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Rechtsmediziner Michael Tsokos: Auf der Spur Rosa Luxemburgs

Er ist der Mann, der mutmaßlich den Leichnam der ermordeten Sozialistin Rosa Luxemburg entdeckt hat: der Berliner Rechtsmediziner Michael Tsokos. Im stern.de-Interview spricht er über die jüngsten Fortschritte im Fall Luxemburg, seinen Einsatz bei der Tsunami-Katastrophe - und jährlich 1200 ungesühnte Tötungsdelikte in Deutschland.

Herr Professor Tsokos, Sie machen derzeit Schlagzeilen mit der mutmaßlichen Leiche der deutschen Sozialistin Rosa Luxemburg, die Anfang 1919 im Alter von 47 Jahren durch Gewehrkolbenschläge und einen Schuss in den Kopf ermordet wurde und erst nach Monaten aus dem Berliner Landwehrkanal geborgen werden konnte. Wie und wann haben Sie diese so genannte Fettwachsleiche gefunden?

Anfang 2007, als ich die derzeit in unserem Medizinhistorischen Museum laufende Ausstellung "Vom Tatort ins Labor" vorbereitete, haben wir in unseren Sammlungen nach vorzeigbaren Stücken gesucht. Da entdeckten wir auch diese Leiche, die einzige komplette Leiche, die wir in unseren Beständen haben. Sie war aber nicht zuzuordnen, hatte keine Leicheneingangsnummer, kein Jahrgang. Heute ist das undenkbar, dass wir ganze Leichen bei uns zurückhalten, vor 50, 60 Jahren hingegen war das aber nicht ungewöhnlich. Dieser verhärtete Fettwachsleichnam lag im Keller des Museums und befand sich vorher jahrzehntelang in einem Schaugang hinter Glas im Rechtsmedizinischen Institut der Humboldt-Universität an der Hannoverschen Straße.

Wie sind Sie darauf gekommen, dass es sich dabei um die Leiche Rosa Luxemburgs handeln könnte?

Zunächst waren es nur Gerüchte, die mir zugetragen wurden. Ich habe dann nachgeforscht, ob die Leiche Rosa Luxemburgs überhaupt in unserem Institut war, habe mir die Archivbücher von 1919 besorgt und festgestellt, dass ihre Leiche im Juni jenes Jahres von Mitarbeitern unseres Instituts obduziert worden ist. Unsere Fettwachsleiche war aber sicher nicht obduziert worden, kann also, dachte ich, nicht der Luxemburg-Leichnam sein. Um sicher zu gehen, habe ich mir aus dem Militärarchiv in Freiburg die Obduktionsprotokolle kommen lassen und sie mit unseren verglichen - und ich stellte fest, dass die Leiche, die damals obduziert wurde, auf keinen Fall die Leiche Rosa Luxemburgs gewesen sein konnte.

Warum?

Da wird am 3. Juni 1919 eine unbekannte weibliche Wasserleiche obduziert, bei der die Todesursache nicht sicher festgestellt werden konnte, bei der ganz klar protokolliert ist, dass sie keinen Hüftschaden hat, den die Luxemburg eben hatte, und die nicht identifiziert worden ist. Zehn Tage später ist das plötzlich, in einem weiteren Protokoll, die Leichensache Rosa Luxemburg - ohne dass irgendetwas zur Identifizierung erfolgt war. Das ist geradezu grotesk. Wenn Historiker behaupten, dass die Luxemburg von ihrer Sekretärin Mathilde Jacob über ihr Medaillon identifiziert worden sei, ist das für mich als Rechtsmediziner kein Beweis. Zumal die Sozialistin nach historischem Sachstand im Hotel Eden ausgeplündert worden war, sodass sie vermutlich nicht mit irgendwelchen Wertsachen wie diesem Medaillon in den Landwehrkanal geworfen wurde. Es gibt außerdem keinen Hinweis, dass diese Wasserleiche ein Medaillon um den Hals trug.

Nun behauptet Ihr Vorgänger Volkmar Schneider, die beiden damaligen Rechtsmediziner Fritz Strassmann und Paul Fraenckel hätten die richtige Leiche obduziert, er könne die Untersuchungsberichte "in keiner Weise beanstanden". Was macht sie so sicher, dass es anders war?

Fritz Strassmann, Gründer der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin, war sicherlich ein großartiger Rechtsmediziner. Und der schreibt am 3. Juni 1919 ein ganz normales Protokoll zu einer unbekannten Leichensache. Was dann in den nächsten zehn Tagen passiert ist, weiß ich nicht. Kann sein, dass da ein immenser Druck auf ihn ausgeübt wurde. Denkbar auch, dass in dieser Zeit, in der täglich mehrere Menschen von rechten Freikorps-Leuten erschossen wurden, unter dem Druck des Militärs eben diese Leiche als die Rosa Luxemburgs deklariert werden musste, um sie schnell unter die Erde zu bringen. Das können Sie im Protokoll richtig herauslesen, wie man versucht hat, daraus eine Leichensache Luxemburg zu machen.

Was haben Sie bislang unternommen, um die Identität der Leiche zu klären? Und mit welchen Ergebnissen?

Uns ist es 2007 gelungen, aus Lebergewebe dieser Fettwachsleiche ein Teil-DNA-Profil zu erstellen, was für einen Abgleich reichen würde. Dann haben wir uns aus dem Bundesarchiv mehrere Briefe Rosa Luxemburgs besorgt, um die aufgeklebten Briefmarken auf Speichelreste zu untersuchen. Da war aber kein Speichel dran. Erfolglos blieb auch die Untersuchung einer Postkarte, die sie aus dem Gefängnis geschrieben hatte. Ich habe dann versucht, über die Friedrich-Ebert-Stiftung und andere Anlaufstellen an authentisches Material von Rosa Luxemburg zu kommen, ebenfalls vergebens. Dann gab es zwei Möglichkeiten: die Leiche anonym bestatten zu lassen oder noch mal an die Öffentlichkeit zu gehen, um auf diesem Weg Vergleichsmaterial von Rosa Luxemburg zu erhalten.

Sie haben sich für die zweite Möglichkeit entschieden. Mit Erfolg?

Derzeit gibt es zwei heiße Spuren. Ich bin vor einigen Tagen in Warschau gewesen, wo ich ein so genanntes Herbarium von Rosa Luxemburg eingesehen und Abstriche daraus gemacht habe - aus 17 Heften, in die sie akribisch und sauber Blumen eingeklebt hat, die heute noch eine unglaubliche Farbqualität haben, und in denen sie diese botanischen Fundstücke mit Füller oder Bleistift wissenschaftlich beschrieb. Das ist natürlich eine mögliche Quelle für DNA-haltiges Material, weil diese Hefte noch nicht durch unzählige Historiker-Hände gegangen sind. Das Spurenmaterial befindet sich jetzt bei unseren forensischen Genetikern, die es untersuchen werden. Daneben gibt es noch persönliche Gegenstände von Rosa Luxemburg aus Privatbesitz - die Familie, die noch nicht genannt werden will, ist aber bereit, diese Gegenstände auf mögliche DNA-Spuren untersuchen zu lassen, um die dann mit anderen Spuren aus dem Herbarium und dem DNA-Profil aus dem Lebergewebe abgleichen zu können. Gibt es da keine Treffer oder Übereinstimmungen, werden wir die Leiche eben anonym bestatten lassen müssen.

Kritiker werfen Ihnen vor, verantwortungslos gehandelt zu haben, als Sie ohne DNA-Beweis Ende Mai die Öffentlichkeit über Ihre Mutmaßung informierten.

Unverantwortlich wäre es gewesen, wenn ich diese ganzen Untersuchungen nicht angestellt und den Leichnam trotz aller positiven Hinweise und Erkenntnisse umgehend anonym beerdigt hätte. Wir haben in Kiel eine Radiocarbon-Datierung zur Altersbestimmung machen lassen - die Leiche kommt demnach aus der Zeit Rosa Luxemburgs. Wir haben die Leiche computertomographisch untersucht - und einen Hüftschaden und eine Beinlängen-Differenz festgestellt. Wir haben immer auch nach Ausschlusskriterien gesucht, nach Hinweisen, die ganz klar widerlegen, dass das die Leiche von Rosa Luxemburg ist - und bislang keine gefunden. Ich sage: Sie könnte es sein. Mehr nicht.

Wo befindet sich die Fettwachsleiche jetzt, und was soll damit passieren?

Hier auf dem Gelände der Berliner Rechtsmedizin, gut und sicher verwahrt.

Sie gehören der Identifizierungskommission des Bundeskriminalamts an und mussten nach dem verheerenden Tsunami Ende 2004 die deutschen Katastrophen-Opfer in Thailand unter unglaublichen Umständen identifizieren. Ihr bislang schwerster Einsatz als Rechtsmediziner?

Es war sicherlich mein anstrengendster. Da gab es ja überhaupt keine Logistik. Da wurden wir mit einem Bus fünf bis sechs Stunden im Schritttempo hingefahren über völlig zerstörte Straßen. Und alles war voller Leichen - eine geradezu irreale Szenerie, wenn Sie da in Gummistiefeln bei unerträglicher Hitze im Trockeneis-Nebel obduzieren müssen. Da müssen Sie einfach funktionieren: die Leichen aus den Säcken holen, in denen sie antransportiert wurden, die Toten fotografieren, deren Kleidung ablösen, sie wieder fotografieren, nach Narben, Tätowierungen, Piercings oder körperlichen Anomalien wie fehlende Finger suchen, dann obduzieren, wobei es weniger um die Todesursache geht sondern um Operationsnarben, künstliche Hüftgelenke, den Zahnstatus oder Schwangerschaften bei Frauen, Hinweisen also, die zur Identifizierung beitragen - und Fingerabdrücke und Gewebeproben zur DNA-Untersuchung nehmen.

Sind Mitglieder dieser BKA-Identifizierungskommission jetzt auch in Brasilien, um dort die toten Deutschen nach dem Absturz des Air-France-Airbus' mit der Flugnummer AF 447 zu identifizieren?

Ich bin angefragt worden, war aber nicht abkömmlich. Soweit ich weiß, sind Mitglieder unseres Teams als Beobachter vor Ort. Wenn hier in Berlin ein Flugzeug abstürzen würde, würden wir auch - genauso wie das die brasilianischen Kollegen machen - die Identifizierungsarbeit nach unseren Standards übernehmen. Beobachter aus anderen Ländern, aus denen die Absturz-Opfer stammen, wären selbstverständlich willkommen. Es kann aber nicht sein, dass zum Beispiel, wie es in Thailand nach dem Tsunami passiert ist, israelische Identifizierungsexperten kommen und Leichen beschlagnahmen und ausfliegen, die sie für die Überreste israelischer Staatsbürger halten.

Sie verfolgen sicherlich die Berichte nach dieser Flugzeugkatastrophe. Danach sollen die bislang geborgenen Leichen weitgehend intakt sein, aber diverse Bruchverletzungen aufweisen. Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?

Dass das Flugzeug erst beim Aufschlag auf die Wasseroberfläche auseinander gebrochen sein muss. Wenn es schon in der Luft passiert wäre, sähen die Leichen anders aus, wären nicht mehr so intakt, wie berichtet wird.

Sie haben bislang rund 10.000 Obduktionen geleitet - und behaupten im Vorwort Ihres neuen Buchs "Dem Tod auf der Spur", dass viele nicht-natürliche Todesfälle in Deutschland unentdeckt blieben, weil es keine rechtsmedizinische "Komplettversorgung" wie in den USA zum Beispiel gibt, wo jeder Tote vor der Bestattung von amtlich bestellten Leichenbeschauern untersucht wird. Wie viele Morde, schätzen Sie, bleiben demnach bei uns unentdeckt?

Es gibt eine nach wie vor gültige Studie der Universität Münster, nach der etwa 1200 Tötungsdelikte pro Jahr in Deutschland unerkannt bleiben. Ein Hausarzt kann bei der äußeren Leichenschau kaum erkennen, ob ein Verstorbener Einstichstellen am Körper hat, durch die möglicherweise Luft in eine Vene injiziert worden ist. Oder ob der Mensch mit Medikamenten vergiftet oder durch ein Kissen erstickt wurde. Ein Hausarzt wird vermeiden wollen, bei grellem Licht den Toten vollständig zu entkleiden, ihm in Gegenwart der Angehörigen in alle Körperöffnungen zu schauen oder nach Würgemalen zu suchen. Wir haben in Deutschland nur rund 250 ausgebildete Rechtsmediziner - viel zu wenig für eine "Komplettversorgung" wie in den USA.

In Ihrem Buch berichten Sie auch über den Fall Jessica, jenes siebenjährige Hamburger Mädchen, das von ihren Eltern jahrelang eingesperrt und vernachlässigt worden war, bis es im März 2005 verhungert und verdurstet war. Sie hatten damals die kleine Leiche auf Ihrem Tisch ...

Dieses Mädchen musste durch die Hölle gegangen sein. Ihr Körper wog noch nicht mal zehn Kilo bei einer Größe von 1,05 Meter. Es hätte eigentlich zwischen 1,14 und 1,33 Meter groß sein müssen und zwischen 17 und 30 Kilogramm wiegen müssen. Die Haut des Kindes war pergamentartig und dünn und spannte sich wie Papier über die Knochen. Die Augen lagen tief in den Höhlen, das Haar war brüchig und trocken. Jessica war an elterlicher Vernachlässigung unvorstellbaren Ausmaßes gestorben.

Sie fordern, dass Kinder, die nicht nachweislich durch schwere Krankheiten ums Leben gekommen sind, unbedingt obduziert werden sollen. Warum?

Es gibt immer wieder Fälle, dass Kinder nach Angaben der Eltern plötzlich die Augen verdrehen, bewusstlos werden und dann mit Schnappatmung ins Krankenhaus kommen. Wo schwere Hirnblutungen festgestellt werden, die meist Folgen eines Schütteltraumas sind. Verletzungen, die entstehen, wenn Kinder, Säuglinge vor allem, von überforderten Vätern oder Müttern geschüttelt werden, damit sie endlich nicht mehr schreien. Wenn derart schwerstverletzte Kinder zu Hause sterben, wird der leichenschauende Arzt vielleicht von einem Infekt, einer Lungenerkrankung oder dem Plötzlichen Kindstod ausgehen. Da gibt es mit Sicherheit eine sehr hohe Dunkelziffer. Auch der Tod eines Kleinkindes durch weiche Bedeckung, also die Erstickung durch ein Kopfkissen zum Beispiel, wird viel zu häufig übersehen. Wir brauchen diese obligatorischen Obduktionen von Kindern nicht nur zur Aufdeckung von Tötungsdelikten, sondern auch zur Unfallprävention.

Sie schreiben: "Ich habe mit Sicherheit mehr Leid und Grauen gesehen als 99 Prozent der Menschen in unserer Gesellschaft. Feuerwehrleute und Polizisten, die schreckliche Dinge gesehen haben, bekommen professionelle Supervision." Wie verarbeiten Sie das - ohne professionelle Hilfe?

Ich bin weder drogenabhängig noch Alkoholiker. Ich schlafe nachts sehr gut und bin auch nicht depressiv. In meinem Beruf bin ich Sachverständiger, muss objektiv bleiben und Distanz halten - auch zu meinen Emotionen. Die gehören da nicht hin. Ich habe diesen Beruf gewählt, weil ich dazu in der Lage bin. Natürlich brauche ich Ausgleich: Ich habe eine Familie, laufe im Tiergarten, treffe mich mit Freunden, gehe ins Kino oder ins Theater. Wie das jeder "normale" Arbeitnehmer auch macht. Ich hätte allerdings ein Problem damit, auf einer Kinderkrebsstation zu arbeiten und diese kleinen tapferen Kerlchen zu verlieren, die so dankbar sind und trotzdem noch so viel Freude am Leben haben. Das würde mich mitnehmen, das könnte ich nicht, das würde ich nicht schaffen.

Interview: Werner Mathes