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Psychologie: Warum manche Mütter ihre Neugeborenen töten

Dass Mütter ihre neugeborenen Kinder direkt nach der Geburt töten, ist kein neues Phänomen. Experten gehen von Persönlichkeitsstörungen der betroffenen Frauen aus - und von schlechten Lebensbedingungen.

Der Fund von neun Babyleichen in Brieskow-Finkenheerd in Brandenburg ist der spektakulärste Fall dieser Art - aber bei weitem kein Einzelfall. Immer wieder erschüttern Berichte über getötete Neugeborene die Öffentlichkeit. Meist sind junge Mütter die Täter. Das Schlimme: Prävention ist kaum möglich, weil die Frauen ihre Schwangerschaft oft verdrängen, bestehende Hilfsangebote ignorieren und nicht einmal loyale Partner oder Eltern ins Vertrauen ziehen.

Häufig bleiben die Gründe für solche Taten im Dunklen, es fehlt an wissenschaftlichen Erhebungen und empirischen Befunden zum so genannten Neonatizid - der Tötung des eigenen Kindes in den ersten 24 Stunden nach der Geburt.

Anke Rohde, Professorin für Gynäkologische Psychosomatik an der Universitätsklinik Bonn, ist eine der wenigen Experten, die sich in Deutschland mit dem Thema intensiv beschäftigt haben. "Neonatizide werden am ehesten von Frauen begangen, bei denen eine erhebliche Persönlichkeitsproblematik besteht", erklärte sie in einem Vortrag für die Kinderhilfsorganisation terre des hommes.

Hilfe wird nicht angenommen

Diese Persönlichkeitsproblematik zeige sich etwa an fehlender Reife oder mangelnden Bewältigungsmechanismen - "wobei nach außen solche jungen Frauen durchaus selbstbewusst und kontaktfreudig sein können", wie Rohde erläuterte. Diese Disposition führe dann dazu, dass die Frauen bei ungewünschter Schwangerschaft nicht in der Lage seien, die üblichen angemessenen Lösungswege zu gehen und die zahlreichen Beratungs- und Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen.

In der Regel würden die Schwangerschaften verheimlicht. Gründe seien etwa Scham oder Angst vor der Familie beziehungsweise in der sozialen Umgebung - allerdings in einer als pathologisch anzusehenden Weise und auf dem Boden der bereits skizzierten unreifen Persönlichkeit, erklärte Rohde. Es gebe aber auch Fälle, in denen die junge Frau nicht erklären könne, warum sie eigentlich ihren liberalen Eltern oder ihrem bedingungslos loyalen Partner nichts habe über ihren Zustand mitteilen können.

Schwanger, ohne es zu bemerken

Nicht selten werde die Schwangerschaft bis zum Ende verleugnet, die Betroffene bemerke dann selbst nicht, dass sie schwanger sei, berichtete Rohde. Die Schwangere erkläre die körperlichen Veränderungen auf andere Weise und werde dann von der Geburt regelrecht überrascht. In einer Stress- und Panikreaktion komme es dann zur Tötung des Neugeborenen oder auch zur Aussetzung direkt nach der Geburt.

"Die Tötung des eigenen Kindes und die Aussetzung des Kindes sind nur bedingt Facetten eines Problems", stellte die Bonner Professorin allerdings klar. Nur selten sei die Tötung des Kindes die Alternative zur Aussetzung. So genannte Babyklappen oder die Legalisierung der anonymen Geburt würden den Neonatizid in der Regel nicht verhindern, weil die Frauen diese Möglichkeiten - ebenso wie die ihnen durchaus bekannten anderen Hilfsangebote - nicht wahrnehmen könnten.

Kaum empirisches Material

Das empirische Material ist laut Rohde sehr dünn. Sie verweist auf eine Untersuchung zur Kindstötung, bei der sie in Zusammenarbeit mir dem Institut für Rechtsmedizin der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn 754 Todesfälle von Kindern und Jugendlichen aus den Jahren 1970 bis 1993 zusammengetragen habe: In 60 Fällen hatten die Eltern ihr Kind getötet. Bei gut 40 Prozent dieser Fälle (26) ereignete sich die Tat in den ersten 24 Stunden nach der Geburt. Die Täterinnen waren demnach oft jung, in Ausbildung oder arbeitslos und hatten eine unreife Persönlichkeit.

Psychologe geht von Verrohung der Mutter aus

Fälle, in denen Frauen ihre Neugeborenen umbringen, gebe es seit Jahrhunderten, sagte der Vizepräsident des Berufsverbandes deutscher Psychologen (BDP), Uwe Wetter, am Montag in Euskirchen. Die Entscheidung falle meist im emotionalen Ausnahmezustand direkt nach der Geburt.

"Die Frau dürfte eine seelische Verrohung erlitten haben", sagte Wetter. Als Arbeitslose habe sich die werdende Mutter zurückziehen und die Schwangerschaften verbergen können. Wahrscheinlich hätten zudem ihre Mitmenschen weggesehen. "Leider müssen wir feststellen, dass der Mensch sich nicht wirklich darum kümmert, was um ihn herum passiert", sagte Wetter. Außerdem fielen in den strukturschwachen und dünn besiedelten Gegenden Brandenburgs seit dem Ende der DDR zunehmend die sozialen Stützsysteme weg.

Die Tötung eines Kindes nach der Geburt sei "nicht unbedingt ein Phänomen unserer Zeit", sagte Wetter. Dies sei über Jahrhunderte für viele Frauen die einzige Möglichkeit gewesen, sich von der Bürde zu befreien, als die sie ihr Kind wahrnahmen. Je mehr jedoch in heutiger Zeit die Menschen zu Einzelgängern würden, desto geringer werde die Kontrolle. "Man muss damit rechnen, dass Phänomene normal werden, die in den USA schon lange normal sind", sagte Wetter.

AP/DPA / AP / DPA