VG-Wort Pixel

Prügelattacke Den Medien sei Dank


In Berlin wurde ein Familienvater krankenhausreif geprügelt. Zwei der vier jugendlichen Täter sind erst 13 Jahre alt. Der sonst übliche mediale Aufschrei blieb aus.
Von Anna Miller

Kinder, die Erwachsene halb tot prügeln: Das ist brutale Realität. Erst vergangene Woche wurde ein 53-jähriger Familienvater in Berlin krankenhausreif geschlagen, weil er seine Tochter vor einem aggressiven Jugendlichen schützen wollte. Sein Einschreiten wurde mit einer Gewaltattacke quittiert. Zu viert gingen die Jungen auf den Vater los, zwangen ihn zu Boden, traten noch auf ihn ein, als er sich schon nicht mehr wehren konnte. Zwei der vier Täter sind erst 13 Jahre alt, strafunmündig - und wurden unmittelbar nach der Tat wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Ermittlungen laufen. Ein Pressesprecher bestätigt: "Die 13-Jährigen spielten eine aktive Rolle bei der Tat." Mitläufer vielleicht, aber sicher nicht bloß Zuschauer.

"Berichterstattung ist eine Ware"

So krass der Fall, so knapp die Berichterstattung: Außerhalb Berlins greift kaum ein Medium die Tat auf. Obschon das mediale Interesse an Gruppen-Jugendgewalttaten bislang immer sehr groß war. Möglich, dass das fehlende Interesse schlicht damit zu tun hat, dass das Opfer nicht lebensgefährlich verletzt wurde - oder tot ist. Der Bundesvorsitzende der deutschen Polizeigewerkschaft (DPoIG), Rainer Wendt, sagt: "Man hat sich eben an die Gewalttaten gewöhnt. Berichterstattung ist eine Ware, die verkauft werden muss. Wenn über jeden Überfall in Berlin berichtet würde, hätten die Zeitungen nur noch ein Thema."

Dabei ist es mitunter den Medien zu verdanken, dass die Kriminalitätsrate bei Jugendlichen fällt - wenn man dem renommierten Kriminologen Christian Pfeiffer glauben darf. Er sagt zu stern.de: "Gerade, weil die Medien eine so großflächige, durchdringende Einzelberichterstattung betreiben, wird weniger zugeschlagen - sowohl zuhause als auch im öffentlichen Raum." Dass die Medien Gruppenattacken von Jugendlichen auf Erwachsene so stark in den Fokus rückten, sei richtig und hilfreich. "Eltern lesen das. Sie sehen zunehmend ein: wenn ich mein Kind schlage, dann schlägt dieses irgendwann andere Menschen. Nach oben ducken, nach unten treten", sagt Pfeiffer. "Nur die Folgerung, die daraus gezogen wird, ist falsch", so Pfeiffer. Es werde weder mehr, noch härter zugeschlagen. "Das ist ein Gefühl, das entsteht. Das hat aber mit den Zahlen und Fakten nichts zu tun."

Die mediale Kontrolle zeigt Wirkung

Gerade das ist es, was den Menschen Angst macht: das Gefühl, man sei vor den spontanen Ausrastern Jugendlicher nicht mehr sicher. Dieses Gefühl ist es, das für Rainer Wendt von der DPoIG ausschlaggebend für jegliche Argumentation ist - gegen Pfeiffers These. "Pfeiffer verwechselt Sicherheit mit der Abwesenheit von Kriminalität," so Wendt. Die Statistiken mögen ja stimmen, die Wahrnehmung der Leute sei eine andere. "Die Menschen müssen angstfrei leben können, nicht statistisch sicher."

Trotzdem: Auch er ist der Meinung, dass die Berichterstattung richtig und notwenig ist. "Ich bin sehr zufrieden mit den deutschen Medien. Sie gehen sehr verantwortungsvoll mit dieser heiklen Thematik um", so Wendt. Das Problem seien nicht die Medien, sondern schlicht die Tatsache, dass die meisten Täter gar keine Medien konsumieren, so Wendt. Selbst wenn sich also die Berichterstattung gewaltmindernd auswirkt, nützt sie nichts, wenn sie von potenziellen Tätern nicht wahrgenommen wird.

Statistisch gesehen hat die Jugendkriminalität in so gut wie allen Bereichen abgenommen, sei dies Raub, Körperverletzung oder Vandalismus. Die Polizei in Berlin bestätigt eine entsprechende Anfrage. Sie erklärt sich den Rückgang damit, dass die Präventionsstellen erhöht wurden. Kriminologe Pfeiffer hat noch eine andere Erklärung: Es gucken schlicht alle mit. "Noch nie war die Sichtbarkeit der Gewalt so groß", sagt er. Überall sind Kameras, die jede Gewalttat akribisch aufzeichnen. Die Bilder von Prügelattacken laufen dann über die Fernsehstationen, werden in den Zeitungen und in Online-Bildstrecken gezeigt. Die mediale Kontrolle zeigt Wirkung.

"Der Brutalste gibt den Ton an"

Das bestätigt auch Helmut Rüster von der Opferstelle "Weißer Ring": "Eine Aufzeichnung der Gewalttaten trägt dazu bei, dass das Verbrechen geächtet wird. Damit wird einer Verharmlosung der Taten entgegengewirkt." Doch so weit wie Pfeiffer will Rüster nicht gehen. Es gebe zwei Sorten Täter. Die Mitläufer und die harten Kriminellen. "Der harte Kern lässt sich von Berichterstattung nicht beeinflussen", so Rüster. "Und die anderen hören wegen der Berichterstattung entweder auf, weil sie Respekt vor den Konsequenzen bekommen, oder springen erst recht auf den Zug auf."

In Berlin werden nur 60 Prozent der Straftäter überhaupt erwischt und zur Rechenschaft gezogen. "Ein ganz schlechter Wert. In anderen Städten wie München oder Hamburg liegt er weitaus höher", sagt Pfeiffer. Dass bereits 13-Jährige brutal zuschlagen, ist für ihn nicht überraschend. "Der Gruppendruck ist einfach zu stark. Man will mit dabei sein, die Jungen fürchten, die Zuwendung der Gruppe zu verlieren." Die Freunde seien der Faktor Nummer eins, der Jugendgewalt fördere, sagt der Kriminologe. "Dass die Täter in Berlin so jung waren, hat nichts mit einem Trend zu tun. Jugendliche sind Mitläufer, und der Brutalste in der Gruppe gibt nun mal den Ton an. Da schaltet sich das schlechte Gewissen aus", so Pfeiffer.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker