HOME

Reaktionen auf Breivik-Urteil: Norwegen, ein erleichtertes Land

Es ist keine Freude, die Norwegen am Tag nach dem Breivik-Urteil erfüllt, sondern Erleichterung. Viele Menschen wollen den Massenmörder aus ihrem Alltag verbannen. Doch so einfach ist das nicht.

Von Swantje Dake, Oslo

Es ist Freitag, kurz nach der Verkündung des Urteils. Noch ist es nur ein Kaffeebecher, den Tore Sinding Bekkedal in der Hand hat. Aber wenige Stunden nach dem Verdikt gegen Anders Behring Breivik ist dem 24-Jährigen die Erleichterung anzusehen. Die Anspannung der letzten Monate ist gewichen. Er kann nicht viel sagen. "Ich bin einfach nur erleichtert. Er wird aus der Gesellschaft ausgeschlossen", sagt Bekkedal. Der Nachwuchspolitiker hatte sich auf der Insel Utøya vor dem Attentäter versteckt, überlebte das Massaker unverletzt und hat den Prozess an vielen Tagen direkt im Gericht verfolgt. Später am Abend wird der Kaffeebecher einem Bierglas weichen. Es mag makaber anmuten, aber vielen Hinterbliebenen, die zehn Prozesswochen lang dem Mörder ihrer Kinder, ihrer Freunde und Brüder und Schwestern so nah waren, ist nach dem Urteilsspruch zum Feiern zumute. Nicht laut und überschwänglich, sondern erleichtert. Die Stimmung ähnelt ein wenig der Atmosphäre nach einer Beerdigung, beim Leichenschmaus. Es ist Trauer da, aber die belastende Zeremonie ist vorüber.

Es ist vorbei. Ein Mammutprozess liegt hinter den Angehörigen, dem Gericht, hinter Norwegen. Am Tag nach dem Urteil gegen Anders Behring Breivik atmet das Land auf - und durch. Weder der Terrorist noch die Staatsanwaltschaft wollen in Berufung gehen. Das erste Kapitel der Verarbeitung des nationalen Traumas ist abgeschlossen. "Nie wurde das Wort 'Erleichterung' häufiger in einem Gericht verwendet", schreibt Harald Stanghelle, Prozessbeobachter der Zeitung "Aftenposten". Und selbst Breiviks Anwalt Geir Lippestad sagte: "Wir sind froh, dass wir damit fertig sind."

Einigkeit in der Urteilsbewertung

So souverän die Norweger mit dem Prozess umgegangen sind, so unaufgeregt wird das Urteil registriert. Niemand bricht in Jubel aus, weil das Gericht die Höchststrafe ausgesprochen hat. Aber alle sind zufrieden. Wenige Stunden nach der Urteilsverkündung ließ die Zeitung "Verdens Gang" eine Umfrage durchführen. Mit eindeutigem Ergebnis: 87,2 Prozent halten das Urteil für gut.

"Es ist ein unglaublich gutes Urteil, das für immer Bestand haben wird", sagt Per Sture Helland Pedersen. Seine Tochter Åsta Sofie Helland Dahl wurde von Breivik auf dem "Liebespfad" auf Utøya erschossen. Noch zu Beginn des Prozesses wollte er den Mörder seiner Tochter in der Psychiatrie sehen. "Wir haben keine Umfrage gemacht, aber der Großteil wollte, dass er als zurechnungsfähig gilt", sagt einer der Opfer-Anwälte Frode Elgesem. "Es ermöglicht den Familien, mit dem Geschehenen abzuschließen." Diesen Eindruck teilt man auch bei der "Nasjonalen Støttegruppe", einer landesweiten Anlaufstelle für die Hinterbliebenen. "Wir hoffen, dass wir ihn jetzt vergessen können, für den Rest seines Lebens", sagt der Vorsitzende Trond Blattmann.

Der Dank gilt der Richterin

Die Frage der Zurechnungsfähigkeit will Ministerpräsident Jens Stoltenberg nicht kommentieren. "Das grausamste Verbrechen, das Norwegen in Friedenszeiten erlebt hat, wurde auf der Grundlage des Rechtsstaats und auf würdige Art und Weise verhandelt", sagte Stoltenberg. Das Gericht hat schon während des Prozesses äußerst viel Lob erhalten. Jetzt ist es vor allem die Vorsitzende Richterin Wenche Elizabeth Arntzen, die gepriesen wird. "Sie hat einen großartigen Job gemacht", sagt Andrine Johansen, die von Breivik schwer verletzt wurde in der Zeitung "Verdens Gang".

Die 53-jährige Arntzen hatte den gesamten Prozess souverän geleitet. Sie ließ Breivik reden, mehr als es die Prozessordnung verlangte. Sobald er zu schwadronieren begann, fokussierte die grauhaarige, zierliche Frau ihn mit strengem Blick, ermahnte ihn mit scharfer Stimme. Sie genierte sich nicht, Gefühle für die Opfer zu zeigen. Mehrfach trocknete sie ihre Tränen, als die Morde detailliert beschrieben wurden. Den Schlusspunkt des Prozesses setzte aber nicht der Terrorist, sondern sie.

"Es ist das Urteil, mit dem wir am besten leben können", sagt Eskil Pedersen, Vorsitzender der Arbeidernes Ungdomsfylkning (AUF), jener Jugendorganisation der Sozialdemokraten, die sich Breivik als Ziel ausgesucht hatte. Noch am Abend nach dem Urteil fuhr Pedersen zu einem landesweiten AUF-Treffen - dem ersten seit dem Massaker. Ein Zeichen, dass es jetzt wieder um Inhalte und Politik geht.

Norwegen hadert mit der Gerichtspsychiatrie

Das lässt sich auch im Osloer Regierungsviertel erkennen. Der meterhohe Zaun, hinter dem ein gutes Jahr das schwer beschädigte Regierungshochhaus versteckt war, ist größtenteils zurückgebaut. Zwar ist die Fassade noch verhüllt und die Restaurierungsarbeiten sollen bis zu zehn Jahre dauern, aber auch das ist ein Signal, dass die Normalität zurückkehrt. Nach diesem Alltag ohne Breivik haben sich die Norweger gesehnt.

Völlig wird die Tat und sein Prozess freilich nicht von heute auf morgen aus der öffentlichen Diskussion verschwinden. So debattiert das Land weiter über die Rolle der Gerichtspsychiater. Das erste Gutachter-Team beurteilte Breivik als schizophren und paranoid. Ein zweiter Bericht war gar nicht vorgesehen, nur auf Drängen der Opferanwälte wurde er angefertigt. Auch die Fehler, die Polizei und Politik am 22. Juli gemacht haben, werden Norwegen noch beschäftigen. Über Sinn und Zweck von Sicherheitsvorkehrungen wird diskutiert werden. Und über Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus. "Diese Debatte würde wohl kaum geführt werden, wenn er für unzurechnungsfähig erklärt worden wäre. Jetzt müssen wir uns damit auseinandersetzen, dass diese Ideologie in unserer Gesellschaft vorhanden ist", sagt Tore Sinding Bekkedal.

Und so mischt sich in die Erleichterung am Tag nach dem Breivik-Urteil auch etwas Schwere. "Mit dem 22. Juli sind wir noch lange nicht durch", sagt AUF-Chef Pedersen zum "Dagbladet". "Jetzt beginnt der Alltag. Und der wird nie wieder so sein wie vor dem 22. Juli 2011.