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Razzia: Waffen auf dem Biohof

Ein Biobauer in Baden-Württemberg hat nicht nur Kohl und Möhren angebaut, sondern offenbar auch mehr als sieben Millionen Euro Steuergelder hinterzogen und auf seinem Hof Marihuana gehortet.

Von Manuela Pfohl

Wenn sich die Bauern vom St. Michaelshof im baden-württembergischen Aichstetten an ihr Tagewerk machen, dann wird nicht einfach nur gesät und geerntet. Dann wird der Kreislauf des Lebens gefeiert. Möhren und Sellerie, Dinkel und Roggen sollen den Geist beflügeln und ihn zum Teil des Kosmos werden lassen. Biodynamisch selbstverständlich, so steht es auf der Homepage der anthroposophischen Gemeinschaft. Die 400 Polizeibeamten, Steuerfahnder, Staatsanwälte, die sich jetzt plötzlich auf dem Hof herumtrieben und die Aura des idyllisch auf 700 Metern Höhe gelegenen Anwesens ruinieren, haben dafür keinen Sinn. Sie sind auf der Suche nach Geld. Viel Geld. Das soll der 54-jährige Patriarch des Biobetriebes über ein Geflecht von Scheinfirmen und Schein-Arbeitsverträgen ganz profan und ganz professionell am Fiskus vorbei ins Ausland verschoben haben. Insgesamt, so vermutet die Ravensburger Staatsanwaltschaft, ist dabei ein Schaden von mehr als sieben Millionen Euro entstanden.

Aktion Ringelblume

Einen ganzen Tag lang haben die Beamten Dutzende Kisten mit Akten und sonstigen Bürounterlagen aus dem rund 20 Hektar großen Anwesen herausgeholt und in die Polizeiwagen geladen, um mögliche Beweise für ihren Vorwurf zu sichern. Kein leichtes Unterfangen, wie es scheint. "Es gibt unglaublich viele Räume darin, aber die meisten waren merkwürdigerweise leer", berichtet ein Ermittler. Auch im Raum München, in Österreich und der Schweiz gab es Razzien. Insgesamt wurden nahezu hundert Büros und Privaträume an 35 verschiedenen Orten durchsucht. Gefunden wurde allerhand: 310.000 Euro Bargeld, ein Kilo Marihuana und auf dem Michaelshof sogar Waffen. Elf Jagdgewehre, zwei Pistolen und mehrere hundert Schuss Munition.

In Aichstetten können sich die einen Nachbarn überhaupt nicht erklären, was da plötzlich an kriminellen Geschichten über den dem Hof des braven Biobauern zu hören ist. Die anderen haben schon immer gewusst, dass da irgendwas nicht stimmt. Schließlich war der Demeter-Produzent schon einmal ins Gerede gekommen. Damals, im Februar 2004, als fast 300 vermummte Polizisten mit kugelsicheren Westen bei einer Großrazzia in den Biobauern-Alltag einfielen. Bei der "Aktion Ringelblume" ging es um falsch deklarierte Salben, um ein Petersilienpesto und einen Bärlauch-Jäger-Aufstrich, die falsche Etiketten trugen oder ganz ohne Bezeichnungen waren. Hinterher wetterten die Grünen im baden-württembergischen Landtag, die ganze Aktion sei völlig unverhältnismäßig gewesen. Immerhin hatte es bei der rabiaten Aktion unter den Bewohnern Verletzte gegeben. Tatsächlich sind fast alle Ermittlungen gegen den Bauern inzwischen eingestellt worden.

Suchet das praktische Leben

Die meisten Kunden auf dem Münchner Viktualienmarkt wissen davon nichts. Regelmäßig kommen die St. Michaels-Bauern in die bayerische Landeshauptstadt, um hier ihre selbstangebauten Produkte zu verkaufen. Da gibt es zum Kohl und Kräuter und zum Topinambur-Rezept den hofeigenen kosmobiodynamischen Leitgedanken gratis dazu: "Suchet das wirklich praktische materielle Leben, aber suchet es so, dass es Euch nicht betäubt über den Geist, der in ihm wirksam ist." Inzwischen ahnt die Käuferschaft, dass Günter M. sein Credo irgendwie aus den Augen verloren haben muss. Und nicht nur er.

Die Ravensburger Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass er von den Mitgliedern seiner Lebensgemeinschaft auf seinem Bio-Bauernhof unterstützt worden ist. Auf dem Anwesen hätten bis zu 60 Personen abgeschottet von der Außenwelt unter seiner Kontrolle gelebt. Sie seien massiv von ihm beeinflusst worden und einer von ihm vorgegebenen Lebensphilosophie gefolgt. "Diese Lebensgemeinschaft ist sehr patriarchalisch geführt worden", sagt ein Polizeisprecher.

Entsprechende Gerüchte gibt es in der Gegend schon seit Jahren. "Es war auffällig, dass die Leute kaum Kontakt zu den Einheimischen hatten", sagt eine Mitarbeiterin im Seibranzer Rathaus. Manch einer munkelte schon der Michaelshof sei keine bloße Lebensgemeinschaft, sondern eine Sekte. "Aber das durfte man nicht in deren Anwesenheit sagen."

In rechten kosmischen Schwingungen

Irgendwann Anfang der 90er Jahre waren die Biobauern nach Aichstetten gekommen und hatten das damals fast völlig verfallene Bauernhaus samt der dazugehörigen brach liegenden Ackerflächen von der Kommune übernommen, um Obst und Gemüse anzubauen und mit ganzheitlichem Knowhow in die rechten kosmischen Schwingungen zu bringen.

Das Geschäft läuft wie geschmiert. Ökozertifikat und Demeter-Siegel bürgen für exklusive Bio-Qualität. In ganz Süddeutschland werden die Produkte verkauft oder über einen eigenen Versandhandel verschickt. Auf diese Weise hat die Lebensgemeinschaft ein kleines Imperium geschaffen, das offenbar losgelöst von allen wirtschaftlichen Problemen der restlichen Bauernschaft über unerschöpfliche Ausbaureserven verfügte. Über das Geheimnis des Erfolgs haben viele spekuliert. Günter M. selbst gab schon vor Jahren eine ganz simple Erklärung: "Wir teilen alles. Das ist unsere Devise." Auch das Geld werde in einen Topf getan. "Jeder bekommt, was er braucht."

Nun hat die Staatsanwaltschaft ihn und sechs weitere Mitbewohner vorläufig festgenommen, um mal ganz in Ruhe zu besprechen, wie Günter M. das mit dem Topf praktisch organisiert hat.