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Reaktion auf Urteil im Breivik-Prozess: Kein Jubel, kein Aufschrei, kein Seufzen

Die Höchststrafe für sich quittiert Anders Behring Breivik mit einem Grinsen. Der Terrorist ist zufrieden. Die Angehörigen seiner Opfer auch. Das Urteil ist eine Erleichterung, was folgt, eine Qual.

Von Swantje Dake, Oslo

Als Anders Behring Breivik die Handschellen abgenommen werden, führt er die rechte Hand als Faust an die Brust. Dort, wo das Herz sitzt, streckt den Arm dann schnell von sich. Sein rechtsextremer Gruß - ein letztes Mal. Dutzende Kameras klicken. Einige Angehörige lachen laut auf. Es klingt fast verächtlich. Jemand zischt: "Gibt es nicht schon genug Bilder von ihm?"

Für das Urteil hat sich Breivik nochmal rausgeputzt. Im schwarzen Anzug, grauen Schlips und weißen Hemd steht er zwischen seinen Anwälten Geir Lippestad und Vibeke Hein Bæra. Das blonde, dünne Haar zum strengen Scheitel gegelt. Der Bart verläuft dünn an der Kinnkante wie ein Rahmen für dieses stets teigig wirkende Gesicht. Breivik versucht, ruhig und entspannt zu wirken. Aber das Blinzeln verrät: Er ist ebenso angespannt wie alle anderen Anwesenden im Saal 250 des Osloer Gerichts.

Ein Grinsen für die Höchststrafe

In wenigen Minuten wird er sein Urteil hören. Zur Last gelegt werden ihm: Ein Bombenanschlag im Regierungsviertel der norwegischen Hauptstadt mit acht Toten am 22. Juli 2011. Ein Massaker im Ferienlager der Jugendorganisation der Arbeiderpartiet auf der Insel Utøya mit 69 Toten. Breivik ist geständig, doch eigentlich will er als freier Mann das Gericht verlassen. Er habe in Notwehr gehandelt. Er müsse die drohende Überfremdung des Landes stoppen. So die Argumentation des Islamhassers.

Aber dem 33-Jährigen ist auch klar, dass die Richter einen Freispruch nicht einmal in Erwägung ziehen. Sie entscheiden zwischen zurechnungsfähig oder nicht. Zwischen Gefängnis oder Psychiatrie. Zwei Richter und drei Laienrichter haben darüber zwei Monate beraten. Jetzt geht Elizabeth Wenche Arntzen mit schnellen Schritten zu ihrem Platz. Sie wird gleich ein historisches Urteil sprechen, und ein ganzes Land schaut auf die grauhaarige, zierliche Frau, deren Gesichtsausdruck stets so bestimmt, deren Stimme immer fest war.

"Das Urteil fiel einstimmig aus", sagt Arntzen. Dann rattert sie einige Paragrafen herunter, monoton und so schnell, als ob sie endlich damit fertig werden möchte. Und fast gehen dabei die wichtigsten Worte unter: Anders Behring Breivik erhält die Höchststrafe. Das sind in Norwegen 21 Jahre. Frühestens nach zehn Jahren könnte über eine Freilassung entschieden werden. In Breiviks Fall ist das hypothetisch. Viel wahrscheinlicher ist, dass eine anschließende Sicherungsverwahrung alle fünf Jahre verlängert wird. Breivik lächelt. Eigentlich ist es nur der rechte Mundwinkel, der sich nach oben zieht. Ein überlegenes Grinsen. Er bekommt das Urteil, das er wollte: zurechnungsfähig.

Stille Akzeptanz und bittere Tränen

Im Saal 250 klicken die Objektive der Kameras, die Tastaturen der Journalisten klappern. Die Eltern, Geschwister und Freunde der Toten reagieren still auf das Urteil. Kein Jubel, kein Aufschrei, kein Seufzen der Erleichterung. Es ist ein stilles Akzeptieren des Urteils; aber ein zufriedenes.

Doch diese Erleichterung ist nur von kurzer Dauer. Ein Glücksgefühl kann sie bei niemandem auslösen. Die Angehörigen hatten größtenteils auf dieses Urteil gehofft. Sie wollten, dass er die Verantwortung für seine Taten übernehmen muss. Nicht, dass Breivik in der Psychiatrie behandelt wird und irgendwann als geheilt entlassen werden kann.

Geht die Staatsanwaltschaft in Berufung?

Aber schon wenige Minuten später weicht die Zufriedenheit der viel größeren Trauer. Die wird in der sechsstündigen Urteilsbegründung erneut angefacht. Denn Wenche Elizabeth Arntzen und ihr Kollege Arne Lyng gehen chronologisch das gesamte Attentat noch einmal durch. Breiviks Bombenbastelei, seine Anfahrt zur Insel, jedes Todesopfer, jeden Schuss, jede Operation der Verwundeten. Die Stimmung im Saal wird zunehmend bedrückend. Tränen fließen. Jemand schluchzt. Ehemänner versuchen ihre Frauen zu trösten, Eltern ihre Kinder. Sie hoffen, dass es ein letztes Mal ist, dass sie diese grausamen Details hören müssen.

Doch bis zum Nachmittag bleibt die Ungewissheit. Denn das Urteil widerspricht dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft. Inga Bejer Engh und Svein Holden hatten die Einweisung in die Psychiatrie empfohlen. Die Zweifel, ob der Attentäter zurechnungsfähig ist oder nicht, seien zu groß und es sei besser, einen Gesunden in die Psychiatrie zu überweisen, als einen Kranken ins Gefängnis.

Breivik ist zufrieden

Im Gegensatz dazu schlossen sich die Richter nun eindeutig dem zweiten Gutachten an, das Breivik als zurechnungsfähig einstufte. Es wurde erst nach mehrfacher Nachbesserung von der Kommission anerkannt. Eine Berufung könnte bedeuten, dass der gesamte zehnwöchige Prozess wiederholt wird. "Ich hoffe, dass die Staatsanwaltschaft das Urteil akzeptiert", sagt Eivind Dahl Thoresen. "Dann können wir mit all dem endlich abschließen." Thoresen wurde durch die Explosion im Regierungsviertel schwer verletzt. Auch wenn für ihn - wie für so viele - der Prozess wichtiger war als das Urteil, sieht man ihm seine Erleichterung über die Zurechnungsfähigkeit des Terroristen an.

Breivik wird an dem Urteilsspruch nicht rütteln. "Für ihn ist das Urteil keine Überraschung", sagt einer seiner Anwälte, Odd Ivar Grøn. Während der Urteilsbegründung sitzt Breivik zwischen seinen Anwälten Geir Lippestadt und Vibeke Hein Bæra. Er lehnt sich in dem Stuhl zurück, in dem er schon die 43 Gerichtstage das Verfahren verfolgt hat. Er gießt sich Wasser ein, wirkt ganz entspannt. Mit seinem Spezialstift aus Gummi macht er sich Notizen. Am Ende des Gerichtstages wird er sich äußern dürfen.