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Sachsen: Babymorde erschüttern Plauen

Die kleinen Leichen sind stark verwest, jahrelang wurden sie versteckt. Eine Mutter aus Plauen hat nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft ihre drei Töchter jeweils kurz nach der Geburt getötet. In der Nachbarschaft sitzt der Schock tief, doch bemerkt haben will niemand etwas.

Von Thomas Matsche, Plauen

Es ist nicht die Plattenbauatmosphäre, die oft den Hintergrund für Familientragödie wie diese liefert. Ganz im Gegenteil: die Gegend um den Fundort der dritten Babyleiche im sächsischen Plauen gehört eher der Mittelschicht. Hier leben Handwerker, Theaterleute, Studenten und Angestellte. Wer hier herzieht, muss es sich leisten können, sagen die Einwohner. 350 Euro für eine 3 Raum-Wohnung - das scheint für den Durchschnittsbürger lachhaft wenig. In der 70.000-Einwohner-Stadt, in der die Arbeitslosenquote bei vierzehn Prozent liegt, geht damit oft ein Drittel des Monatslohns drauf.

Hier also hat die 28-jährige Susann F. gelebt. Die Mutter von insgesamt fünf Kindern brachte 2002 ein Mädchen zur Welt. Die Leiche des Babys wurde vor einer Woche eher zufällig entdeckt. Das Mädchen war nach der Geburt im Vogtlandklinikum beim Plauener Gesundheitsamt registriert worden. Nachdem die Mutter nicht zur Vorschuluntersuchung erschien, alarmierte die Behörde die Polizei. Die fanden in der vergangenen Woche die Leiche des Mädchens, in einer Plastikfolie eingewickelt, in einem Koffer bei Verwandten. Ein zweites und drittes Kind wurden nun in einer Tiefkühltruhe und auf dem Balkon einer ehemaligen Wohnung der Frau entdeckt. Die anderen Kinder der arbeitslosen Mutter, ein ein und ein sieben Jahre alten Junge, leben derzeit nach Polizeiangaben bei Verwandten.

Aufmerksamkeit, die zu spät kommt

Bei der Pressekonferenz sagte der Polizeipräsident Südwestsachsens, Dieter Kroll, dass die toten Kinder erst jetzt die Aufmerksamkeit bekämen, die ihnen viel früher hätten zuteil werden sollen. Das familiäre Umfeld will nichts von den Ereignissen bemerkt haben und auch die Nachbarschaft gibt sich schockiert aber ahnungslos. So beschreibt ein Nachbar aus dem Haus die 28-jährige als „eine nette und gepflegte Persönlichkeit, die immer freundlich gegrüßt habe. Doch darüber hinaus hab er keinen Kontakt zu der Frau gehabt.

"Das ist das typische Nachbarschaftsverhältnis hier“, meint ein junger Mann aus dem Nebenhaus. "Man geht früh auf die Arbeit und wenn man abends nach Hause kommt, macht man seine Tür zu und will seine Ruhe." Viele der Nachbarn haben von den Ereignissen erst aus den Medien erfahren. Gesehen haben will immer niemand etwas, sagt Polizeipräsident Kroll. "Wir müssen Freunde, Nachbarn und Verwandte dazu bringen, sich bei einem Verdacht rechtzeitig zu melden."

Lebensgefährte will nichts gewusst haben

Auch der langjährige Lebensgefährte der Mutter will weder von den drei Schwangerschaften noch von den häuslichen Geburten zweier Kinder etwas mitbekommen haben. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen derzeit davon aus, dass die drei Säuglinge nach der Geburt von der Mutter getötet wurden. Doch bis jetzt bleibt die Frau bei ihrer Aussage, dass die Babys kurz nach der Geburt plötzlich tot waren.

Bernd Hohmann, Leiter der Chemnitzer Staatsanwaltschaft, hält eine Klärung der genauen Todesumstände für schwierig. "Bei den stark verwesten Leichen ist Gewalteinwirkung als Todesursache nur schwer zweifelsfrei nachweisbar." Obwohl die Ermittler nach eigenen Angaben nicht mehr glauben, weitere Kinderleichen zu finden, untersucht die Polizei alle Wohnungen der Frau, da sie in den vergangenen Jahren neun mal umgezogen sei. Oft habe sie bei Verwandten gewohnt, sagen die Ermittler. Auch deshalb sei es schwer nachvollziehbar, dass selbst im familiären Umfeld niemand etwas bemerkt haben will.

Auch wenn jetzt der Ruf nach mehr staatlicher Kontrolle wieder laut wird – eine Überwachung durch die Behörden allein reicht nicht aus, meint ein ehemaliger Nachbar. "Wenn das jetzt mit den Kindern nicht passiert wäre, wäre man nie auf den Gedanken gekommen da mal näher hinzuschauen."