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Roberto Saviano: "Ich möchte mein Leben zurück"

Roberto Saviano hat mit seinem Mafia-Roman "Gomorrah" einen Bestseller geschrieben. Doch der 29-Jährige muss aus Angst vor der Rache der Mafia ständig bewacht werden. Wie dünn der seidene Faden ist, an dem sein Leben hängt, hat nun ein Kronzeuge der Polizei verraten.

Von Luisa Brandl

Es hätte ein Kapitel in seinem Bestseller sein können, eine jener Episoden, die den Roman "Gomorrah" zum Welterfolg werden ließen. Ein Erfolg, der sich freilich für den neapolitanischen Autor Roberto Saviano, 29, immer mehr zum Albtraum verkehrt. Die Camorra plante offenbar konkret einen Anschlag gegen den Schriftsteller, der in einer eigenwilligen Mischung aus Roman, Dokumentation und Essay in das Innenleben der kriminellen Organisation eintauchte und dabei nicht nur detailliert die Hintergründe des Wirtschaftslebens der Camorra offen legte, sondern auch Namen preisgab. Was die Oskar nominierte Verfilmung des Buchs auf eindrückliche Weise zeigt, muss Saviano nun am eigenen Leib erfahren: Wer die Mafia herausfordert, wird zum Tode verurteilt.

Noch vor Weihnachten sollte Saviano bei einem spektakulären Attentat auf der Autobahn Rom-Neapel sterben, soll der Kronzeuge Carmine Schiavone die Polizei wissen gelassen haben. Angeblich habe der untergetauchte Boss Giuseppe Setola des Casalesi-Clans den Mord befohlen, weil Saviano mit seinem Buch zuviel Wirbel ausgelöst habe. Schiavone widerrief zwar später seine Aussage, was zweifelhaft erscheinen mag, doch auch unabhängig davon verleihen weitere Zeugen den Morddrohungen Brisanz.

Ehemaliger Killer arbeitet mit der Polizei zusammen

Oreste Spagnuolo, mutmaßlicher Killer des Massakers in Castelvolturno im September, bei dem sechs Schwarzafrikaner starben, arbeitet offenbar seit seiner Verhaftung mit der Justiz zusammen. Der Sechsfach-Mord geht auf das Konto des Casalesi-Clans, der sich ähnlich der sizilianischen Mafia Anfang der 90er Jahre der Strategie des Terrors verschrieben hat. Spagnuolo berichtete nun der Polizei, Clanchef Setola versuchte dringend an Sprengstoff und Fernzündung heranzukommen.

Alles deutet darauf hin, dass sich die Camorra bei ihren Mordplänen gegen Saviano den Anschlag auf Mafia-Jäger Giovanni Falcone vor 16 Jahren zum Vorbild nimmt. Die Cosa Nostra hatte den Wagen des Richters auf der Autobahn nach Palermo nahe dem Flughafen mit 500 Kilo Dynamit in die Luft gejagt. Der Anschlag, bei dem Falcone selbst, seine Frau und drei Leibwächter ums Leben kamen, hatte in Italien ein nationales Trauma ausgelöst.

Kein Wort über die Ermittlungen

Im Fernsehen wurde gestern eine weitere Morddrohung bekannt. Der oberste Boss der Casalesi, Francesco "Sandokan" Schiavone, soll vom Gefängnis aus ein Schreiben an seinen Anwalt gesendet haben, in dem es bedrohlich heißt: "Der große Romanschreiber muss mit den irreführenden Verleumdungen gegen mich aufhören." Die Staatsanwaltschaft erklärte knapp, all das beweise, dass Saviano in akuter Gefahr sei. Kein Wort über die Ermittlungen. Saviano lebt seit gut zwei Jahren unter Schutz. Sieben Leibwächter begleiten ihn auf Schritt und Tritt. Aus Sicherheitsgründen muss er seinen Aufenthaltsort ständig wechseln. Wer Saviano zuhört, hat den Eindruck, er selbst habe die Folgen seiner Enthüllungen nicht ganz abschätzen können: "Nicht ich habe der Mafia Furcht eingeflößt, sondern die Millionen Leser meines Buches." Und: "Es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht frage, ob ich diesen Roman noch einmal schreiben würde."

Im Radio klang er ziemlich deprimiert, als er von seinem derzeitigen Leben in der Isolation berichtete: "Die ständige Bedrohung schlägt auf mein Gemüt. Ich bin mir bewusst, dass mein Leben jeden Augenblick enden kann. Ich fühle mich abgeschnitten von der Welt, habe keine Freunde mehr. Mein Leben wird immer mehr zu einem Albtraum." In einem Gespräch mit der Zeitung "La Repubblica" kündigte er an, er wolle Italien vorübergehend verlassen. "Ich fühle mich als Gefangener meiner selbst, meines Erfolgs. Ich wünsche mir ein Zuhause, ich möchte mich verlieben, in der Bar ein Bier trinken gehen, in einem Buchhandel in Ruhe herumstöbern. Ich möchte mein Leben zurück. Ich glaube, ich habe Anrecht auf eine Auszeit."

Politiker und Intellektuelle bekundeten Solidarität und versuchten, Saviano vom Auswandern abzuhalten. Staatspräsident Giorgio Napolitano bekräftigte, der Staat werde alles dafür tun, um die Sicherheit von Saviano zu garantieren. Regierungschef Silvio Berlusconi ermutigte Saviano durchzuhalten und sich nicht einschüchtern zu lassen. Oppositionsführer Walter Veltroni kündigte für den 15. November eine Kundgebung "Tag der Legalität" in der Camorra-Hochburg Casal di Principe" an. Unterstützung erfährt Saviano von etlichen Gruppen im Internet. Schriftstellerkollege Diego De Silva sagte: "Roberto ist ein Schriftsteller, er leidet weit weg von seiner Erde." Nur Maria Falcone, die Schwester des ermordeten Antimafia-Richters Falcone ermutigte ihn, auszuwandern: "Ich hätte es meinem Bruder sagen wollen, jetzt sage ich es Dir, Roberto, hau ab und bringe Dich in Sicherheit."