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Mordprozess in Nürnberg: Wolfgang P.: Der vermeintliche Pazifist, der einen Polizisten tötete

Vor gut einem Jahr erschoss Wolfgang P. einen Polizisten. Plötzlich schauten die Behörden sehr genau auf eine Bewegung, die lange nur belächelt worden war: die sogenannten Reichsbürger. Im Mordprozess gegen den Waffennarren soll heute das Urteil fallen.

Am Montag soll das Urteil im Prozess um den sogenannten Reichsbürger von Georgensgmünd gesprochen werden. Wolfgang P. wird unter anderem Mord und versuchter Mord an Polizisten vorgeworfen. Aus aktuellem Anlass bieten wir diesen Artikel noch einmal an. Der Text erschien am 29. August 2017.

"Hiermit erkläre ich, der lebendige beseelte und selbstbewußte Mann aus Fleisch und Blut (...), daß ich (...) tatsächlich auf diesem Planeten, genannt Erde, körperlich seelisch und geistig voll anwesend bin." (sic) So beginnt ein handschriftlich verfasstes Dokument von Wolfgang P., unterschrieben von zwölf Zeugen, samt Fingerabdrücken in roter Farbe. Lebendmeldung heißt so etwas im Szene-Jargon. P. postet das Papier im April 2016 auf seiner -Seite und frohlockt dazu: "Lebst du schon oder 'personst' du noch?" Rund ein halbes Jahr später tötet P. einen Polizisten. Nun wird ihm der Prozess gemacht, wegen Mordes, dreifachem versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung.

P. ist ein sogenannter Reichsbürger, wenngleich "er sich nicht als solcher bezeichnen würde", wie seine Anwältin unmittelbar vor Prozessbegin mitteilt. Das ist auch nicht weiter verwunderlich. Reichsbürger ist ein Sammelbegriff für Menschen, die die nicht als souveränen Staat akzeptieren. Es ist eine heterogene Gruppe. Darin tummeln sich Neonazis, Verschwörungstheoretiker und esoterische Spinner - manchmal sind die Grenzen dazwischen auch fließend. Viele als Reichsbürger eingestufte Personen wollen nicht so genannt werden.

Die "Lebendmeldung" des Wolfgang P.

Die "Lebendmeldung" des Wolfgang P.

Trotzdem ist Wolfgang P. ein Paradebeispiel für einen Reichsbürger, wie sein Schriftverkehr mit Behörden und vor allem der Blick auf seine Facebook-Seite nahelegt. Dort erfährt man viel über den Mann, der bald seinen 50. Geburtstag feiert. Es ist ein bunter Mix aus Verschwörungstheorien, esoterischem Blödsinn und plumpen Feindbildern. Viele seiner zahlreichen geteilten Facebook-Posts - teilweise sind es Dutzende am Tag - drehen sich um die These, dass die Bundesrepublik Deutschland nicht wirklich existiert. Wie in der Szene üblich, hängt sich auch P. an der Bezeichnung "Personalausweis" auf. Reichsbürger sehen sich in der Formulierung darin bestätigt, dass alle Deutschen nur Personal der Firma BRD GmbH sind.

Wolfgang P. im Verschwörungsland

An anderer Stelle findet sich der Link zu einem wirren Blog-Eintrag, der davor warnt, dass die EU Anfang 2017 alle Grundbesitzer in Deutschland enteignen würde. Dazu eine seltsame Anleitung, wie man das angeblich verhindert mit dem Hinweis, das Ganze genau so beim Katasteramt durchzuziehen, "auch wenn sie die Polizei rufen". Der vorletzte Absatz ("nun wisst Ihr auch, warum so einige 'zugereiste Facharbeiter' Fotos von Häusern gemacht und frech gesagt haben, in ein paar Monaten gehört dein Haus mir!") zeigt deutlich, aus welcher Ecke die Hintergedanken stammen.

P. will aber nicht nur den "Komplott gegen die Deutschen" durchschaut haben. Das Studium seiner Facebook-Seite entwickelt sich zum bunten Ritt durch das Verschwörungsland. Energie-Heilverfahren, Chemtrails, gefährliche Impfstoffe und Zahnpasta, inszenierte Terroranschläge und die jüdische Finanzmafia - P. meint, über alles Bescheid zu wissen. Humoristisch besonders empfehlenswert ist der "Augenzeugenbericht über eine Zivilisation im Innern der Erde".

Eine große Konstante auf seiner Facebook-Seite ist die Waffenverherrlichung. Schusswaffen und das Recht auf deren Besitz haben einen großen Stellenwert für P.. 31 Kurz- und Langwaffen besaß er im Oktober 2016, die er als Jäger legal erworben hatte. Weil das Amt an seiner Eignung zweifelte, diese weiterhin besitzen zu dürfen und er Kontrolleuren den Zugang zu seinem Haus verwährte, wurde der Fall an die übergeben. Am Morgen des 19. Oktober stürmte ein SEK sein Haus, um die Waffen zu konfiszieren. P. wartete bewaffnet und mit einer schusssicheren Weste auf die Beamten. Durch eine teilverglaste Tür eröffnete er das Feuer. Einen Polizisten tötete er, zwei weitere wurden verletzt.

Ein Facebook-Post auf der Seite von Wolfgang P.: So denkt der Reichsbürger über Waffenbesitz

Ein Facebook-Post auf der Seite von Wolfgang P.: So denkt der Reichsbürger über Waffenbesitz

Eine Mordabsicht sei nicht zu erkennen, sagt seine Anwältin nun kurz vor Prozessbeginn. Die Schüsse seien gefallen, weil ihr Mandant bei einem "dilettantisch" ausgeführten Polizeieinsatz durch einen Angriff auf sein Haus von drei Seiten im Schlaf überrascht worden sei. Er habe nicht gewusst, dass es sich um Polizisten handle. Der Angeklagte selbst lehnte es zu Prozessbeginn ab, Angaben zu seiner Person zu machen. Ein Gutachter sagte, der Angeklagte habe sich vor Kriminalität und vor Übergriffen durch Institutionen gesorgt.

Schütze sieht sich als Pazifist

Kurioserweise sieht sich P. selbst offenbar als Pazifist. Viele seiner Posts sollen sich für den Frieden, die Liebe und das Miteinander einsetzen. Er pöbelt gegen Kriegstreiber "da oben" und kritisiert die US-Außenpolitik. "All mein Tun geschieht immer in friedlicher und liebevoller Absicht", hatte er auch in einem Brief an die bayrischen Behörden geschrieben. Eine seltsame Selbsteinschätzung für einen Mann, der ohne Vorwarnung durch eine geschlossene Tür wahllos auf Menschen feuert.