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S-Bahn-Mord München: Wollten Zeugen doch helfen?

Die Zeugen widersprechen sich: Wollten Passanten dem ermordeten Geschäftsmann Dominik Brunner an einem Münchner S-Bahnhof helfen? Während die Staatsanwaltschaft Vorwürfe unterlassener Hilfeleistung zurückweist, will ein Kind anderes beobachtet haben.

Bei der tödlichen Gewaltorgie an einer Münchner S-Bahn-Station haben zahlreiche Zeugen des Überfalls in irgendeiner Form einzugreifen versucht. Die Darstellung, 15 Passanten hätten tatenlos zugesehen, sei "schlichtweg falsch", sagte Staatsanwalt Laurent Lafleur dem "Focus". Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft bestätigte einen "Spiegel"-Bericht, wonach sogar ein Mann vom gegenüberliegenden Bahnsteig auf die Gleise sprang, um einzugreifen. Er habe jedoch umkehren müssen, da in diesem Moment eine S-Bahn eingefahren sei.

Zu Vorwürfen der unterlassenen Hilfeleistung hatten die Ermittler in den vergangenen Tagen immer wieder betont, dies habe sich bislang nicht bestätigt. "Bisher gibt es nicht den geringsten Hinweis darauf, dass irgendjemand sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig gemacht haben könnte", bekräftigte Lafleur. Den Ermittlern zufolge versuchten Zeugen, die Schläger durch Zurufe zu stoppen, zudem gingen mehrere Notrufe bei der Polizei ein. Der Sprecherin der Staatsanwaltschaft zufolge leisteten ein älterer Mann und eine Arzthelferin sowie eine weitere Person, bei der es sich laut "Spiegel" um einen Gymnasiasten handeln soll, Erste Hilfe.

Von 20 Zeugen hatten die Ermittler bis zum Donnerstag 17 vernommen, deren Aussagen sich weitgehend deckten. Der 50-jährige Geschäftsmann war am vergangenen Samstag von zwei Jugendlichen mit mehr als 20 Faustschlägen und Fußtritten umgebracht worden. Der Mann hatte vier Kinder vor einem Raubüberfall der beiden Täter schützen wollen. Gegen diese wurde ebenso Haftbefehl erlassen wie gegen einen Komplizen, der zwar an dem Raubüberfall, aber nicht an der Tötung beteiligt war.

"Wir haben 'Helft uns!' geschrien"

Die Aussage eines der Kinder widerspricht jedoch der Darstellung der Staatsanwaltschaft. "Wir haben 'Helft uns!' geschrien, aber die Leute sind vorbeigegangen", zitiert die Münchner "Abendzeitung" die 13-jährige Sarah, die zusammen mir drei anderen Kindern von Jugendlichen bedroht wurde und vor die sich der 50-Jährige schützend gestellt hatte.

Nach Angaben der 13-Jährigen haben lediglich Passanten auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig "Aufhören" gerufen, als auf Brunner eingeschlagen wurde. Auch ihre Freunde hätten versucht, den Haupttäter zu stoppen, dieser sei jedoch "total ausgetickt", nachdem ihm Brunner auf dem Bahnsteig zur Selbstverteidigung einen Schlag verpasst habe. Der Jugendliche habe daraufhin wie von Sinnen auf den Mann eingetreten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warnte in der "Bild am Sonntag" unterdessen vor einer Kapitulation des Staates vor der Jugendkriminalität. "Straßen, Plätze und Bahnhöfe müssen sicher sein", sagte sie. Der Bürger dürfe nicht den Eindruck gewinnen, dass der öffentliche Raum nicht sicher ist. Sonst würden sie leichter wegsehen und weniger Zivilcourage zeigen.

Zudem wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft schon vor der tödlichen Attacke am Münchner S-Bahnhof gegen einen der mutmaßlichen Täter ermittelte. Laut "Focus" soll er Ende Juli damit gedroht haben, als Vergeltung für die Verhaftung seines Bruders eine Polizeiwache zu sprengen. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft bestätigte, dass gegen den 18-Jährigen ein Ermittlungsverfahren wegen Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung einer Straftat laufe. Der ältere Bruder des Jugendlichen sitzt wegen Drogenhandels in Haft.

DPA/AP / AP / DPA