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Richterspruch in Istanbul: Pianist Say wegen Islam-Beleidigung verurteilt

Über Twitter hatte sich der Musiker Fazil Say kritisch gegenüber islamischer Frömmelei geäußert. Nun ist er in seiner türkischen Heimat verurteilt worden - zu fünf Jahren auf Bewährung.

Wegen Beleidigung des Islam ist der weltbekannte türkische Pianist und Komponist Fazil Say am Montag von einem Gericht in Istanbul zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Der 43-Jährige habe sich mit im Internet verbreiteten Kommentaren der Verletzung religiöser Werte schuldig gemacht, zitierte türkische Medien aus dem Urteil. Der Künstler, der nicht selbst vor Gericht erschien, hatte über den Kurznachrichtendienst Twitter mehrere kritische sowie spöttisch formulierte Äußerungen verbreitet, die islamische Frömmelei und Scheinheiligkeit auf die Schippe nahmen. Die Vorwürfe hatte er mehrfach zurückgewiesen.

Say, der derzeit für eine Reihe von Konzerten in Deutschland ist, war am Montag zunächst nicht für einen Kommentar zu erreichen. Die Strafe wurde nach Angaben seiner Verteidigerin auf fünf Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Say hat sich mehrfach kritisch über die islamisch-konservative Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan geäußert und auch erklärt, er denke darüber nach, das Land zu verlassen.

"Ich weiß nicht, ob ihr es gemerkt habt? Überall wo es Schwätzer, Gemeine, Sensationsgierige, Diebe, Scharlatane gibt, sie alle sind übertrieben gläubig (wörtlich: "Allahisten"). Ist das ein Paradoxon?" lautet eine von mehreren in der Anklage genannten Kurzmitteilungen.

Drei türkische Bürger hatten Say daraufhin angezeigt und ihm vorgeworfen, die islamische Religion und die Anhänger dieser Religion schwer beleidigt und religiöse Werte öffentlich herabgewürdigt zu haben. Die Verteidigung hatte das Recht des Künstlers auf freie Meinungsäußerung bekräftigt.

Ausbildung in der Türkei und Deutschland

Fazil Say gehört zu den Top-Stars der internationalen Musikszene und zu den bekanntesten Künstlern der Türkei. Als Solist und mit führenden Orchestern der Welt gelang ihm eine steile Karriere. Dabei verfügt er über ein breites Repertoire, das auch Jazz einschließt und musikalische Wurzeln in der traditionellen Musik Anatoliens erkennen lässt.

Nach einem Klavier- und Kompositionsstudium am Staatlichen Konservatorium in Ankara hatte Say von 1992 bis 1995 seine Ausbildung am Berliner Konservatorium fortgesetzt. 1994 gewann er beim europäischen Nachwuchswettbewerb für Musiker den ersten Preis und schaffte damit den Durchbruch. 2010/11 war er "Artist in Residence" beim Konzerthaus Berlin. Beim Schleswig-Holstein Musikfestival 2011 wurde ein Klarinettenkonzert von ihm uraufgeführt.

fle/DPA / DPA
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