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Prozessauftakt in Memmingen Amokläufer nennt Liebeskummer als Motiv


Seine Freundin hatte sich von ihm getrennt, er verschaffte sich Waffen und lief an seiner Schule in Memmingen Amok. Nun startet der Prozess gegen den 15-Jährigen - unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Sein Liebeskummer könnte einen 15-Jährigen aus Memmingen für lange Zeit in Jugendhaft bringen: Vor dem Landgericht Memmingen muss sich der Schüler seit Dienstag unter anderem wegen zwölffachen versuchten Totschlags verantworten, weil er an seiner Schule und auf Polizisten Schüsse abgegeben haben soll. Als Motiv gab der Jugendliche das Ende seiner Beziehung zu seiner Freundin an, wie ein Gerichtssprecher sagte.

Dem Angeklagten drohen bis zu zehn Jahre Jugendhaft. Der Prozess gegen den 15-Jährigen findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Der Jugendliche hatte im Mai vergangenen Jahres seine im Allgäu gelegene Heimatstadt in Angst und Schrecken versetzt und an seiner Schule Amokalarm ausgelöst.

Der Angeklagte habe den Ablauf der Tat so geschildert, sagte Mürbe: "Die Freundin hat ihm vorgeworfen, dass er mit anderen Mädchen geflirtet hat." Bereits am Abend vor der Tat war er daher erregt und aggressiv und reagierte sich im häuslichen Keller im Beisein seines Vaters beim Schießen mit Luftdruckwaffen ab. Als der Vater ihn zwischendurch alleine ließ, manipulierte er das Zahlenschloss des Tresors, in dem der Schlüssel für den Waffenraum gelagert war. Später verschaffte er sich dort zwei scharfe Pistolen, eine Luftdruckpistole, einen Dolch und Munition. Diese Waffen nahm er am nächsten Morgen mit in die Schule.

"Er hat sie offenbar tatsächlich gesucht"

Nach seiner Festnahme war der Schüler zunächst in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Seit Herbst sitzt er in Untersuchungshaft. Ein Gutachter hat ihn für schuldfähig erklärt. Bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu zehn Jahre Jugendstrafe. Der Prozess wird an diesem Donnerstag (24. Januar) fortgesetzt. Während der Beweisaufnahme sollen vier Sachverständige und 54 Zeugen gehört werden - darunter einige Mitschüler des Angeklagten.

Am Tattag war Mitschülern des Jungen im Schulbus aufgefallen, dass dieser Waffen in einem Rucksack bei sich trug. Fünf Schüler sagten dem Gerichtssprecher zufolge am Dienstag aus, der Jugendliche habe ihnen gesagt, dass er wegen der Trennung seine Ex-Freundin und "mehrere Lehrer" umbringen wolle. Außerdem habe er gedroht, falls sie von den Waffen erzählen würden, "bringe ich euch auch noch um".

Die Schüler hätten zwar überlegt, wie sie dennoch jemanden verständigen können, hätten dies aber nicht umsetzen können. In der Schule ging der Jugendliche laut Anklage in die Mensa. Eine Lehrerin habe als Zeugin geschildert, wie er ihr dort eine Waffe vorgehalten habe und sie bedroht habe. Danach habe er sich in der Mensa umgeschaut, ob er seine Ex-Freundin findet. "Er hat sie offenbar tatsächlich gesucht", sagte der Sprecher. Wie ernsthaft die Suche und die Morddrohungen waren, müsse der Prozess ergeben.

Stundenlanger Nervenkrieg mit der Polizei

Noch in der Schule hatte sich ein Schuss aus einer der Waffen gelöst. Nach Angaben des Jugendlichen war dies ein Versehen, ein Polizist sagte als Zeuge aus, die Spurenlage am Tatort bestätige diese Darstellung. Nach der Schussabgabe war der Junge mehrere Kilometer auf einen Sportplatz in einem nördlichen Vorort Memmingens geflohen. Für die Zeit dort habe der Jugendliche von einem kompletten Blackout gesprochen, sagte der Gerichtssprecher. Ob dies zutreffen kann oder eine Schutzbehauptung ist, müsse das Gericht klären.

Auf dem Sportplatz hatte sich der 15-jähre einen stundenlangen Nervenkrieg mit der Polizei geliefert. Er gab dort dem Gerichtssprecher zufolge eine Vielzahl von Schüssen ab, mehrere davon auf Polizisten und Polizeiwagen. Darunter auch ein Polizeiwagen, mit dem Kinder in Sicherheit gebracht werden sollten. Erst nach mehreren Stunden gab der Junge auf.

Der zur Tatzeit 14-Jährige sagte nach Angaben des Gerichtssprechers aus, dass am Vortag seiner Tat seine ein Jahr jüngere Freundin mit ihm Schluss gemacht habe. Er habe das Ende dieser Jugendliebe sehr ernst genommen und sich ungerecht behandelt gefühlt. Zum Frustabbau habe er seinen Vater gebeten, im Keller ihres Wohnhauses schießen zu dürfen.

"Wunsch, bewundert und geliebt zu werden"

Wie der Sprecher weiter sagte, habe der Vater - ein Sportschütze - seinem Sohn Luftdruckpistolen gegeben. Dies sei legal gewesen. Der Sohn habe dann aber die Gelegenheit genutzt, um den elektronisch gesicherten Waffenschrank seines Vaters zu manipulieren. Als er alleine war, habe er aus dem von ihm manipulierten Tresor dann scharfe Waffen und 350 Schuss Munition entwendet und in seinen Rucksack gesteckt. Der Schüler sitzt in einem Jugendgefängnis in Untersuchungshaft und besucht dort auch die Schule.

Zwischenfälle wie in Memmingen, wo ein Amoklauf angedeutet wurde, sind nach Angaben eines Experten häufiger zu beobachten. "Das ist ähnlich wie bei einem Suizid. Es gibt Fälle, wo die Betroffenen nur auf sich aufmerksam machen wollen und eine Selbsttötung gar nicht beabsichtigt ist", sagte der Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, Rudolf Egg, der Nachrichtenagentur DPA. "Der eigentliche Wunsch dieser Menschen ist, bewundert und geliebt zu werden." Vielen sei auch die mediale Wirkung ihrer spektakulären Taten bewusst. "Sie wollen sich damit berühmt machen."

jat/AFP/DPA DPA

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