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Prozess: Ruhmsucht, Selbstdarstellung und die Liebe brachten den Drogenboss El Chapo zu Fall

Joaquín Guzmán war der größte Drogenbaron seiner Zeit. Nun steht er in den USA vor Gericht. Sein Kartell hat den Staat Mexiko in weiten Regionen zersetzt.

Diese Frau fleht Jesús Malverde an, ihrer Tochter beizustehen. Malverde gilt als Schutzpatron der Narcos.

Diese Frau fleht Jesús Malverde an, ihrer Tochter beizustehen. Malverde gilt als Schutzpatron der Narcos.

Picture Alliance

EL Chapo - der Kurze - war der mächtigste und gefürchtetste Drogenboss seiner Zeit. Lange Zeit galt er als unangreifbar, solange bis sich der vorsichtige Mann eine Blöße gab. Joaquín Archivaldo Guzmán Loera genannt El Chapo leistete sich zwei Schwächen, die ihm die Freiheit kosteten. Eine war die Ruhmsucht – um zu prahlen und um sich vor der Welt im rechten Licht darzustellen, ließ er sich auf ein Gespräch mit dem Hollywoodstar Sean Penn ein. Dieses Treffen führte zu seiner Verhaftung.

Der Kontakt zu Penn wurde von Kate del Castillo hergestellt. Sie und die Liebe zu ihr waren die zweite unverzeihliche Schwäche des mächtigen Drogenbosses. Kate del Castillo war eine halbwegs erfolgreiche Schauspielerin, die die Hauptrolle in einer Telenovela ergatterte. Dort spielte sie die "Königen des Südens" – die "Reina del Sur" - eine Drogenbaronin.

Der Gangster und die TV-Oper

Die Telenovela basierte locker auf dem gleichnamigen, düsteren Roman von Arturo Pérez-Reverte, der den Aufstieg eines Narco-Mädchens aus Sinaloa zu einer beherrschenden Drogenbaronin darstellte. Der Roman wiederum war locker von Griselda Blanco beeinflusst, der grausamen und gewalttätigen Königin des Kokains. Diese Telenovela war zwar alles andere als realistisch inszeniert, aber ausgerechnet Guzmán meinte, in der Hauptdarstellerin eine Wesensverwandte entdeckt zu haben. Er hielt die hübsche Kate del Castillo für eine Meisterin des Verbrechens – so wie es ihre Rolle nahelegte.

Am letzten Tag der Präsidentschaft von Barack Obama wurde Guzmán in die USA gebracht. Nun beginnt der Prozess gegen Guzmán in New York. Die Anklage umfasst 300.000 Seiten. Die Namen der Geschworenen werden geheim gehalten. Ein nie da gewesenes Schutzprogramm versucht, die Zeugen am Leben zu halten.

El Chapo nach seiner Verhaftung.

El Chapo nach seiner Verhaftung.

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Aufstieg des Kartells, Zerfall eines Landes

Es geht zwar um die Schuld eines Mannes, aber der Prozess wird die Geschichte ganzer Länder erzählen. Guzmáns Aufstieg ist eng damit verbunden, wie das "Goldene Dreieck" Mexikos zwischen Sinaloa, Chihuahua und Durango zum Zentrum des weltweiten Drogenhandels wurde.

Guzmán wurde in Badiraguato geboren. Geprägt von der Armut seiner Familie und der Gewalttätigkeit seines Vaters, der auch im Drogenschmuggel tätig war. "Es waren schwierige Zeiten. Wir sehnten uns nach etwas Besserem", sagte Consuelo Loera, Guzmáns 88-jährige Mutter, dem "Time"-Magazin. Schon damals wurde er El Chapo wegen seiner stämmigen Statur genannt. Und schon als Kind musste er hart arbeiten, um Essen auf den Tisch zu bringen "Er hat immer für ein besseres Leben gekämpft", sagte seine Mutter, "schon als kleiner Junge." In einem Video erzählte Guzmán, er habe mit 15 Jahren begonnen im Drogengeschäft zu arbeiten. "Es gab keine Jobs. Der Weg, um Lebensmittel kaufen zu können, ist Mohn und Marihuana anzubauen. Also begann ich, anzubauen, zu ernten und zu verkaufen ... Der Drogenhandel ist Teil einer Kultur, die von unseren Vorfahren stammt."

In diesem Dreieck wurde das Kokain aus Kolumbien umgeschlagen und nach Norden in die USA geschafft. Guzmán blieb lange im Hintergrund, aber als sein Boss, Miguel Ángel Félix Gallardo, verhaftet wurde, stieg er an die Spitze der mexikanischen Drogenwelt auf. El Chapo schaffte es, Menge und Geschwindigkeit der Transportwege enorm zu steigern. Dafür wurde er "El Rapido" genannt. Sein Erfolg damals zeigt, wie sich der "War on Drugs" tatsächlich entwickelte. Sein Sinaloa-Kartell soll damals den Heroin- und Kokainhandel praktisch monopolisiert haben. 90 Prozent des Verbrauchs in Europa und den USA wurden von diesem Kartell kontrolliert. Allerdings war diese Gruppe nicht zentral organisiert. Es soll sich eher um eine Art des Zusammenschlusses nach Art von Franchise-Unternehmen gehandelt haben. Diese lockere Struktur ließ die Initiative bei den lokalen Organisationen, so entwickelte das Kartell eine unglaubliche Dynamik.

Der Meister des Tunnelbaus

Andere Drogen-Bosse vor Guzmán setzten auf menschliche Kuriere, auf schnelle Boote und in Containern versteckte Ladungen. Für die Mengen, die El Chapo umsetzte, reichten diese Methoden nicht mehr aus. Er perfektionierte den Tunnelbau unter der amerikanisch-mexikanischen Grenze. So konnten die Drogen Tag und Nacht auf kleinen Loren in den klimatisierten Tunneln verschoben werden. Auch eine spektakuläre Flucht gelang El Chapo durch die Kunst des Tunnelbaus.

Möglich wurde das alles nur, weil das Kartell alle Ebenen der Verwaltung bezahlte. Der Drogenhandel dieser Dimension führte auch zu einer nie da gewesen Korruption. Zumindest in Mexiko gab es keine staatliche Stelle mehr, die nicht vom Geld der Drogenhändler durchsetzt war. In dieser Zeit verwandelten sich Teile Mexikos zu einem Staat besondere Art, zu einem Narco-County. Der einzige Garant irgendeiner Form von Ordnung war das Kartell, es hielt die "Pax Mafiosa" aufrecht.

Unzufriedenheit seiner Umgebung

Natürlich war die Liebe zu Kate del Castillo nicht allein die Ursache von Guzmáns Untergang. Wie viele großen Gangsterbosse vor ihm vermochte er es nicht, einen tragfähigen Übergang zur nächsten Generation zu vermitteln. Vielleicht wäre das auch eine unlösbare Aufgabe, angesichts der Ambitionen und der Skrupellosigkeit seiner Leutnants und seiner eigenen Söhne. Ein Beispiel ist Ismael Zambada García - genannt El Mayo - einer der wichtigsten Männer des Kartells. Als er nicht zum designierten Nachfolger des Mächtigen ausersehen wurde, arbeite er fortan gegen Guzmán.

El Mayo gefiel es auch nicht, dass sich El Chapo immer mehr als Gangster-König inszeniert. So als wäre El Chapo die Reinkarnation des Schutzheiligen der Narcos, Jesús Malverde. Ein Gangster aus Sinaloa mit einem Robin-Hood-Image. In den Bergdörfern seiner Heimat sehen viele Guzmán heute noch als Superhelden, der in Liedern besungen wird. Dafür tat er auch einiges. Er tauchte auf Dorffesten auf und verteilte Bargeldrollen unter die Leute. Er legte Straßen an und bezahlte die Krankenhausbehandlung der Armen. Doch diese Extravaganzen führten auch dazu, dass sein eigener Narco-Staat Guzmán nicht mehr schützen wollte. Das Treffen mit Penn war dann nur der Moment, in dem alles kumulierte.

Wer wird veurteilt?

Anders als viele andere Drogenhändler ging Guzmán in den USA keinen Deal ein. Er plädiert auf "unschuldig". Der Prozess wird nun mit Spannung erwartet. Auch weil man sich Informationen über den schmutzigen Drogenkrieg der US-Behörden erhofft. Im Süden achtet man vor allem darauf, wer durch diesen Prozess zu Fall kommen wird. Man argwöhnt, es werden wieder einmal nur Menschen mit dunkler Hautfarbe sein. Die Schmutzarbeiter des Drogengeschäfts. Aber was wird mit all den Juristen und Managern, die das Geld für die Narcos verwaltet und gewaschen haben? Weltweit soll das Kartell 5000 legale Firmen kontrolliert haben. In Mexiko fürchtet man, dass diese Helfer mit weißem Kragen und weißer Hautfarbe bis auf ein paar Ausnahmen nicht behelligt werden.

Inzwischen ist Guzmán der Star einer eigenen TV-Serie. Seit April 2017 ist "El Chapo" auf Sendung. In nur einem Jahr wurden zwei Staffeln mit 21 Folgen gesendet, die dritte Staffel wurde 2018 ausgestrahlt. Doch zufrieden ist der echte El Chapo nicht: Angeblich will er Netflix verklagen, da die Serie ihn über die Gebühr schlecht darstelle.

Quellen

Guardian: A tale of blood, betrayal and family bonds. How El Chapo came to trial

Time: Inside the Trial of Joaquin 'El Chapo’ Guzman, the World’s Most Infamous Drug Baron

Kra