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Russische Agenten in USA enttarnt: Die Spione aus der Nachbarschaft

Sie führten ein normales Leben, aber arbeiteten offenbar als russische Spione: Don Heathfield und Tracey Ann Foley sind zwei der elf Verdächtigen, die in den USA verhaftet wurden. Details aus ihrem Alltagsleben zeigen, mit wieviel Aufwand sie ihre wahre Identität verschleierten.

Von Malte Arnsperger

Amerikanische Familienidylle: Das Ehepaar Don Heathfield und Tracey Ann Foley lebt mit seinen zwei Söhnen in einem 800.000-Dollar-Häuschen in der schnuckeligen Kleinstadt Cambridge bei Boston. Er ist Absolvent der nahegelegenen Elite-Uni Harvard, Partner in einer Management-Beratungskanzlei und Inhaber einer Software-Firma. Sie war früher Personalberaterin und arbeitet heute als Immobilienmaklerin. Das Paar liebt Reisen, insbesondere Asien hat es ihnen angetan. Doch so bald wird die Familie keinen Urlaub mehr haben. Don Heathfield und Ann Foley sitzen im Gefängnis. Denn sie sind wahrscheinlich russische Spione.

Das Paar gehört zu den insgesamt zehn Personen, die vor einigen Tagen bei Razzien in vier Städten in den USA vom FBI festgenommen wurden. Ein elfter Verdächtiger wurde in Zypern gefasst. Der Gruppe wird vorgeworfen, seit vielen Jahren Informationen für den russischen Geheimdienst gesammelt zu haben. Die angeblichen Agenten lebten seit Jahren in den USA und haben sich dabei offensichtlich komplett neue Identitäten verschafft. Don Heathfield und Ann Foley, die sich als gebürtige Kanadier ausgaben, waren dabei wohl besonders erfolgreich.

Nachbarn sind schockiert

"Ihre Nachbarn wurden festgenommen, sie sind wahrscheinlich russische Spione." Dies in etwa waren die Worte, die Lila Hexner am vergangenen Montag von einer Reporterin hörte. Zusammen mit dutzenden Kollegen stand sie vor dem Haus der 65-jährigen Hexner in Cambridge. "Ich war völlig baff, als mir die Journalisten sagten, weshalb sie mich sprechen wollen", berichtet Hexner stern.de. Sie ist noch ganz heiser von den vielen Interviews, die sie bereits geben musste.

Es ist aber auch eine unglaubliche Geschichte, die sich da in ihrer Nachbarschaft abgespielt hat. Seit Jahren lebte Hexner Tür an Tür mit Don Heathfield und Ann Foley. Sie traf die blonde Frau auf der Straße, hielt ein Pläuschchen mit ihr oder beobachtete die Söhne, wie sie ihrer Mutter im Garten halfen. "Es war eine ganz normale Familie", sagt Hexner. "Der Mann war zwar nicht oft da, aber das ist ja nicht ungewöhnlich. Die Leute waren höflich, aber nicht übermäßig freundlich. Viel hat man nicht mitbekommen von ihnen. Sie waren absolut unverdächtig."

Unverdächtig. Genau das war offensichtlich das Ziel des Paares, um unbemerkt ihrer geheimen Arbeit nachzugehen. In einer Nachricht an die mutmaßlichen Spione, die FBI-Ermittler aus der Moskauer Geheimdienstzentrale abfingen, heißt es US-Medien zufolge: "Sie wurden für einen Lang-Zeit-Aufenthalt die USA geschickt. Ihre Ausbildung, ihre Bankkonten, Auto, Haus etc. All das dient einem Ziel: führen Sie ihre Hauptmission aus. Verbindungen zu politischen Zirkeln herstellen, sie zu durchsuchen und Informationen zu senden." Dabei nutzten Don Heathfield, Ann Foley und ihre Komplizen nach Angaben der US-Ermittler Methoden, die man sonst nur aus James-Bond-Filmen kennt: Unsichtbare Tinte oder Geheimschrift auf Bildern. Und das alles, während sie zuhause in Cambridge ihren Alltagsjobs nachgingen.

Reisen zu Weingütern in Frankreich

Ann Foley ist eine blonde Frau in den Vierzigern, die von ihren Nachbarn als sehr attraktiv beschrieben wird. Seit mehreren Jahren ist sie in der Gegend nord-westlich der Großstadt Boston als Immobilienmaklerin tätig. Auf ihrer Homepage heißt es: "Sie werden Anns Enthusiasmus und ihr Engagement schätzen lernen, während sie sich darum kümmert, dass Ihr Immobilienziel Realität wird." Aber die Dame hat offensichtlich auch noch andere Interessen. Sie schätze Gourmet-Essen, und interessiere sich für Ballett, teilt sie mit. Zudem habe sie vor Jahren ein eigenes Reisebüro betrieben, welches für kleine Gruppen von "Enthusiasten" Trips in französische Weinregionen organsierte. Blumig verkündet die Homepage: "Durch ihre kulturelle und internationale Erfahrung ist Ann empfindsam für die Wünsche von anderen Leuten."

Diese Sensibilität hat sie wohl auch gebraucht, um ihre Arbeitskollegen auf die falsche Fährte zu locken. So wie etwa die Personaler der Immobilienfirma Redfin. Im Februar wurde Foley von Redfin eingestellt. Ihr späterer Chef Alex Coon war bei den Einstellungsgesprächen dabei. "Sie hatte einen tadellosen Lebenslauf, hatte schon Erfahrung im Immobilienbereich und auch die nötige Lizenz", erzählt Coon stern.de. "Wir haben auch ihr Vorstrafenregister kontrolliert aber nichts gefunden." Foley habe er in den vergangenen Monaten zwar selten im Büro gesehen, ihre Aufgabe sei es jedoch auch gewesen, Interessenten Immobilien zu zeigen. "Die Kunden waren sehr zufrieden mit ihr. Sie war sehr nett, immer gutangezogen", sagt Coon. Er habe in den Medien von den Spionage-Vorwürfen erfahren. "Auch im Nachhinein fällt mir nichts an ihr auf. Sie hatte zwar einen recht starken ausländischen Akzent, aber das ist hier in den USA ja nichts Ungewöhnliches. Ich bin einfach fassungslos."

Identität eines Toten

Ähnlich wird es auch den Geschäftspartnern von Don Heathfield gehen. Und davon gibt es offenbar viele. Denn die Liste der Firmen und Organisationen, die der Mann mit dem akkuraten Haarschnitt auf einer Internet-Seite aufführt, ist lang. Heathfield, der dort angibt, in Paris und Harvard studiert zu haben, war nicht nur Geschäftsmann, sondern engagierte sich in rund drei Dutzend Verbänden. Darunter Universitäts-Alumni oder Lobby-Organisationen, aber auch Gruppen, die sich mit der US-China-Politik beschäftigen. "Aber nichts was Donald jemals getan hat, hatte irgendeine Verbindung zu Russland”, sagte sein Kollege Charles Kellog in einem Zeitungsinterview. Heathfield sei zwar viel gereist, jedoch meist in den Nahen Osten. Ein anderer Geschäftspartner sagte: "Es hat mich umgehauen. Er ist ein guter Mensch. Er hat so lange in den USA gelebt. Ich bin schockiert."

Mit wieviel Aufwand die beiden mutmaßlichen Spione sich eine neue Identität verschafften, zeigt auch ein gruseliges Detail, das die US-Ermittler nach den Razzien preisgaben. Demnach ist der wirkliche Donald Heathfield ein vor Jahren verstorbener Kanadier. "Das ist nicht ungewöhnlich, dass sich Spione Identitäten von Toten besorgen", sagt der Geheimdienstexperte Wolfgang Krieger. "Es ist allerdings ein ziemliches Kunststück, dass dieser Schwindel nicht auffliegt. Denn heutzutage hinterlässt jeder Mensch so viele Spuren. Man muss sich also jemanden suchen, der möglichst wenige hinterlassen hat."

Kontakte in US-Regierungskreise

Die US-Behörden gehen davon aus, dass sich Don Heathfield und Ann Foley intensiv um Einblick in Regierungskreise bemühten. Ihnen ging es demnach sowohl um Informationen über die US-Nuklear-Forschung als auch die amerikanische Terrorbekämpfung im Internet. US-Medien berichten, dass Heathfield 2004 nach Russland gemeldet haben soll, er stehe in Verbindung mit einer Person, die sich um die strategische Planung der Atomwaffenentwicklung kümmere. 2005 soll Heathfield angegeben haben, er sei in Kontakt mit einem hohen amerikanischen Sicherheitsbeamten.

Doch wirklich wichtige und geheime Informationen haben Don Heathfield, Ann Foley und ihre Komplizen scheinbar nicht nach Moskau gesendet. Denn ihnen wird US-Medienberichten zufolge nicht Spionage vorgeworfen, sondern "nur" Verschwörung zur Agententätigkeit für eine fremde Macht. Acht von ihnen wird zudem Geldwäsche vorgeworfen. Ihnen drohen zwischen fünf und 25 Jahren Haft.

Don Heathfield und Ann Foley erschienen zusammen mit ihren Söhnen bei Gericht und sprachen dabei französisch mit den 16 und 21- Jahre alten Jungs, berichten US-Medien. Am morgigen Donnerstag soll es eine erneute Anhörung vor dem Richter geben. Solange bleiben sie auf jeden Fall in Haft. Bis dahin kann Don Heathfield das Versprechen auf seinem Anrufbeantworter nicht erfüllen: Eine dunkle und rauchige Stimme verkündet: "This is Don Heathfield, please leave a message and I will try to reach you as soon as possible. Thank you."