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S-Bahn-Überfall in München: Tödliche Zivilcourage

Dominik B. wurde erschlagen. Weil er Mut hatte. Weil er Zivilcourage bewies. Weil er sich einmischte. Die Tat in der Münchner S-Bahn erscheint in ihrer Dimension unfassbar - einfache politische Rezepte helfen da wenig.

Von Manuela Pfohl

München, Samstagnachmittag, 15.45 Uhr. Kaffee und Kuchen-Zeit. Dominik B. ist mit der S-Bahn unterwegs. Zu seiner Freundin, heißt es in einigen Medien. Die Linie 7 Richtung Wolfratshausen ist gut besetzt. Das Wetter ist schön, die letzten Sonnenstrahlen des Herbstes haben viele Münchner nach draußen gelockt. Der 50-Jährige sieht, wie zunächst drei Jugendliche einige Kinder attackieren. Es geht angeblich um 15 Euro, die sie erpressen wollen. B. greift ein, als die anderen Fahrgäste wegschauen. Natürlich. Er kann schließlich nicht zusehen, wie die 17- und 18-Jährigen die 13- bis 15-Jährigen verprügeln. Er ruft über sein Handy die Polizei und bleibt bei den verängstigten Mädchen und Jungen, als sie wenig später an der S-Bahnstation Solln aussteigen. Es ist gegen 16.10 Uhr. B. ahnt nicht, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Die beiden Jugendlichen, Markus S. und Sebastian L., gehen am Bahnsteig auf ihn los, schlagen und treten immer wieder auf den Geschäftsmann ein, auch als er längst am Boden liegt. Als die Polizisten und ein Notarzt endlich eintreffen, ist der Mann nicht mehr zu retten. Angeblich hat er mehr als 22 einzelne Verletzungen erlitten. Wenig später stirbt er in einer Klinik. Totgeschlagen von zwei Jugendlichen, weil er Courage zeigte, weil er half, als Hilfe nötig war - und weil er allein war.

Damit ist wieder München der Ort, an dem eine Gewalttat verübt wird, die die Öffentlichkeit in der gesamten Republik aufschreckt: Wie 2007, als zwei Jugendliche einen Rentner in einem U-Bahnhof schwer verletzten. Und wie im Sommer dieses Jahres, als drei Schweizer Jugendliche einen Mann scheinbar hemmungslos verprügelten und schwer verletzten. Wie in den ersten beiden Fällen können die mutmaßlichen Täter auch jetzt schnell dingfest gemacht werden. Noch an der S-Bahnstation erfolgt am Samstag die Festnahme. Wenig später heißt es, die mutmaßlichen Täer seien polizeibekannt. Der ältere der beiden Jugendlichen saß offenbar bereits wegen schwerer räuberischer Erpressung und Körperverletzung in Arrest, der jüngere sei wegen Diebstahl und eines Drogendeliktes vorbestraft.

Noch am selben Abend liegen an der Stelle, an der B. erschlagen wurde, Blumen. Jemand hat eine Kerze entzündet.

Härtere Strafen und Videoüberwachung gefordert

Die Politik reagiert mit den üblichen Reflexen, wenn auch ohne polternde Scharfmacherrhetorik. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) fordert, alle Nahverkehrs-Bahnhöfe müssten mit Video-Überwachungseinrichtungen ausgestattet werden. Und Wolfgang Bosbach, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Unionsparteien im Bundestag, erklärt, der jüngste Fall von Jugendgewalt mache deutlich, dass "die Forderungen der Union nach Änderungen im Jugendstrafrecht auf der Tagesordnung bleiben müssen."

Die Tat macht ratlos, weil die Zahl der Fälle exzessiver Gewaltanwendung von Jugendlichen eher ab- als zunimmt. Das ist in München so, wenn es um die Gewalt im öffentlichen Nahverkehr geht, aber auch in ganz Deutschland. Johannes Kaspar, Dozent für Jugendstrafrecht und Kriminologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, sagt, der Eindruck täusche, dass Jugendliche immer häufiger und immer brutaler ihre Interessen durchsetzen. Er meint: "Alle aktuellen Statistiken sprechen dagegen. Sowohl in den vergangenen zehn Jahren, als auch im Vergleich von 2007 zu 2008 war ein Rückgang der Jugendstraftaten zu verzeichnen. Die Zahl der jugendlichen Intensivtäter liegt bei weniger als fünf Prozent." Auch die Intensität der Gewalt habe nicht zugenommen - sie wird nur bewusster wahrgenommen.

Kaspar hält nichts von Forderungen nach Strafverschärfungen im Jugendstrafrecht. "Denn alle bisherigen Erfahrungen zeigen, dass höhere Strafen keinen anhaltenden Effekt bringen", sagt er. Im Gegenteil. Nach Verbüßung von höheren Strafen komme es auch zu höheren Rückfallquoten. Stattdessen müsse ernsthaft über gesamtgesellschaftliche Maßnahmen diskutiert werden, die bei den Eltern und der Erziehung von Kindern begännen.

Soziale und gesellschaftliche Ursachen

Dass Jugendliche aus scheinbar nichtigem Anlass plötzlich losschlagen und dass sie mitunter ein von "außen" kaum zu kalkulierendes Gewaltpotenzial besitzen, sei oft das Ergebnis aus eigener angestauter Gewalterfahrung und der Unfähigkeit, damit umzugehen. Stimmt es, was verschiedene Medien über die Täter von München berichten, dann sind beide arbeitslos, haben keine Berufsausbildung und leben in sozial benachteiligten Verhältnissen in einer Unterkunft für Drogenabhängige, um dort ihre Sucht unter Kontrolle zu bekommen. Die Ursachen für Gewaltausbrüche werden so immer diffuser, immer schwerer zu greifen, immer schwerer zu bekämpfen.

Die ernüchternde Erkenntnis: Mit mehr Video-Überwachung oder härteren Strafen sind Spontan-Exzesse nicht zu verhindern. Denn davon lassen sich Totschläger im Zweifelsfall nicht abschrecken. Auf dem Gipfel ihrer Aggression denken sie überhaupt nicht an mögliche Konsequenzen.

Welche Gründe es für das "Austicken" der Jugendlichen im aktuellen Fall gab, wird ein Prozess klären müssen.

Die Staatsanwaltschaft München erließ noch am Sonntag Haftbefehl wegen Mordverdacht gegen die beiden Totschläger von Dominik B.. Auch der dritte Jugendliche, der zunächst an den Attacken gegen die Kinder beteiligt war, wurde inzwischen vorläufig festgenommen, bestätigt Staatsanwalt Laurent Lafleur. Angeblich hatte er noch kurz zuvor einen Eintrag im Internet verfasst: "Schießt alle Bullen tot." Markus S., der 18-jährige Täter wiederum soll in einem Steckbrief im Internet über sich geschrieben haben: "Ich leb jeden Tag so als wärs mein erster ich scheiß drauf was ich gestern gelernt hab."

Konrad Freiberg, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) fordert am Montag, das Sicherheitspersonal in S- und U-Bahnen aufzustocken. "Die Unternehmen fahren seit geraumer Zeit eine drastische Sparpolitik auf Kosten der Sicherheit ihrer Kunden. Wollen Fahrgäste Übergriffe oder auch nur eine zerstörte Sitzbank melden, sind ÖPNV-Mitarbeiter kaum aufzufinden", meint Freiberg. Seine Forderung an die Politik: "Sicherheit kostet Geld. Dieses Geld muss endlich fließen." Dominik B. nutzt das nichts mehr.