälscht werde. Aber dann traut sich der Angeklagte doch, ein paar Worte ins Mikrofon zu flüstern. "Ich weiß, dass das was ich getan habe, nicht zu entschuldigen ist und mir tut der Tod des Herrn Brunner unendlich leid." Markus' Stimme stockt, er holt tief Luft und fährt leise fort: "Ich habe nicht mit seinem Tod gerechnet. Ich bitte um Entschuldigung."

In der verlesenen Erklärung beschreibt Markus allerdings einen anderen Tatablauf als die Staatsanwaltschaft. Er und Sebastian hätten in der S-Bahn nicht mehr vorgehabt, die Schüler zu berauben. "Ich wollte mich nur aufspielen und cool sein. Das war nicht ernst gemeint. Ums abziehen ging es gar nicht", meint Markus. Am Bahnsteig in Solln sei Brunner dann mit erhobenen Fäusten vor ihnen getänzelt und habe ihn geschlagen. "Damit habe ich nicht gerechnet. Ich war verwirrt und wurde richtig wütend."

Brunner der Aggressor? Markus' Freund Sebastian hat offenbar eine ähnliche Erinnerung. In oft kaum verständlich ins Mikrofon gemurmelten Sätzen schildert er vor Gericht seine Sicht der Vorkommnisse. Die Schüler hätten in der S-Bahn über ihn und seinen Kumpel gelästert, meint Sebastian. "Als ich das gemerkt habe, habe ich sie beleidigt, um ihnen Angst zu machen." Erst nach eindringlicher Ermahnung des Vorsitzenden Richter Reinhold Baier gibt Sebastian zu, den Schülern auch mit einem Raub gedroht zu haben. In Solln seien er und Markus dann aber nur ausgestiegen, weil sie ihre eigentliche Station verpasst hätten, sagt Sebastian. "Ich war auch nicht verärgert über Herrn Brunner." Der habe sich dann aber vor ihnen aufgebaut, eine Ausweichmöglichkeit habe es nicht mehr gegeben, schildert der heute 18-Jährige."Ich habe noch zu Herrn Brunner gesagt: Du bist ja ein ganz Harter. Dann waren wir auf seiner Höhe und Herr Brunner hat dem Markus mit der Faust ins Gesicht geschlagen." Geblutet habe sein Freund und Tränen in den Augen gehabt, erinnert sich Sebastian. "Dann hat Markus zugeschlagen. Ich hatte den Eindruck, dass Markus unterlegen ist und deshalb habe ich auch auf Herrn Brunner losgeschlagen."

"Mir kam das alles zu krass vor"

Doch wie genau die Schlägerei, die offenbar nur eine Minute dauerte, ablief, daran will sich Sebastian nicht mehr erinnern können. Weder kann der Angeklagte sagen, wie viele Male und an welchen Stellen des Körpers er und sein Kumpel Brunner getroffen haben. Sebastian fehlt auch die Erinnerung daran, wie Brunner zu Boden gegangen ist. Nur an einen Umstand will sich Sebastian noch genau erinnern: "Als ich gesehen habe, wie Markus den Herrn Brunner getreten hat, habe ich ihn weggezogen. Ich habe gesagt: 'Hör' auf, übertreib's nicht.' Markus hat dann noch einmal getreten, ich habe ihn wieder weggezogen und dann sind wir über die Gleise geflüchtet."

Mit skeptischer Miene fragt Richter Baier nach: "Warum haben sie Markus denn weggezogen." Antwort Sebastian: "Mir kam das alles zu krass vor." Was genau ihm aber so "krass" vorgekommen sei, kann der Angeklagte nicht beschreiben. Schließlich will er auch keinerlei Verletzungen oder gar Blutspuren an Brunner bemerkt haben. Seine Begründung: "In dem Moment hat man daran ja nicht gedacht."

Ein Urteil könnten die Richter noch im Juli fällen. Dem Angeklagten Sebastian L. droht nach Jugendstrafrecht eine zehnjährige Haftstrafe, Markus S. könnte sogar eine lebenslange Gefängnisstrafe bekommen.


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