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Prozessbeginn in Nürnberg: Rentner soll Tochter 34 Jahre lang vergewaltigt haben

Vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth beginnt der Prozess um einen Inzestfall, der sich über einen Zeitraum von 34 Jahren in Mittelfranken zugetragen haben soll. Ein 69 Jahre alter Rentner ist wegen der 500-fachen Vergewaltigung seiner Tochter angeklagt.

Ein Dorf, in dem es sich zu leben lohnt" - so beschreibt sich das kleine Willmersbach in Mittelfranken auf seiner Internetseite. Gut 130 Häuser stehen in dem Ort. In einem dieser Häuser hat sich nach Auffassung der Staatsanwaltschaft aber etwas zugetragen, was so gar nicht in das Bild des lebenswerten Dorfes passt. 34 Jahre lang soll ein Mann dort seine Tochter regelmäßig vergewaltigt haben. Drei Söhne sollen aus diesem Inzestfall hervor gegangen sein. Und weil in Willmersbach viele schon lange etwas ahnten, wird es in dem Prozess zumindest am Rande auch um die Frage gehen, warum weggesehen wurde.

Die Anklage gegen den 69 Jahre alten Adolf B. vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth lautet auf Vergewaltigung in 479 Fällen. B. ist nur wegen der bis zum Jahr 1991 zurückreichenden, noch nicht verjährten Vergewaltigungsvorwürfe angeklagt. Damit werden nur die Fälle berücksichtigt, die ab dem 26. Geburtstag der heute 46-jährigen Frau geschahen. Doch ihr Martyrium soll schon ab ihrem zwölften Lebensjahr begonnen haben.

Knapp 500 Fälle in zwanzig Jahren bedeutet, dass der Rentner seine als Nebenklägerin auftretende Tochter etwa jede zweite Woche vergewaltigt hat. Drei Mal soll er seine Tochter geschwängert haben. Zwei der Söhne starben, ein Sohn lebt und ist behindert. Außerdem hat die Frau noch ein weiteres Kind, das von ihrem Onkel sein soll. Der Vater der 46-Jährigen bestreitet den körperlichen Kontakt nicht. In allen Befragungen durch die Polizei sprach er aber von einvernehmlichem Geschlechtsverkehr.

Ständige Kontrolle

Die Staatsanwaltschaft sieht die Dinge anders. Nach ihrer Auffassung schaffte es die im Haushalt der Eltern lebende Tochter nicht, sich dem autoritären Vater zu entziehen. Die Familie bewegt sich laut Gericht auf einem niedrigen Bildungsniveau, offenbar fehlten der Frau die Ideen, aus ihrer Lage zu entkommen. Der Vater sperrte seine Tochter zwar nicht wie in dem weltweit bekannt gewordenen österreichischen Fall des Josef F. ein. Er soll sie aber stets kontrolliert, bei Autofahrten und beim Einkaufen begleitet und außerdem keinen Kontakt zu anderen Menschen geduldet haben.

Die Vergewaltigungen geschahen zunächst im Elternhaus. Später soll er seine Tochter dann gezwungen haben, mit ihm in ihrem Auto in die Wälder um Willmersbach zu fahren, wo er sie dann auf dem Rücksitz des Wagens vergewaltigt haben soll. Im Ort wussten die Menschen angeblich von diesen Fahrten in den Wald. Unter den 24 geladenen Zeugen sind Willmersbacher, die dazu befragt werden sollen. Auch soll der Vater dabei gesehen worden sein, wie er sich an seiner Tochter vergangen hat. In dem Dorf gab es zudem seit langem Tratsch darüber, dass in der Familie nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Doch warum nie jemand nachfragte oder die Behörden einschaltete, ist bis heute ebenso ungeklärt wie die Frage, ob die Ehefrau und Mutter nicht auch etwas gewusst hat.

Aufmerksam wurden die Ermittler auf den Fall daher zu Beginn des Jahres nur durch einen Zufall. Die Tochter war selbst straffällig geworden. Sie hatte versucht, Ärzte zu erpressen, weil sie ihnen die Verantwortung für die Behinderung ihres Sohnes gab. Die Erpressung flog auf, die Frau erhielt eine Bewährungsstrafe. Zu ihrer Bewährungshelferin fasste sie schließlich so viel Vertrauen, dass sie nach 34 Jahren die Mauer des Schweigens durchbrach. Bereits kurz nach den Berichten wurde der Vater festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

Lange Haftstrafe wahrscheinlich

Die Aussage der Frau sei angesichts des Leugnens des Vaters das "zentrale Beweismittel" in dem Prozess, sagt ein Gerichtssprecher. Wenn das Gericht ihr glaubt, wird der Vater verurteilt, eine lange Haftstrafe ist dann wahrscheinlich. Wenige Tage vor Weihnachten soll das Urteil fallen. Im kleinen Willmersbach werden sie womöglich froh sein, wenn dann wieder Ruhe in den Ort einkehrt.

Ralf Isermann, AFP / AFP