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Rocker-Prozess: Keine Gnade für Killer-Bandidos

Hells Angels gegen Bandidos - die beiden Rockerclans sind seit Jahren Todfeinde. In Münster wurden jetzt zwei Bandidos zu lebenslänglicher Haftstrafe verurteilt. Sie hatten einen Hells Angel erschossen. Hunderte Biker fielen in die Uni-Stadt ein, um Solidarität zu zeigen.

Von Nadine Jansen und Kuno Kruse, Münster

"Expect No Mercy" - "Erwarte keine Gnade" steht auf einem Aufnäher an der Rocker-Weste des Osnabrücker Bandidos-Präsidenten. Den darf nur tragen, wer schon einmal jemanden schwer verletzt oder getötet hat. Nun könnten auch die beiden in Münster vor Gericht stehenden Bandidos Heino B. und Thomas K. diese zweifelhafte Auszeichnung tragen, wenn es denn auf der Anstaltskleidung erlaubt wäre. Sie wurden wegen gemeinschaftlichen Mordes an dem Ibbenbürener Motorradmechaniker Robert König zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt.

Ausnahmezustand zum Ende des "Rockerprozesses in Münster": Polizisten mit Sturmgewehren, Hubschrauber über der Stadt, Panzerfahrzeuge an den Zufahrtsstraßen, dröhnende Motorräder und ein regelrechter Rockeraufmarsch. Die Stimmung ist gespannt, die Polizei auf alles vorbereitet. Es wird mit Ausschreitungen gerechnet, denn vor dem Landgericht stehen sich die verfeindeten Rockergruppierungen Hells Angels und Bandidos gegenüber. 400 Hells Angels und 50 Bandidos sind angerückt - die Zahl der Polizisten übersteigt die der Rocker bei Weitem. Vorsichtshalber.

Polizei eskortiert die Rocker

Friedlich, aber dröhnend verläuft mittags der Einfall der Angels in die Stadt verlaufen. Eskortiert von der Polizei sind die Rocker über die Anschlussstelle Münster-Nord in die Stadt gelangt, mit ihren Bikes, American Cars und zwei spießigen Reisebussen. Ziel des Tagesausflugs: das Landgericht Münster. Programm: Urteilsverkündung im Rockerprozess.

"Wenn Dein Bruder ermordet wird, dann gehst zur Beerdigung. Und Du gehst zum Prozess gegen seinen Mörder", sagt einer der Hells Angels vor dem Gerichtsgebäude. Für den Rocker ist klar: "Mit den fünf Schüssen auf Robert waren wir alle gemeint."

Es war im Mai letzten Jahres in Ibbenbüren im Münsterland. Robert König, ein schlanker Biker mit langer Mähne, Entwickler und Produzent von Edelstahllenkern und Auspuffanlagen, hatte gerade seinen Laden aufgemacht. Da hielt ein schwarzer Van vor der großen Glasscheibe. Der Beifahrer stieg aus, ging hinein und drückte fünf Mal ab. Der Mörder hatte einen Schalldämpfer auf den Pistolenlauf gesteckt. Jetzt befand das Gericht die beiden Bandidos für schuldig.

Die Killer hatten etwas übersehen

Denn eines hatte sie mutmaßlichen Killer übersehen. Am Gebäude einer nahegelegenen Firma befand sich eine Videokamera, und beide hatten ihre Handys angeschaltet. So konnte sie nachträglich geortet werden. Zum Tatzeitpunkt befanden sie sich im Funkfeld der Motorradwerkstatt von Robert König. Beide Täter schwiegen. Alibis stellten sich als falsch heraus.

Ein ominöser Zeuge der Verteidigung, der nach Aussage der Hells Angels nach zweimonatiger Mitgliedschaft wegen Drogen- und damit einhergehenden psychischen Probleme aus ihrem Rocker-Club ausgeschlossen worden war, sollte den Indizienprozess kurz vor der geplanten Urteilsverkündung noch einmal wenden. Er sollte eine überraschende Theorie der Verteidigung untermauern. Die streute, entgehen allen vorliegenden Indizien den Verdacht, dass der Ibbenbürener Rocker auch aus den eigenen Reihen ermordet worden sein könnte, weil er vielleicht aussteigen wollte. "Totaler Blödsinn", kommentiert ein Sprecher der Hells Angels den Last-Minute Beweisantrag der Verteidigung.

Vor Gericht reduziert sich die Aussage des Zeugen im Wesentlichen darauf, dass er den Ermordeten gekannt und auch ein Motorrad bei ihm gekauft hatte.

Nur je 30 Bandidos und Hells Angels dürfen rein

Hunderte Rocker postieren sich im Laufe des Nachmittags vor den von Polizeieinheiten streng getrennten Eingängen des Gerichtsgebäudes. Doch nur je dreißig Bandidos und Hells Angels finden Platz im Gerichtssaal, wieder getrennt durch Spezialkräfte der Polizei. Zornige Blicke wechselten, als der Richter das Urteil spricht - nur die Verurteilten bleiben regungslos.

Begonnen hatte alles möglicherweise mit einer Handgranate. Die hatte jemand in den Angels-Place West-Side geschleudert. Das ist nicht nur gesetzlich verboten, sondern für den Werfer brandgefährlich, da es sich dabei um das Vereinhaus der Bremer Hells Angels handelt. Verdächtig waren: Heino und seine neuen Kumpel.

Vielleicht begann auch alles mit Heino. Der soll nach Informationen aus der Rocker-Szene lange Zeit vergeblich versucht haben, in einem der großen Motorradclubs aufgenommen zu werden. Immer wieder soll Heino, um es anderen zu beweisen, Schlägereien mit anderen provoziert haben. In Bremen sei er dabei bei den Hells Angels an die Falschen geraten. Laut Staatsanwaltschaft hatte er dabei heftig einstecken müssen.

Bei mehreren Biker-Clubs heißt es, sei Heino in der Vergangenheit beim Casting gescheitert, bis er endlich bei den schnell anwachsenden Bandidos Aufnahme gefunden hatte. In Bremen hatte sich inzwischen eine Niederlassung der Bandidos gebildet, das Clubhaus lag Nahe der Autobahn im niedersächsischen Stur.

Nachdem die Handgranate eine Renovierung des Angels-Place notwenig gemacht hatte, erschien im März 2006 eine Gruppe Maskierter beim Vereinhaus der Bandidos. Die sechs gerade anwesenden Rocker wurden verprügelt, gefesselt, Knochen wurden gebrochen. Unter den Verletzten befand sich auch Heino B. Der Club der Bremer Bandidos löste sich nach der Niederlage auf.

Erst jetzt wieder acht Angels festgenommen

Jetzt, mehr als zwei Jahre später, wurden acht Hells Angels aus dem Bremer Club "Westside" festgenommen. Sie waren auf der Rückfahrt vom Euro-Run, zu dem 1500 unter dem rot-weißen Banner fahrenden Rocker aus ganz Europa ans Steinhuder Meer, nicht weit von Hannover, gekommen waren. Sie sollen unter den Maskierten gewesen sein, die die Bremer Bandidos verprügelt hatten. Das hatte der Überraschungszeuge von Münster vorher der Polizei gesagt, und zugegeben, an den Überfall auf die Bandidos beteiligt gewesen zu sein.

Der ermordete Robert König war in keine der Auseinandersetzung verwickelt. Der freundliche, lange Kerl war in der ganzen Biker-Szene geschätzt und beliebt, viele kannten ihn als Pilot eines Dragster, jenen Beschleunigungsmotorrädern mit dem langen Schweif. Der 48-jährige Mechaniker war verheiratet, man sah ihn viel mit seinen beiden Söhnen, die sieben und fünf Jahre alt sind. Zusammen mit einem Partner führte er eine gut gehende Harley-Davidson-Werkstatt. Und war ein Hells Angel aus dem Chapter West-Side.

Vielleicht war es nur der Fluchtweg, der die Wahl der Mörder auf ihn fallen ließ. Er schloss regelmäßig morgens früh seine Werkstatt auf, der Laden war durch die großen Glasflächen leicht einsehbar, und er lag in der Nähe einer Autobahnausfahrt.

"Schrott bleibt Schrott"

"Das passiert, wenn solche Idioten wie Heino in Biker-Clubs aufgenommen werden", sagt einer der Hells Angels, "und deshalb sind die Bandidos das eigentliche Problem. Die nehmen inzwischen jeden Idioten auf. Aber Schrott bleibt Schrott."

Tatsächlich sind sowohl Bandidos als auch Hells Angels, die beide ihren Ursprung in den USA haben, durch Fusionen mit anderen Rocker-Clubs zu riesigen Verbänden gewachsen. Und tatsächlich wachsen die Bandidos durch ihre großzügigere Aufnahmepraxis schneller als die Hells Angels. Mit der Größe der Clubs aber wächst auch die Rivalität in Deutschland.

Am ersten Verhandlungstag in Münster hatte es eine kurze Gelegenheit gegeben, die Fehde fortzusetzen. Einige im Bus angereiste Bandidos hatten sich an einem Parkplatz versammelt, als sechs Frankfurter Hells Angels mit ihren Van an der nahen Ampel hielten. Die Bandidos sprangen, teilweise mit Ketten bewaffnet, aus dem Bus und stürmten auf die Hells Angels zu. Die hielten, noch am Lenker, drauf. Die Schlägerei begann. Polizisten, im Großaufgebot in der Nähe postiert, griffen ein. 79 Bandidos und 17 Hells Angels wurden in die extra eingerichtete Gefangenen-Sammelstelle ins Polizeipräsidium gebracht. So etwas soll dieses Mal nicht passieren.

Vier Bandidos festgenommen

Am letzten Verhandlungstag halten Polizisten die Lager der Hells Angels und der Bandidos,mit Maschinenpistolen im Anschlag und Knüppeln in der Hand auseinander. Vier der nur 50 angereisten Bandidos werden bereits anderthalb Stunden vor Prozessbeginn in festgenommen. In ihrem Auto habe man "gefährliche Gegenstände" entdeckt, sagt die Polizei.

Akribisch verlaufen daher auch die Einlasskontrollen bei Gericht. Hells Angels und Bandidos werden zu zwei verschiedenen Eingängen geleitet. Die Platzvergabe erfolgt peinlich genau: drei Bandidos, drei Hells Angels, drei "normale Zuschauer" - und dann wieder von vorne. Viele Rocker verstecken ihre Augen hinter Sonnenbrillen, zeigen dafür aber Tattoos, Totenköpfe oder den für die Bandidos üblichen Mann mit Sombrero und rauchendem Colt. Sie bleiben unter sich, sie sprechen kaum.

Statt 1000 kommen nur 450 Rocker

Mit 1000 Rockern hat die Polizei Münster gerechnet, nur 450 sind gekommen. "Das überrascht uns" sagt Polizeisprecher Klaus Laackmann. Man habe keine Kenntnis, dass weitere Rocker verspätet anreisten, aber die Polizei ziehe man auf keinen Fall ab.

Nun müssen die Beamten, die schon um 6 Uhr morgens die ersten Kräfte am Landgericht postierte, nur noch alle Rocker friedlich aus Münster geleiten. Die Bandidos wieder in Richtung Süden und die Hells Angels in Richtung Norden der Stadt. Dorthin, wo auch die JVA Münster liegt.