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Prozessbeginn in Dachau Todesschüsse auf die Justiz


Im Januar wurde ein junger Staatsanwalt im Dachauer Gericht erschossen, nun muss sich der mutmaßliche Mörder verantworten. Das Drama ist das tragische Ende eines jahrelangen Kampfes mit der Justiz.
Von Malte Arnsperger

Seinen mutmaßlichen Mörder hat Tilman Turck vorher nie gesehen. Es ist purer Zufall, dass der 31-Jährige Staatsanwalt an diesem 11. Januar 2012 im Dachauer Amtsgericht zum Dienst eingeteilt wird und im Betrugsprozess gegen Rudolf U. die Anklage vertritt. Noch während der Urteilsbegründung wird Turck im Gerichtssaal erschossen. Rudolf U. muss sich ab Montag wegen der Todesschüsse verantworten. Es ist ein außergewöhnlicher Fall, der bundesweit für Entsetzen gesorgt hat. Bayern hat mittlerweile wegen der Tat die Sicherheitsvorkehrungen an den Gerichten massiv verstärkt. Der Mord-Prozess am Landgericht München, der über mehrere Wochen angesetzt ist, muss nun die Frage beantworten, warum der 55-jährige Rudolf U. im Gerichtssaal die Pistole auf einen ihm völlig unbekannten Mann richtete.

Es ist ein sonniger Januartag in Dachau. Am Amtsgericht, hoch oben über der Stadt, ist ab 15 Uhr die Fortsetzung im Prozess gegen Rudolf U. angesetzt. U., ein insolventer Transportunternehmer, soll Sozialversicherungsbeiträge hinterzogen haben. Im Sitzungsaal C nimmt U. neben seiner Anwältin Platz, ihm gegenüber sitzt Staatsanwalt Turck. Der junge Mann, erst seit wenigen Monaten Staatsanwalt, hatte bis dahin nichts mit dem Verfahren gegen U. zu tun. An den vorangegangenen Prozesstagen hatten seine Kollegen die Staatsanwaltschaft München II vertreten. Und nur weil zwei Termine im Dezember 2011 geplatzt waren, traf Turck überhaupt an diesem 11. Januar auf Rudolf U.

Der erfolgreiche Staatsanwalt

Nach den Plädoyers beginnt Richter Lukas Neubeck um kurz nach 16 Uhr mit der Urteilsverlesung. Er spricht U. schuldig. Neubeck kommt vielleicht noch dazu, die Strafe - ein Jahr Gefängnis auf Bewährung - auszusprechen. Die Mordanklage beschreibt die Minuten danach: Rudolf U. zieht eine Pistole aus seiner Jackentasche. Er feuert auf den Staatsanwalt, trifft ihn einmal an der rechten Hand. Turck, dessen Tisch keine Blende hat, der sich also nicht flüchten kann, krümmt sich nach vorne. Der zweite Schuss trifft ihn in der Schulter und dringt der Länge nach in Turcks Körper ein. Panisch flüchten sich der Richter, die Anwältin von Rudolf U. und eine Justizsekretärin unter den Richtertisch, der eine Blende hat. U. schießt auf sie, trifft aber nur die Heizung dahinter.

Der schwerfällige und nach einem Schlaganfall rechtsseitig gelähmte Mann dreht sich kurz um, geht dann ein paar Schritte, will wieder in Richtung Richtertisch feuern. Doch im letzten Moment werfen sich zwei der Prozess-Zeugen, Zollbeamte, auf Rudolf U. und ringen ihn zu Boden. Der kann zwar noch drei Schüsse abgeben, verfehlt aber sein Ziel und wird von den beiden Männern entwaffnet. Herbeieilende Polizeibeamte nehmen ihn fest. Eine Notärztin kümmert sich um den schwer verletzten Staatsanwalt. Der kann noch antworten, klagt über Schmerzen. Turck wird sofort in ein Dachauer Krankenhaus gebracht, wo er nur wenig später stirbt.

Das Schicksal führte im Dachauer Amtsgericht zwei Menschen zusammen, deren Leben nicht unterschiedlicher hätte sein können. Da ist Tilman Turck, 31, ein erfolgsverwöhnter junger Mann, Typ Schwiegermutter-Liebling. Er kommt aus gutem Hause, seine Mutter ist Buchautorin, sein Vater Rechtsanwalt, sie wohnen in einem guten Viertel von München, Tilman studiert Jura an der Ludwigs-Maximilian-Universität. Er ist ein überragender Student, seine beiden Staatsexamen gehören zu den allerbesten Bayerns. Turck studiert an einer New Yorker Universität weiter. Nach einiger Zeit zieht er mit seiner Frau zusammen nach München. Begabte Juristen wie Tilman Turck können in der Wirtschaft oder bei großen Kanzleien reich werden. Doch Turck fängt im Jahr 2011 bei der Staatsanwaltschaft München II an. Er will später Richter werden. Ein ehemaliger Studienfreund bezeichnet ihn als "überdurchschnittlich freundlichen und netten Menschen". Er habe großen Respekt vor Turck gehabt, der trotz des guten Examens nicht bei einer Top-Kanzlei angeheuert sondern sich in den Dienst des Staates gestellt habe. Turcks Doktorvater sagte bei der Trauerfeier: "Mit seinem Talent hätte er es bis ans Bundesverfassungsgericht gebracht."

Ein Lottogewinn half nicht wirklich weiter

Rudolf U. hatte es in seinem Leben viel schwerer. 1957 in München geboren, wuchs er bei Pflegeeltern auf und saß als junger Mann wegen Drogen- und Eigentumsdelikten in Haft. Doch Rudolf U. kämpfte sich heraus, seit den 80er-Jahren betrieb er eine Transportfirma in Dachau. U. habe ein durchaus "ansehnliches Unternehmen" gehabt, sagt einer, der ihn und seine Firma gut kennt. Schließlich habe U. mehrere Arbeitnehmer beschäftigt, einige LKW besessen und "nennenswerte" Aufträge gehabt.

Doch er ist ein Typ, der gleichermaßen an Selbstüberschätzung und Minderwertigkeitskomplexen zu leiden scheint. Rudolf U., so sagen Leute, die ihn in dieser Zeit erlebten, habe sich oft falsch verstanden gefühlt und häufig auf seinem Standpunkt beharrt, auch wenn klar war, dass er keine Beweise hatte. So wurde er zum Dauergast bei Anwälten und Gerichten. An über 30 Verfahren sei U. in den vergangenen Jahren beteiligt gewesen, sagt sein jetziger Verteidiger Maximilian Kaiser. Mal verklagte Rudolf U. seinen Fahrer, weil der einen Firmen-LKW für private Zwecke genutzt habe, mal zoffte er sich jahrelang mit der Versicherung um einen Unfallschaden. Mit jedem Verfahren wuchs sein Hass auf die Justiz. "Wenn die Ermittlungen eingestellt wurden, hat er sich natürlich aufgeregt, weil er dachte, die Justiz interessiert sich nicht für seine Anzeige", sagt Anwalt Kaiser. "Und wenn es eine strafrechtliche Verurteilung gab, hat U. trotzdem kein Geld bekommen, denn das bekommt man ja nur bei einer Zivilklage. Das hat U. aber als juristischer Laie nicht gewusst und so vergeblich auf Entschädigung gehofft."

Zwar gewann U. im Jahr 2004 im Lotto 125.000 Euro. Doch auch das half ihm am Ende nicht, im Krisenjahr 2009 musste er für seine Firma Insolvenz anmelden. Parallel bekam er massive gesundheitliche Probleme. U., der sein Gewicht auf einer Dating-Seite mit 130 Kilo angab und sich bei 1,83 Meter Körpergröße als "mollig" bezeichnete, leidet unter Bluthochdruck, so sein Anwalt. Er habe deshalb ständig Heparin-Spritzen benötigt. U. habe Zuschüsse für das Medikament gefordert, ein Sozialgericht habe ihm das aber verwehrt, sagt Kaiser. "U. hat mir gesagt, dass er deswegen viel weniger Spritzen als nötig kaufen konnte und in der Folge 2009 einen Schlaganfall erlitten habe."

Rudolf U. stand also vor den Scherben seiner Existenz, die er sich mit viel Kampfgeist aufgebaut und für die er jahrelang vor Gericht gestritten hatte. Verantwortlich für alles Unglück war aus seiner Sicht die Justiz, die sowohl seine Firma als auch seine Gesundheit ruiniert hatte.

Nach seinem Schlaganfall halbseitig gelähmt, wohnte U. in einer Dachauer Wohnung für Behinderte. Nachbarn erinnern sich, wie sich der Mann ständig über jede Kleinigkeit aufregte, etwa, weil die Tür vom Müllhäuschen offen stand oder der Bus in die Stadt nur dreimal am Tag fuhr. U. sei auf einen Elektroroller angewiesen, er habe kaum Besuch gehabt, nur mit einer ebenfalls kranken Frau aus dem Erdgeschoss habe er hin und wieder Kaffee getrunken. "U. hat einfach nicht akzeptiert, dass er eine Behinderung hat, er ist daran kaputtgegangen."

Die Verbitterung der Anklage

Im Januar 2010 begannen die Ermittlungen gegen U., weil er zwei Angestellte fälschlicherweise als Subunternehmer ausgegeben und damit 44.000 Euro an Sozialversicherungsbeiträgen hinterzogen haben soll. Angesichts der vielen vorherigen Verfahren eigentlich eine Lappalie. Doch für Rudolf U. war es wohl der berühmte Tropfen zu viel. Er ließ seinem jahrelang angestauten Frust freie Bahn und wurde zum Gewalttäter. "Für mich steht fest, dass es ohne die ganzen Verfahren in der Vergangenheit nicht zu dieser Tat gekommen wäre", sagt sein Verteidiger Kaiser. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass U. neben Turck auch die drei Personen - also auch seine eigene Anwältin - unter dem Richtertisch töten wollte oder dies zumindest in Kauf genommen hat.

Das dies ein außergewöhnlicher Fall ist, zeigte sich auch in den vergangenen Wochen: So gibt es massiven Streit zwischen den Anwälten von Rudolf U. Wahlverteidiger Maximilian Kaiser wirft dem Pflichtverteidiger Wilfried Eysell unter anderem vor, nach der Tat ohne Zustimmung des Angeklagten mit Journalisten gesprochen und U. dabei massiv geschadet zu haben. Kaiser sagt, Rudolf U. wolle mit Eysell nichts mehr zu tun haben. Der Wahlverteidiger versucht deshalb seit Monaten, seinen Kollegen als Pflichtverteidiger abzulösen. Doch er scheiterte in mehreren Instanzen. Eysell sagte stern.de: "Die Beschwerden des Kollegen wurden abgelehnt. Ich werde den Termin vor Gericht wahrnehmen. Ansonsten sage ich zu dem Fall nichts, das bringt nur Ärger."

Viel Ärger gab es wegen Rudolf U. auch im Gefängnis. Der Angeklagte, dem schon im Sommer ein Bein abgenommen werden musste, versuchte offenbar, sich in Haft zu Tode zu hungern und verweigerte ärztliche Hilfe. Der Prozess musste verschoben werden, weil Rudolf U. eine Blutvergiftung bekam. Wohl erst in letzter Minute stimmte der Mann einer lebensrettenden Amputation zu. Seitdem streiten sich Justiz und der Wahlverteidiger darüber, ob dies wirklich freiwillig geschah. Beantworten kann diese Frage und die Frage nach dem "Warum" nur einer: der Angeklagte.


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