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Prozessbeginn: Späte Reue der U-Bahn-Schläger

"Ich habe nicht gewusst, dass der Mann so alt war. Ich habe ihn kaum gesehen. Ich war so dicht". Zum Prozessauftakt gegen die U-Bahn-Schläger von München haben die beiden Angeklagten, Serkan A. und Spyridon L., ausgesagt. Sie scheinen ihre Tat zu bereuen, präsentieren aber immer wieder die eine Ausrede.

Von Malte Arnsperger, München

Es tue ihm sehr leid. Er schäme sich. "Ich habe einen großen Fehler gemacht. Es ist sehr traurig", sagt Spyridon L. Keuchend, in gebrochenem Deutsch, trägt der kräftige 18-Jährige mit dem kurzen dunkelblonden Haaren und Dreitagebart diese Entschuldigung vor. Nur wenige Meter neben ihm sitzt sein Kumpane Serkan A. Auch der schmächtige 21-jährige mit dem Hundeblick leistet Abbitte, lässt sie aber von seinem Anwalt vortragen. Den zwei mutmaßlichen U-Bahn-Schlägern von München tut ihre Tat leid. Behaupten sie zumindest vor Gericht. Aber was sind solche Entschuldigungen wert, sechs Monate nachdem sie den Pensionär Bruno Hubert N. in einem U-Bahnhof brutal zusammengeschlagen haben und den hilflosen 76-Jährigen lebensgefährlich verletzt haben?

Richter Reinhold Baier zumindest verzieht keine Miene, als er den Reuebekundungen der beiden Angeklagten lauscht. Baier, ein ruhiger Mann mit grauen Haaren, wird in den kommenden Tagen über das Schicksal von Serkan A. und Spyridon L. entscheiden. Denn die beiden müssen sich nun vor seiner Jugendkammer des Landgerichts München wegen versuchtem Mord verantworten. Für eine Tat, die Deutschland kurz vor Weihnachten des vergangenen Jahres geschockt und anschließend eine wochenlange Diskussion über Ausländer- und Jugendkriminalität ausgelöst hatte.

"Ich hatte den Eindruck, er macht Stress"

Am 20. Dezember 2007 saßen die beiden jungen Männer eigenen Angaben zufolge in einer Münchner U-Bahn neben dem 76-jährigen Bruno Hubert N. Der habe Spyridon L. aufgefordert, seine Zigarette zu löschen. "Ich hatte den Eindruck, er macht Stress wegen der Zigarette", sagt Spyridon L. Er habe den Rentner bespuckt und "Hurenbastard" genannt, womöglich habe er ihn auch "Scheiß Deutscher" genannt. Dabei habe er gar nichts gegen Deutsche, versichert er nun vor Gericht.

Bruno Hubert N. setzte sich daraufhin um, verlässt wenig später die U-Bahn. Doch Serkan A. und Spyridon L. rannten ihm hinterher. Ohne Vorwarnung schlug Serkan A. den Pensionär von hinten nieder, trat ihm in den Oberkörper. Sein Kumpel Spyridon L. prügelte laut Anklage achtmal auf den auf dem Boden liegenden Mann ein. Zum Schluss, "nach Art eines Fußballers" wie es Staatsanwalt Laurent Laufleur nennt, trat er gegen den Kopf des Opfers.

Während Bruno Hubert N. mit schwersten Schädelverletzungen zurückbleibt, schnappten sich Serkan A. und Spyridon L. dessen Rucksack und flüchteten. Die Prügelorgie wurde von einer Überwachungskamera gefilmt, die Bilder in den folgenden Tagen immer wieder in vielen Zeitungsberichten und TV-Sendern gezeigt. Insbesondere Hessens Ministerpräsident Roland Koch hatte die Tat ausgenutzt, um - unterstützt von der "Bild"-Zeitung - eine Wahlkampf-Kampagne gegen kriminelle Ausländer und für eine verschärften Umgang mit jugendlichen Straftätern anzuzetteln.

Die beiden arbeitslosen Angeklagten Serkan A. und Spyridon L. räumen vor Gericht weitgehend ihre Schuld ein. Den Vorwurf, sie hätten versucht, ihr Opfer heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen zu töten, bestreiten aber beide. "Ich kann mir nicht erklären warum ich es getan habe", lässt Serkan A. seinen Anwalt Florian Wurtinger erklären. "Ich wollte ihn nicht töten." Auch habe er am fraglichen Abend, wie sein Kumpel auch, acht Bier getrunken und zuvor zwei Nasen Kokain geschnupft. "Ich kann mich nicht an alles erinnern." Mit in Falten gelegter Stirn hört der Türke, der seit der Geburt in Deutschland lebt, zu, wie sein Anwalt seine Sätze verliest.

Auch der 18-jährige Grieche Spyridon L., der 2001 nach Deutschland gekommen ist, weist immer wieder daraufhin, wie betrunken er an diesem Abend gewesen sei. "Ich war so dicht. Und wenn ich besoffen bin, werde ich immer aggressiv. Ein kleiner Grund reicht, dass ich anfangen zu hauen." Lange und ohne sichtbare Scheu äußert er sich zur Tat. Ja, sagt Spyridon L. mit tiefer Stimme, er könne sich erinnern, dem Pensionär zweimal geschlagen zu haben. Ja, getreten habe er ihn auch. Aber er habe erst bei der Prügelei mitgemacht, nachdem Serkan A. angefangen habe.

"Ich habe nicht gewusst, dass der Mann so alt war. Ich habe ihn kaum gesehen. Ich war so dicht", sagt Spyridon L.: Erst als er in der Zeitung gelesen habe, dass der Mann 76 Jahre alt sei und in Lebensgefahr schwebe, "habe ich gedacht, was für ein Scheiß hast du gemacht, das könnte dein Opa sein". Aber er sei ja so dicht gewesen, fügt Spyridon L. wieder hinzu. Trotzdem scheint ihm eine Folge seines Gewaltausbruches noch sehr gut im Gedächtnis geblieben zu sein. "Mein Fuß tat am Ende überall weh. Ich konnte kaum noch laufen", sagt der 18-Jährige und blickt den Richter an, also ob er Mitleid erwarte.

Reinhold Baier ist in München als harter aber fairer Richter bekannt. Deswegen lässt er sich auch von den juristischen Finten der Verteidigung nicht beeindrucken. Denn bevor überhaupt die Anklage verlesen wurde hatten die Anwälte von Serkan A. und Spyridon L. beantragt, die Öffentlichkeit während des gesamten Prozesses auszuschließen. (rechtliche Situation siehe Kasten).

Vorverurteilung durch "tendenziöse" Berichterstattung?

Dies sei im "Interesse der Erziehung" von Serkan A. und Spyridon L., argumentierten sie. Eine "Bloßstellung" und "Stigmatisierung" seines Angeklagten müsse verhindert werden, sagt etwa der Verteidiger von Serkan. A. Auch befürchten die Anwälte, dass ihre Mandanten möglicherweise "gehemmt" sein könnten, wenn sie vor einer großen Zuschauermenge über sich und die Tat berichten sollen. Durch die "enorme" und "teilweise tendenziöse" Berichterstattung seien die beiden zudem vorverurteilt worden.

Insbesondere auf die "Bild"-Zeitung hatte es der Verteidiger von Spyridon L. Wolfgang Kreuzer abgesehen und beantragte vor allem deren Reporter auszuschließen. Auch der öffentliche Erwartungsdruck auf die Richter könnte zu einer "unangemessen harten Bestrafung" führen, so Kreuzer. Er warnte sogar vor einer "Heroisierung" seines Mandanten. Richter Baier weißt den Antrag zurück: Die Angeklagten hätten sich offenbar mit ihrer Tat auseinandergesetzt. Auch würden sie sich öffentlich weder übermäßig in Szene setzen noch durch die Berichterstattung in der Untersuchungshaft zu Helden gemacht, so Baier.

Aufgrund des großen öffentlichen Interesses hat der Richter allerdings massive Sicherheitsmaßnahmen beim ersten Prozesstag verfügt. Die Zuschauer müssen durch zwei Kontrollen und wurden einer Leibesvisitation unterzogen, der Sitzungssaal wird streng abgeschirmt von den übrigen Räumen im großen Münchner Justizzentrum.

Im Prozess wird es nun vor allem darum gehen, ob die beiden Angeklagten die Tat geplant, und den möglichen Tod ihres Opfers beabsichtigten oder zumindest billigend in Kauf genommen hatten. Auch muss das Gericht feststellen, inwieweit Serkan A. und Spyridon L. durch ihren angeblichen Alkohol und Drogenkonsum schuldfähig sind.

Richter Baier lässt während der Verhandlung seine Zweifel an der Version der Angeklagten erkennen. Zudem müssen die geladenen Gutachter noch entscheiden, ob bei dem, zum Tatzeitpunkt 20-jährigen Serkan A., Erwachsenen oder Jugendstrafrecht angewendet wird. Für Erwachsene steht auf versuchten Mord eine lebenslange Freiheitsstrafe. In der Regel werden 18- bis 21-jährige Täter aber nach dem milderen Jugendstrafrecht beurteilt. Damit liegt die Höchststrafe für Serkan A. - wie auch für den damals 17-jährigen Spyridon L. - bei zehn Jahren Gefängnis.

Keine einmalige Kurzschlussreaktion zweier braver Bürger

Das Gericht wird sich für die Strafzumessung sicher auch mit der Tatsache auseinandersetzen, dass es sich bei der Gewaltexplosion in der U-Bahn nicht um eine einmalige Kurzschlussreaktion zweier ansonsten braver junger Männer handelt. Der Überfall ist der schreckliche Höhepunkt im Leben zweier der Polizei wohlbekannten Straftäter. Serkan A. wurde schon wegen Körperverletzung und Drogendelikten verurteilt, Spyridon L. ist ebenfalls mehrfach wegen ähnlicher Vergehen aufgefallen. Aber die Folgen ihrer U-Bahn-Tat scheint die beiden notorischen Schläger doch beeindruckt zu haben. Serkan A. sagt vor Gericht, das Geschehene belaste ihn schwer. Er sei im Gefängnis verlegt worden und habe nun sogar "Selbstmordpläne". Und Saufkumpane Spyridon L., der sich beim Fotoshooting vor dem Prozessbeginn noch breitbeinig und selbstbewusst vor die Presse gestellt hatte, versprach vor Gericht, seinen Alkoholkonsum künftig einzuschränken. "Wenn ich trinke, mache ich nur Scheiße. Ab jetzt trinke ich nichts mehr - nicht mehr so viel."

Am Dienstag soll der Pensionär Hubert Bruno N. als Zeuge aussagen. Dann werden sich Opfer und Täter zum ersten Mal seit diesem verhängnisvollen Tag im Dezember 2007 wieder sehen. Und sich vielleicht zeigen, was das Opfer von den wortreichen Beteuerungen und Entschuldigungen der beiden Angeklagten hält.