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Sachsen: Bandenkrieg um Leipzigs Diskoszene

Ein Todesopfer und mehrere Schwerverletzte hat der Kampf um die Vorherrschaft in der Leipziger Discothekenszene bereits gefordert. Doch ein Ende des Konfliktes um die Macht an den Türen ist nicht absehbar. Insidern zufolge geht es um die Kontrolle im Drogengeschäft. Die Polizei bereitet sich offenbar auf ein weiteres heißes Wochenende vor.

Von Lars Radau, Leipzig

Andreas K. war definitiv zur falschen Zeit am falschen Ort. Am vergangenen Sonnabend trat der 28-jährige Russlanddeutsche morgens gegen kurz nach halb vier vor die Tür des "Mia`s" in der Leipziger Innenstadt, um eine Zigarette zu rauchen. Wenig später war er tot - getroffen von einer von drei Kugeln, die ein bislang unbekannter Schütze auf den Eingang des Clubs abgefeuert hatte. Zum Verhängnis könnte dem durchtrainierten jungen Mann geworden sein, dass er mit seiner schwarzen Jacke und seinem kurzen Haarschnitt für einen Türsteher gehalten wurde.

Denn folgt man den Aussagen von Brancheninsidern, herrscht spätestens seit Mitte vergangenen Jahres ein regelrechter "Krieg" zwischen den Leipziger Sicherheitsfirmen "Black Rainbow Security", "L.E. Security", die fast an allen Innenstadt-Clubs und Discos die Eingänge sichern, und einer Gang von Ausländern, bei denen es sich vor allem um Albaner, Iraner und Türken handeln soll.

Mit Schlagstöcke und Baseballschlägern

Was mit einzelnen Schlägereien und per SMS versandten Drohungen begann, eskalierte erstmals im vergangenen Oktober, als mehr als 30 Ausländer mit Schlagstöcken und Baseballschlägern einen Treff der "Black Rainbow Security" im Leipziger Waldstraßenviertel stürmen wollten. Seitdem ermitteln Polizei und Staatsanwaltschaft. Gleichwohl hatte Leipzigs Polizeipräsident Rolf Müller bereits wenig später gehofft, die Situation entschärft zu haben. Man habe verstärkt Präsenz gezeigt und mehrere Gespräche mit den "Größen beider rivalisierender Gruppen" geführt.

Eine trügerische Hoffnung, wie sich am vergangenen Sonnabend zeigte: Gegen zwei Uhr nachts hatte nach Müllers Angaben eine Gruppe von ausländischen Angreifern die Disco "Schauhaus" am Leipziger Ring gestürmt. Es kam zu einer Schlägerei, bei der dem 37-jährigen Marco Z., Chef der "L.E. Security", offenbar gezielt mehrere Messerstiche versetzt wurden. Einer davon verletzte den Herzbeutel des 110-Kilo-Mannes, so dass die Notärzte ihn in ein künstliches Koma versetzen mussten.

Polizei vom aggressiven Mob bedrängt

Auf die Notrufe aus dem "Schauhaus" war die Polizei mit mehr als 60 Beamten angerückt. Die befanden sich unversehens in einer gefährlichen und unübersichtlichen Situation, schildert Müller: Nachdem die Schlägergruppen getrennt und vor die Tür gedrängt worden waren, standen die Beamten zwischen den Fronten eines gut 150 Menschen zählenden, aufgeheizten Mobs. Und sowohl die Sicherheitsmänner als auch die Ausländer hätten die Polizisten "äußerst aggressiv" angegangen.

Vom "Schauhaus" zogen mehr als 30 Randalierer weiter ins nahe Kneipenviertel, wo nicht nur die Scheiben einer weiteren Discothek, einer Bar und eines Spielsalons eingeworfen wurden, sondern vor dem "Mia´s" auch die tödlichen Schüsse auf Andreas K. fielen.

"Das geht 100-prozentig weiter"

Dass das alles andere als ein Zufall war, davon ist zumindest ein Branchenkenner überzeugt, der in der Leipziger Volkszeitung zitiert wird. Er behauptet sogar, der junge Russlanddeutsche sei "gezielt erschossen" worden, weil ihn die Angreifer für einen Türsteher gehalten hätten. Und er spricht auch aus, was sowohl die Polizei als auch die Staatsanwaltschaft bislang allenfalls andeutungsweise oder hinter vorgehaltener Hand bestätigen: Es geht um organisierte Kriminalität. Der Kampf um die Türen der Leipziger Discos sei vor allem ein Kampf um die Kontrolle im Drogengeschäft der Stadt. Seinen Angaben zufolge versuche eine internationale Dealer-Bande, in die Läden zu kommen. "Die Bande will nicht nur Drogen vertreiben, sondern auch Schutzgeld erpressen", wird der Mann weiter zitiert. Sie habe zudem deutlich signalisiert, ihr Ziel nicht aufzugeben. "Das geht 100-prozentig weiter".

Zu dieser Überzeugung sind offenbar auch die Ermittler gelangt: Noch am vergangenen Wochenende gründeten sie eine mehr als 30-köpfige Sonderkommission, die die Vorfälle und Verwicklungen aufklären soll. Gleichzeitig wird seit Mitte der Woche auch der Personalbestand der Einsatzkräfte offensichtlich und öffentlichkeitswirksam aufgestockt. Am Mittwoch traten in Leipzigs Kneipenviertel zum Teil schwer bewaffnete Polizisten und Mitglieder eines Spezialeinsatzkommandos auf den Plan, um Personalien von Nachtschwärmern zu überprüfen. Zudem sollen mit Blick auf das Wochenende mehrere Einsatz-Hundertschaften der Bereitschaftspolizei aus benachbarten Bundesländern in die Messestadt beordert worden sein. Allerdings, heißt es aus Polizeikreisen, solle man diese Maßnahme "nicht überbewerten" - schließlich sei für den Sonnabend in der Stadt auch eine Demonstration von Neonazis angemeldet.

Rächen statt Auspacken

Mit offiziellen Ansagen halten sich indes sowohl Polizeisprecher Mario Luda als auch Ricardo Schulz, Sprecher der Leipziger Staatsanwaltschaft, zurück. Sie bestätigen in diversen Statements lediglich, dass die "führenden Protagonisten" der Auseinandersetzung der Polizei sehr wohl persönlich bekannt seien - und auch im Laufe der Woche in Begleitung ihrer Anwälte mit den Ermittlern Kontakt gehabt hätten. Das gelte sowohl für die Chefs der beiden Security-Unternehmen, die selbst wegen schwerer Körperverletzung und unerlaubten Waffenbesitzes vor Gericht gestanden hatten, als auch für den mutmaßlichen Anführer der Ausländer-Gang, den 23-jährigen gebürtigen Armenier Artur T. Er soll Augenzeugenberichten zufolge auf den "L.E.-Security"-Chef eingestochen haben, auch Marco Z. selbst hatte ihn wohl belastet. "Da spielt aber auch persönlicher Hass eine Rolle", sagt ein Ermittler.

Wesentlich tiefer gehende Erkenntnisse behalten die Fahnder aber für sich - oder haben sie möglicherweise gar nicht. Denn ausführliche Gespräche oder gar die Zusammenarbeit mit der Polizei sind augenscheinlich auf beiden Seiten verpönt. "Das Aussageverhalten ist relativ zurückhaltend", sagt Ricardo Schulz diplomatisch. Auch Polizeipräsident Rolf Müller stellt fest, dass die Türsteher und die Ausländer-Gruppe "ihre Konflikte im Grunde genommen untereinander klären" wollten. Wie das aussehen kann, zeigte sich keine 72 Stunden nach der Eskalation am "Schauhaus": In der Nacht zum Dienstag fackelte eine Sporthalle ab, in der mehrere Security-Leute normalerweise die Kampfsportart Freefight trainieren. Nicht nur deshalb, sagt ein Ermittler, "könnte es am Wochenende wieder heiß werden".