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Rütli-Hauptschule: Polizei redet, aber filzt nicht

Nach dem Brandbrief der Lehrerschaft an der Berliner Rütli-Hauptschule ist nun die Polizei angerückt, um die eskalierende Gewalt einzudämmen. Der Berliner Oppositionsführer fordert gar die Ausweisung ausländischer Schüler.

Nach dem Aufsehen erregenden Hilferuf der Neuköllner Rütli-Hauptschule fordern Unions-Politiker nun ein hartes Durchgreifen gegen die Schüler. Jugendliche, die mehrfach wegen Straftaten aufgefallen seien, müssten notfalls sogar abgeschoben werden, sagte er im "Tagesspiegel".

"Ich glaube, dass wir gut beraten sind, das als ein wirkliches Alarmzeichen zu sehen und endlich wieder dafür zu sorgen, dass keine rechtsfreien Räume an Schulen entstehen und Gewalt deutlich und hart unterbunden wird." Pflüger verweist auf New York, wo jahrelang ähnliche Verhältnisse herrschten und "mit Durchgreifen" beendet worden seien.

Auch die Polizei war von der Situation überrascht

Ab Freitag ist die Polizei mit bis zu sechs Beamten den ganzen Tag vor Ort, um für Gespräche zur Verfügung zu stehen, sagte Polizeisprecher Bernhard Schodrowski. Auch die Polizei sei überrascht gewesen, dass die Situation "so brandaktuell" sei. Die Polizisten in Uniform patrouillierten auf der Straße vor der Schule. Kontrollen aber gebe es nicht. "Es wird nicht gefilzt", so der Sprecher.

Die Rektorin der Rütli-Schule hatte nach einem Bericht des "Tagesspiegel" wegen der nicht mehr kontrollierbaren Schülergewalt um die Auflösung ihrer Schule gebeten. In einem Brief an die Behörden, den das Kollegium einstimmig beschlossen habe, habe die Schulleiterin sofortige Hilfe erbeten, um die Situation erträglicher zu machen, so die Zeitung.

Ein geordneter Unterricht finde nicht mehr statt. Die Stimmung sei geprägt von Zerstörung, Gewalt und menschenverachtendem Verhalten. Lehrer würden völlig ignoriert und zum Teil attackiert; in bestimmte Klassen gingen sie nur noch mit Handys, um Hilfe holen zu können.

Deutsche werden als "Schweinefleischfresser" verspottet

An der Schule seien weniger als 20 Prozent der Schüler deutscher Herkunft, heißt es im "Tagesspiegel" weiter. Kinder deutscher Herkunft, die als "Schweinefleischfresser" verspottet würden, versuchten sich in der Hauptschule den Gewohnheiten der Mehrheit anzupassen und sprächen zunehmend bewusst auch gebrochenes Deutsch, um weniger aufzufallen. Wegen der ständigen Probleme sei es seit zehn Jahren nicht gelungen, den Posten des stellvertretenden Schulleiters zu besetzen.

Kaum ein Lehrer wage noch, Klassenfahrten und Ausflüge zu machen. Schulleiterin Brigitte Pick sei allein dagestanden und mittlerweile so krank geworden, dass sie nicht zurückkomme. Der Schülersprecher sei geflogen, weil er einen Mitschüler zusammengeschlagen habe.

Der Berliner Bildungssenator Klaus Böger versucht die Geschehnisse im Problembezirk Neukölln zu relativieren: Grundsätzlich könne die Schule das Problem mangelhafter Integration nicht lösen, weil es sich um ein massives gesellschaftliches Problem handle. "Die Rütli-Schule ist ein Ausreißer in dieser Extremsituation", sagte der Sozialdemokrat.

Er kündigte aber an, dass bereits am Montag ein erfahrener Schulleiter in die betroffene Rütli-Schule kommen solle. Von dem Brief des Lehrerkollegiums vor einem Monat habe er erst am Donnerstag erfahren, weil das Schreiben an eine Außenstelle der Behörde gegangen sei.

Auch Bögers Parteikollege, der Innenexperte Dieter Wiefelspütz hat angesichts der Gewalt-Eskalation vor einer "hysterischen Debatte" über Konsequenzen gewarnt. "Ich glaube, dass wir das Ganze als Hilferuf einer Schule sehen müssen", sagte Wiefelspütz". "Das sollten wir nicht mit billigen Schuldzuweisungen und Aktionismus beantworten."

Nach Wiefelspütz' Einschätzung stellen die Vorgänge an der Hauptschule "in ihrer Zuspitzung" einen Ausnahmefall dar. Es sei wenig sinnvoll, jetzt mit "pauschalen Erklärungsmustern" zu argumentieren.

Hauptschulen schließen

Der Kriminologe Christian Pfeiffer schlägt angesichts der Gewalteskalation vor, Hauptschulen gleich ganz abzuschaffen. "Die Hauptschule ist immer mehr zu einer Verliererschule verkommen, in Norddeutschland ist das noch stärker so als in Süddeutschland", sagte der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts in Hannover. "Kinder von Hauptschulen haben von vorneherein sehr schlechte Chancen, einen Lehrplatz zu finden und später in die Arbeit hineinzuwachsen". Eine Zusammenlegung mit den Realschulen könne daher sinnvoll sein.

DPA/AP/Reuters / AP / DPA / Reuters