Säuglingstötung Mutter gibt Rätsel auf


Die des neunfachen Totschlags verdächtige Mutter hat eingeräumt, ihre Säuglinge allein zur Welt gebracht zu haben. Wie die Kinder getötet wurden, konnte sie nur sehr vage erklären - vor jeder Geburt sei sie volltrunken gewesen.

Drei Tage nach dem Fund der neun Babyleichen in dem brandenburgischen Ort Brieskow-Finkenheerd suchen Polizei und Staatsanwaltschaft nach weiteren möglichen Opfern und Spuren. "Wir haben aber bisher keine Anzeichen, dass noch mehr Säuglinge ums Leben kamen", sagt der Frankfurter Kripo-Chef Christian Kröhnert. Weitere Leichenfunde konnten aber auch nicht ausgeschlossen werden. Mehrere Objekte in Frankfurt (Oder) und das Gelände des Elternhauses in Brieskow-Finkenheerd nahe der polnischen Grenze wurden erneut durchsucht. Mittlerweile haben die Ermittler ein vorläufiges Bild des grausigen Geschehens zusammengesetzt, das allerdings an entscheidenden Stellen noch Lücken hat. Die Staatsanwaltschaft schränkte den Zeitraum der Geburten auf 1988 bis 1999 ein. Nach den bisherigen Erkenntnissen hat die Frau die Taten allein begangen.

Vage Angaben der Beschuldigten

Die 39-jährige Sabine H., gegen die am Montag Haftbefehl ergangen war, hat gestanden, dass sie alle tot aufgefundenen Neugeborenen zur Welt gebracht hat. "Wie die Kinder getötet wurden, dazu hat sie nur sehr vage Angaben gemacht", sagt Staatsanwältin Annette Bargenda, die in dem Fall die Ermittlungen führt. Nach dem Schilderungen Bargendas war das Leben der Sabine H. geprägt von Arbeitslosigkeit, Alkohol und Streit mit ihrem ehemaligen Mann, von dem sie 2005 geschieden wurde. Die Trennung zog sich über Jahre, "die Ehe war konfliktbeladen", erklärt die Staatsanwältin. Nach der Hochzeit 1985 hatte das Paar im Jahresabstand drei Kinder bekommen. "Das dritte war offenbar schon nicht mehr richtig gewollt", sagt Bargenda. "Das vierte gar nicht mehr." Es war das erste, das gleich nach der Geburt 1988 ums Leben gebracht wurde.

Sie sei bei ihren Geburten stets betrunken gewesen. In dieser Situation habe sie eine Decke über das Neugeborene gelegt und sei wieder zu sich gekommen, als das Kind tot war, so sei ein Fall von ihr geschildert worden. In keinem der neun Fälle habe die Frau "Gewalt gegen die Kinder" eingeräumt, hieß es. Die Frau, die einen ruhigen und gefassten Eindruck machte, gab bei den Ermittlern als Motiv an, sie habe die Kinder nicht gewollt. Bargenda berichtet fassungslos: "Auf meine Frage, warum sie die Babys nicht zur Adoption freigegeben hat, antwortete sie, dies wäre ihr peinlich gewesen." Auch von Verhütung hielt die gelernte Zahnarzthelferin nicht viel, wie sie in den Verhören erklärte. Stattdessen gebar sie nach eigenen Angaben bis 1998 oder 1999 fast jedes Jahr ein weiteres Kind. Deren Leichen wurden jetzt rein zufällig gefunden. Bei der Vernehmung habe die Frau den Eindruck erweckt, dass sie über die Entdeckung der Taten froh sei, hieß es.

Für die Familie war die Entdeckung ein Schock. Sowohl die Mutter als auch die Schwester von Sabine H. wohnen in dem Doppelhaus in Brieskow-Finkenheerd. Dahinter hatte die teilweise Geständige vor zwei Jahren zwischen zwei Garagen die acht Blumenkübel und ein Aquarium abgestellt, in denen sie die Reste ihrer Kinder unter Erde und Sand verscharrt hatte. Die mutmaßliche Täterin selbst wohnt schon seit Mitte der achtziger Jahre im nahen Frankfurt (Oder). Jahrelang standen die Kübel mit den Babyleichen zuvor dort bei ihr auf dem Balkon.

Die Familie ist geschockt

Am vergangenen Sonntagmittag hatte sich Polizeidirektor Bernd Halle zufolge der Sohn von Sabine H.'s Schwester für das Aquarium interessiert. Er schüttete den Sand aus, darunter kamen die Reste des ersten toten Säuglings zum Vorschein. Sofort alarmierte der Mann die Polizei. "Wir haben 16 Spezialisten hingeschickt und in weiteren acht Blumentöpfen die Überreste von insgesamt neun Säuglingen gefunden", schildert Halle. Nach Befragung der Familienmitglieder war schnell klar, dass die Gefäße Sabine H. gehörten. "Am Sonntag um 15.10 haben wir sie festgenommen", berichtet der Polizist. Staatsanwältin Bargenda ergänzt: "Die Familienmitglieder und auch der geschiedene Mann sind völlig fassungslos. Niemand hat etwas von den Schwangerschaften bemerkt."

Fragen ergeben sich aber auch an die zuständigen Sozialbehörden. Der Frankfurter Oberbürgermeister Martin Patzelt (CDU) versichert, seinen Behörden hätten keinerlei Hinweise auf eine solche Tragödie vorgelegen. Erst vor rund sechs Wochen wurden die Behörden auf die zerrüttete Familie aufmerksam. Nachbarn hatten die Polizei alarmiert, weil sie sich durch einen lautstarken Streit der mittlerweile geschiedenen Frau mit ihrem neuen Lebenspartner gestört fühlten. Da die Beamten das Kind in verwahrlostem Zustand vorfanden, übergaben sie es zunächst der Großmutter und schalteten das Jugendamt ein. Insgesamt hat die Frau vier lebende Kinder, drei von ihnen stammen aus ihrer ersten Ehe und leben beim Vater: Eine 21-jährige Tochter und zwei Söhne im Alter von 20 und 18 Jahren. Das anderthalbjährige Mädchen hat die Frau aus ihrer derzeitigen Beziehung.

Schwangerschaften stets verborgen

In den Vernehmungen erklärte auch Sabine H., sie habe ihre anderen Umstände jedes Mal vor allen verborgen. Auch ihrem damaligen Mann habe sie nie etwas verraten. Für Bargenda ein Hinweis, dass die Frau die Tötung ihrer Kinder von vorne herein im Sinn hatte. Wie die Leichen der Kinder jeweils in die Blumenkübel gekommen sind, daran könne sie sich nicht erinnern, erklärte die mutmaßliche Täterin den Ermittlern. Fest steht allerdings: Sie wusste, dass die Leichname in den Kübeln auf dem Balkon sind. "Die Beschuldigte hat angegeben, sich gerne dort aufgehalten zu haben, weil sie da in der Nähe ihrer Kinder gewesen sei", schildert die Staatsanwältin. Noch unvorstellbarer ist, dass die Frau mit den Jahren mehrmals umzog und dabei die Kübel mit der unfassbaren Last jedes Mal mitschleppen ließ. Auf der Erde über den Leichen waren Blumen gepflanzt. Ihr 20 Jahre älterer Freund sagte der "Bild"-Zeitung": "Was sie vorher getan haben soll, davon habe ich nichts gewusst."

AP/DPA AP DPA

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