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Psychiatrisches Gutachten über Kachelmann "Vielschichtiger Mann mit widersprüchlichen Trieben"


Im Vergewaltigungsprozess gegen Jörg Kachelmann hat ein Psychiater ein Gutachten über den Moderator erstellt - ohne jemals mit ihm gesprochen zu haben. Seine wichtigste Quelle: Kachelmanns diverse Ex-Geliebte, die "Lausemädchen".
Von Malte Arnsperger, Mannheim

Wer ist Jörg Kachelmann? Ein schräger, aber durch und durch gutmütiger Wettermoderator mit einem ausschweifenden Liebesleben? Oder verbirgt die weiche Schale nur die gespaltene Persönlichkeit eines Psychopathen, dem auch eine brutale Vergewaltigung zuzutrauen ist? Enorm wichtige Fragen für das Mannheimer Landgericht, das Ende Mai über Schuld oder Unschuld des Schweizers urteilen will. Die Richter haben den Psychiater Hartmut Pleines beauftragt, Jörg Kachelmanns Seele zu durchleuchten. Ein schwieriger Auftrag, schließlich hat der Angeklagte kein Wort mit dem Heidelberger Arzt gesprochen und sich auch während des Verfahrens kein einziges Mal selber geäußert.

Pleines wies bei der Erstattung seines Gutachtens am 39.Tag des Vergewaltigungsprozesses deshalb auch gleich zu Anfang auf die Probleme hin. "Mit der fehlenden persönlichen Exploration fehlt dem Psychiater ein zentrales Element", sagte der 49-Jährige im öffentlichen Teil seiner Aussage. "Die reine Beobachtung während der Verhandlung ist kein Ersatz dafür. Vor allem nicht, wenn es sich um einen schweigenden Angeklagten handelt." Doch Pleines betonte: "Eine Diagnostik ist nicht unmöglich."

Kein Idealbild einer ausgeglichenen Persönlichkeit

Die Mannheimer Richter waren, vor allem von Kachelmanns Verteidigung, wiederholt wegen der ausschweifenden, langwierigen Zeugenvernehmung angegangen worden. Auch vor Pleines Aussage kritisierte Anwalt Johann Schwenn die Vorladung von zahlreichen Ex-Freundinnen Kachelmanns, der sogenannten Lausemädchen. Dem Psychiater scheinen die Erzählungen der Frauen aber enorm geholfen zu haben, vor allem bei der Beurteilung von Kachelmanns Sexuallebens. Sie hätten ihm "reichhaltiges Beurteilungsmaterial" geliefert.

Dieses "Material" hat Pleines zu einem keineswegs schmeichelhaften Bild des 52-Jährigen zusammengefügt: "Herr Kachelmann ist ein vielschichtiger Mann mit widersprüchlichen Trieben." Der Wetterexperte habe sich "gekonnt eine Lebenswirklichkeit aus parallelen Partnerschaften aufgebaut", er habe eine Vielzahl von Rollen eingenommen "die einem fast schwindlig werden lassen". Kachelmann sei auf der einen Seite ein erfolgreicher Geschäftsmann, der Sexualpartner vieler Frauen, aber auch ein liebevoller Gefährte. "Seine Partnerschaften waren geprägt von Bindungslosigkeit. Die Frauen waren beliebig austauschbar. Andere Menschen wurden als Publikum betrachtet und benutzt." Kachelmanns Persönlichkeit weise "beträchtlichen Eigenbezug und Egozentrik auf, das Zurechtschneiden der Wahrheit ist ihm nicht fremd. Vom Idealbild einer ausgeglichenen Persönlichkeit weicht er ab."

Keine Persönlichkeitsstörung erkennbar

Der so Geschmähte saß Pleines im Gerichtssaal schräg gegenüber, äußerlich unbewegt schrieb Kachelmann eifrig mit. Seinem Verteidiger huschte während des Vortrages aber hin und wieder ein Lächeln über die Lippen. Denn unter diese unrühmlichen Wertungen streute Pleines immer wieder Einschätzungen, die für Kachelmann prozesstaktisch Gold wert sein könnten. Seine Anwälte kämpfen seit Beginn des Verfahrens gegen die Annahme, Kachelmann könnte eine moderne Variante von Jekyll und Hyde sein. Sie wehren sich gegen die Einschätzung, ihr Mandant könne ein Mann sein, der von einem Augenblick auf den nächsten zu einer unzurechnungsfähigen Bestie wird. Silvia May (Name geändert) die von Kachelmann in der Ansicht auf den 9. Februar 2010 vergewaltigt worden sein soll, behauptet aber genau das: Ihr damaliger Geliebter sei in dieser Nacht auf einmal ein anderer Mensch geworden, sein Blick habe sich verändert. Um ihre Meinung über Kachelmann zu verstärken, hatte May im vergangenen Oktober sogar das Buch mit dem Titel "Der Soziopath von nebenan" bei ihrer Zeugenaussage mitgebracht.

Eine weitere weibliche Bekanntschaft Kachelmanns aus der Schweiz hat wohl in einer geheimen Befragung ausgesagt, von Kachelmann Wochen vor der angeblichen Tat auch sexuell misshandelt worden zu sein. Also doch ein Verrückter? Nein, meint Psychiater Pleines. Er kann bei Kachelmann keine Persönlichkeitsstörung erkennen, es geben keine Hinweise auf tiefgreifende psychische Erkrankungen. Pleines fasste in wenigen Worten Kachelmanns Lebensgeschichte von seiner Geburt in Lörrach, der Kindheit in Schaffhausen über das abgebrochene Studium in Zürich bis hin zur Gründung der eigenen Wetterfirma zusammen. Zwar habe Kachelmann wohl ein schwieriges Verhältnis zu seiner Mutter gehabt, soll einer Partnerin aber auch gesagt haben, seine Kindheit sei "von Glück" geprägt gewesen. In seinem späteren Leben habe er sich trotz der vielen Affären "nicht in der Sexualität verloren", sondern sein berufliches Leistungsvermögen behalten.

"Ein tiefer Einschnitt" für den Moderator

Man könne in Kachelmanns Lebensweise zwar eine zweite Persönlichkeit erkennen, sagte Pleines. "Er hat ein variantenreiches Sexualleben, das aber nicht forensisch relevant ist. Das hat nichts mit Jekyll und Hyde zu tun. Es liegt auch keine narzisstische Persönlichkeitsstörung vor." Jörg Kachelmann hatte in der fraglichen Nacht Silvia May seine Untreue gebeichtet, nachdem sie ihm auf die Schliche gekommen war. Hartmut Pleines geht davon aus, dass dies für den Moderator "einen tiefen Einschnitt" bedeutet habe. Damit seien auch seine "Auffälligkeiten" in den Stunden nach der angeblichen Vergewaltigung zu erklären. So hatte eine Zeugin ausgesagt, Kachelmann habe in einem Telefonat am Morgen des 9. Februar verwirrt gewirkt.

Verwirrt oder nicht, Kachelmann ist jedenfalls voll schuldfähig, urteilte Pleines. Damit war zu rechnen, weshalb sich Anwalt Schwenn in seiner Kommentierung auch nicht damit aufhielt. Mit zufriedener Miene sagte er: "Es war ein beeindruckender Vortrag des Sachverständigen. Herr Kachelmann war eine Persönlichkeitsstörung angedichtet worden, hier der Wettermann, da der Notzüchter. Davon ist nichts geblieben."


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