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Prozessauftakt in München: Die Gewaltorgie in der U-Bahn

Diese Tat schockte Deutschland: Zwei Männer prügelten im Dezember 2007 einen Pensionär in einem Münchner U-Bahnhof halbtot. Eine Überwachungskamera filmte den brutalen Überfall. Nun stehen die mutmaßlichen Täter vor Gericht und müssen einen Konflikt untereinander ausfechten.

Von Malte Arnsperger

20. Dezember 2007, ein Donnerstag. Deutschland bereitet sich auf das bevorstehende Weihnachtsfest vor. Auch der Pensionär Bruno Hubert N. Der ehemalige Lehrer aus München besuchte an diesem Abend ein Weihnachtsfest seiner alten Schule und fuhr dann mit der U-Bahn nach Hause zurück. Doch dort sollte er nicht ankommen. Vielmehr landete der 76-Jährige mit lebensgefährlichen Verletzungen auf der Intensivstation. Zwei Männer hatten ihn auf einem U-Bahnhof brutal zusammengeschlagen.

Die Gewaltorgie wurde von Überwachungskameras gefilmt. Die Münchner Polizei veröffentlichte Teile des Videos, der Überfall und die daraus folgende Diskussion über gewalttätige Jugendliche wurden zum beherrschenden Thema in ganz Deutschland. Aber das Video half der Polizei auch dabei, schnell die beiden mutmaßlichen Täter Serkan A., 21 und Spyridon L., 18, zu finden. Nun, fast genau sechs Monate danach, müssen sie sich vor dem Landgericht München verantworten.

Anklage: Bespuckt, beleidigt und verprügelt

Die zwei jungen Männer sind unter anderem wegen versuchtem Mord angeklagt. Denn sie hätten aus Heimtücke und niedrigen Beweggründen versucht, einen Menschen zu töten, so die Staatsanwaltschaft. Ein nichtiger Grund habe zu dem erschreckenden Gewaltausbruch geführt: Demnach saß Bruno Hubert N. an dem fraglichen Abend gegen 22 Uhr mit Serkan A. und Spyridon L. in einem U-Bahn-Waggon. Als sich L. eine Zigarette anzündete, wies ihn der Pensionär auf das Rauchverbot hin. Daraufhin wurde er laut Anklage von L. bespuckt und mit den Worten "Scheiß Deutsche" beleidigt. Bruno Hubert N. setzte sich um und verlies kurze Zeit später die U-Bahn.

Doch Serkan A. und Spyridon L. folgten ihm in das Zwischengeschoss des Bahnhofs. Ohne Vorwarnung attackierte einer der beiden - nach Angaben der Staatsanwaltschaft war es Serkan A. - den völlig ahnungslosen Pensionär mit einem Schlag gegen den Kopf. Bruno Hubert N. fiel zu Boden, wie von Sinnen prügelten Serkan A. und Spyridon L. auf den hilflosen alten Herrn ein. Am Ende dann der Gipfel der Brutalität: Einer der beiden Männer, laut Anklage Spyridon L., nahm Anlauf und trat wie ein Fußballspieler mit dem Fuß auf den Kopf des Opfers ein. Die Täter flüchteten und nahmen den Rucksack ihres Opfers mit. Der schwer verletzte N. wurde von einem Passanten entdeckt und mit mehreren Schädelbrüchen, einer Gehirnblutung und zahlreichen Blutergüssen ins Krankenhaus eingeliefert. "Die haben mich fast ins Grab gebracht", sagte Bruno Hubert N. einige Tage nach der Tat in einem Interview.

Nachdem die beiden mutmaßlichen Täter gefasst wurden, entbrannte eine hitzige Debatte über Ausländerkriminalität und prügelnde Jugendliche. Denn schnell stellte sich heraus, dass es sich bei den beiden um der Polizei wohlbekannte junge Männer handelt. Der in Deutschland geborene Türke Serkan A. wurde schon wegen Körperverletzung und Drogendelikten verurteilt, sein Kumpane, der Grieche Spyridon L., soll ebenfalls schon mehrfach wegen ähnlicher Vergehen aufgefallen sein.

Insbesondere der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) wollte sich diesen Umstand zunutze machen und startete in den Wochen nach der Tat eine Kampagne, kräftig unterstützt von der "Bild"-Zeitung. Koch, der damals mitten im Landtagswahlkampf steckte, forderte eine härtere Gangart gegen ausländische Straftäter. "Wir haben zu viele kriminelle Ausländer" sagte er in der "Bild". Auch andere Politiker, insbesondere aus der Union, aber auch der SPD, sprangen auf den Zug auf. Sie forderten die häufigere Anwendung des strengeren Erwachsenenstrafrechts bei 18- bis 21-Jährigen und die schnellere Ausweisung ausländischer Serienstraftäter. Die Nation diskutierte wochenlang über "Schock-Haft" und Erziehungscamps für jugendliche Schläger. Die CSU gebrauchte in ihrem Kommunalwahlkampf in München sogar Bilder aus dem Überwachungsvideos für ein Wahlplakat. Koch und die CSU wurde von vielen politischen Beobachtern vorgeworfen, eine "Hetzkampagne" inszeniert zu haben und am rechten Rand zu fischen. Doch die offensichtliche Instrumentalisierung des Themas war nicht von Erfolg gekrönt: Kochs CDU brach bei der Wahl in Hessen dramatisch ein, die CSU verlor den Oberbürgermeisterwahlkampf in München gegen Amtsinhaber Christian Ude.

Anwalt: "Der Haupttäter war Spyridon L."

Für Serkan A. und Spyridon L. geht es vor Gericht um ihre Zukunft. Denn ihnen drohen lange Jahre hinter Gitter. Serkan A., zur Tatzeit 20 Jahre alt, könnte nach Erwachsenenstrafrecht zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt werden. In der Regel gelten 18- bis 21-Jährige Täter aber als Heranwachsende und werden nach dem milderen Jugendstrafrecht beurteilt. Damit liegt die Höchststrafe für Serkan A. - wie auch für den damals 17-jährigen Spyridon L. - bei zehn Jahren Gefängnis.

Schon vor Prozessbeginn zeichnet sich ein Konflikt zwischen den beiden Angeklagten ab: Für den Anwalt von Serkan A. ist der 20-Jährige nur Mitläufer gewesen: "Der Haupttäter war Spyridon L.", sagte Michael Gallus zu stern.de. "Mein Mandant muss sich nicht die exzessiven Taten des anderen anrechnen lassen. Deshalb kommt für meinen Mandanten nur eine Verurteilung wegen schwerer Körperverletzung in Frage." Denn, so Anwalt Gallus, nur die Tritte und Schläge von Spyridon L. seien für das Opfer lebensgefährlich gewesen. Beide Angeklagten wollen zudem bei der Tat betrunken gewesen sein, Serkan A. stand nach Angaben seines Anwalts auch unter Drogen. Umstände, die für die Frage der Schuldfähigkeit der Angeklagten und auch bei der Strafzumessung eine Rolle spielen könnten.

Der Anwalt von Spyridon L. will bei dem Prozess die Öffentlichkeit ausschließen lassen. Dies ist üblich bei Verfahren gegen Jugendliche - also Personen, die zum Tatzeitpunkt unter 18 Jahre alt waren. Da allerdings der ältere Serkan A. als Heranwachsender mitangeklagt ist, wird das Gericht eine solche Maßnahme wohl nur für die Dauer der Angaben zu Person von Spyridon L. anordnen.

Am ersten Prozesstag wird sich nach Angaben der Anwälte nur Spyridon L. zur Tat äußern. Am zweiten Prozesstag soll das Opfer Bruno Hubert N. als Zeuge auftreten. Der 76-Jährige hatte zwar Entschuldigungsbriefe von Serkan A. und Spyridon L. bekommen. Vergeben werde er ihnen jedoch nicht, wie der Pensionär der "Süddeutschen Zeitung" sagte. Einem Priester habe er kurz nach der Tat gesagt: "Nicht einmal Jesus Christus könnte das verzeihen."