Sars-la-Buissiere Das unheile Dorf


Wer hatte je von dem wallonischen Dorf Sars-la-Buissiere gehört? Seit zehn Tagen muß jeder belgische Hotelportier Handskizzen anfertigen, weil Leute aus der ganzen Welt einen Ort des besonderen Grauens besichtigen wollen.

Sars-la-Buissiere, 703 Einwohner, ein Bäcker, ein Metzger, kein Bahnhof, ein Gemischtwarenladen, keine Gendarmerie, eine Volksschule, eine Kneipe und ein Dutzend Madonnen-Schreine. Sars, ein wellig ausgebreitetes Dorf wohlhabender Bauern, die Flachs und Raps, Kartoffeln, Mais und Erbsen anbauen. Kaum ein Haus hat eine Klingel. Man war's gewohnt, daß der Kartenbruder oder Taubenzüchterfreund durch die Milchküche reinkam. Schnatternde Gänse oder der Hahn auf dem Mist kündigten jeden Besucher an. Sars war ein ländliches Schmuckstück, in dem sich auch manch Stadtmüder angesiedelt hatte.

Die marode Großstadt Charleroi nur 25 Kilometer entfernt und doch getrennt durch einen sozialen Tiefseegraben. Das war einmal. Bevor man die Leichen fand. Bevor die Hubschrauber kreisten und die Autos der Fernsehgesellschaften mit der Satellitenschüssel. Bevor das heisere Gebell der Leichensuchhunde die Nacht zerriß und in der Kneipe von Fernand und Jacqueline die Leute einfielen, die ihre kleinen Kinder zur Schreckensstelle führten, als sei es ein Kasperltheater. Oder Souvenirfotos mit dem dicken gelben Bagger machten, mit dem das Monster die Gräber aushob. Und dann die wohlfeilen Beschuldigungen: Wieso habt ihr denn nichts gemerkt? Und wenig später: Soviel Umsatz wie jetzt hattet ihr wohl noch nie. Darauf noch ein Bier!

Wie makaber auf einmal selbst das Vertraute wird: Daß die Dorfschänke 'L'Embuscade' heißt, Hinterhalt. Daß Stammgäste rot werden und stammeln beim Bestellen ihres Lieblingsgetränks, einer Mischung aus Cola und Bier, im Slang 'cercueil' genannt

Wie der Sarg. Daß am Dutroux-Haus ein Gedenkstein von 1629 prangt mit der Inschrift: 'Wer hier vorübergeht, bitte Gott um Seelenruhe für die Toten.' Selbstverständlich will hier keiner den Kinderschänder und dessen Frau gekannt haben. Das Leben ist hier so: Ein jeder kehrt vor seiner eigenen Tür und steckt die Nase nicht in Nachbars Garten. Davon profitierte der Fremde.

Marc Dutroux betrat das idyllische Sars vor drei Jahren, frisch aus dem Gefängnis nach einer Haftstrafe wegen Sexualdelikten mit Minderjährigen. Was man in Sars ja nicht wissen konnte. Angezogen war er wie ein Geschäftsmann, das Aktenköfferchen voller Bargeld. Es ging um die Zwangsversteigerung. Er überbot alle und zahlte, ohne zu fackeln, einen verblüffenden Preis für eins der unattraktivsten Häuser des Dorfes. Ließ rasch ein scheußliches Eisentor einsetzen und zwei Schäferhunde auf dem hektargroßen Grundstück patrouillieren. Er hatte sich das ideale Hehlergrundstück gekauft: eingerahmt von einem amateurhaften Gebrauchtwagenhandel, der Rückfront der bisweilen lärmigen Kneipe und der großkotzigen Bausünde aus den siebziger Jahren.

Ein Pleiteobjekt, wo nur noch manchmal die Brieftaubenfreunde tagen. Briefträger Gerard Navez auf seinem Knatter-Moped kann sich nicht erinnern, jemals Post für Dutroux gebracht zu haben. Dutroux war in der Gemeinde nicht als Einwohner registriert und deshalb ging es auch keinen was an, ob sein ältestes Kind die Schule besuchte. Weder Dutroux noch seine Frau traf man beim Metzger oder Bäcker. Die Dörfler versuchten anfangs, die Frau freundlich zu grüßen, wenn sie in einem Wohnmobil mit ihren Kindern vorüberfuhr. Sie grüßte nie zurück. Sonderlinge, sagten sich die Dörfler. Komische Städter, Leute aus einer anderen Welt. Wie recht sie damit hatten!

Die Gegenwelt des Ehepaars Dutroux: Charleroi hinterm Südbahnhof. Die Vororte Marchienne und Marcinelle, struppiges Leben zwischen Hochofenschrott einer sterbenden Industrie und Menschen, die der Staat und der König auch nicht mehr gebrauchen können. Die Avenne de Philippe Ville ist nur noch einseitig bebaut. Wo ein Gegenüber sein sollte, verlaufen vier Bahngleise, und darüber donnert die Stadtautobahn auf schmutzigen Stelzen. Wer hier wohnt, ist taub und stumm gemacht, erwartet vom Leben nicht mehr viel und stellt seinen kaputten Kühlschrank oder Fernseher einfach auf die Straße. Auf die Frage 'Was sind Sie von Beruf?' kriegt man eine stereotype Antwort: 'Rien'. Nichts. Aus schmalbrüstigen Backsteinhäuschen quellen Suff-Opas, laienhaft tätowierte Jugendliche mit abgebissenen Fingernägeln, Junkies mit Trauerflor aus einem schwarzen Damenstrumpf, dickliche Teenager mit ebenso bleichen aufgequollenen Säuglingen auf dem Arm.

Vor Nummer 128 lodert zwischen Plüschtieren und welkenden Blumen ein Haß-Altar mit ewigen Lichtern und Verwünschungen, die Dutroux nicht nur die Todesstrafe wünschen, sondern viel explizitere Martern. Hier wurden Sabine und Laetitia am 15. August noch lebend geborgen. Hier sind Julie und Melissa geschunden und gefesselt verhungert. Ihr Wimmern sollen Polizisten bei zwei Hausdurchsuchungen schwach gehört und nichts unternommen haben. Doch wann greint in dieser Nachbarschaft kein Kind, grölt kein Nachbar, während die Züge und Laster vorbeiwummern? arc Dutroux hat es verstanden, Immobilien und Nachbarn für seine jeweiligen Zwecke auszuwählen: die kollabierende Industrielandschaft mit ihren abgestumpften Menschen für seine Folterkammern, die Idylle von Sars-la-Buissiere mit ihren auf Privatheit erpichten Bewohnern als Friedhof für Betriebsunfälle im Kinderporno- Geschäft.

Ist dieser Marc Dutroux ein echter Pädophiler, ein Triebtäter, der in ärztliche Behandlung gehört? Oder eher ein schurkischer Pornodarsteller, ein Ingenieur des Grauens? Ein hochbesoldeter und präziser Techniker des Verbrechens, der es bei entsprechender Auftragslage vor der Videokamera auch mit kleinen Buben, mit Hunden, Pferden oder toten alten Damen getan hätte? Allmählich beginnt man in Sars-la-Buissiere ebenfalls, sich solche Fragen zu stellen. Und peu a peu erinnert man sich an ein paar häßliche kleine Vorfälle in der heilen Welt. Begebenheiten, die man zuvor stramm als Zufall abgetan hatte. So ereignete sich kurz nach dem Einzug der Fremden im Dorf etwas, was es noch nie gegeben hatte: ein äußerst kaltblütiger Einbruch. Man schob es zunächst auf die modernen Zeiten. Die Lehrerin Mauricette Navez hatte sich 1993 mit ihrer Schwester auf einem Grundstück der Eltern ein Doppelhaus bauen lassen. Mauricette feierte ihren Umzugstag im Kreise der Familie, nur ein paar hundert Meter entfernt, und kehrte heim in ein ausgeraubtes Haus. Nicht bloß Möbel, Kleider, Stereoanlage waren weg, auch alle Sanitärobjekte rausgerissen. Und niemand hatte etwas gesehen oder gehört. Es verging ein Jahr, bis man Mauricette ohne Erklärungen ins Haus von Dutroux brachte, in einen wüsten Warenhaufen, aus dem sie zumindest die Gardinenstangen und Lampen wieder herausfischen konnte.

Die Dörfler nannten ihn von da an 'le voleur', den Dieb, und machten einen noch größeren Bogen um ihn. Er paßte nicht zu ihnen, aber die Polizei tat ja nichts. Längst hatte die Gemeinde eine Heidenangst vor dem Eindringling. 'Fragen Sie mal nach Jules', murmelt es in der Kneipe, nachdem die Fernsehwagen und die Richtmikrofone weg sind, die den ganzen Tag über auf neue Buddeleien, deutsche Leichensuchhunde aus Unna und Experimente mit englischem Spezialradar gepeilt waren.

Jules läßt sich nicht sprechen zu dem Vorfall, wie er nachts eine aufs Maul bekam, weil er es gewagt hatte, in der Einfahrt zum Grundstück des Monsieur Dutroux zu parken. Und erst jetzt gestehen gestandene Männer ähnliche Schikanen. 'Ich zeig' dich an', haben sie gedroht, wenn er vorsätzlich ihr Auto schrammte. 'Versuch's doch. Mir kann keiner', hat er lachend erwidert. 'Ich hab' mir gedacht, das ist meine letzte Chance', sagt die hinkende Greisin im verfleckten schwarzen Kleid und klebt Fotokopien einer Suchmeldung auf die Scheiben vom 'L'Embuscade'. Sie ist erst 60 Jahre alt und die Mutter von Sylvie Carlin, seit 20 Monaten spurlos verschwunden in dieser Gegend. Sylvie fiel durchs Netz der Kindersucher, weil sie zum Zeitpunkt ihres Verschwindens schon 19 und damit volljährig war.

Madame Carlin weint, wie seit anderthalb Jahren schon, in ihr dünnes Bier und läßt die fünfundfünfzigste Zigarette des Tages achtlos zwischen ihren gelben Fingern verglimmen. Draußen wird es plötzlich laut. Bürgermeister Andre Levacq ist aus seinem Haus gestürzt und legt sich mit zwei ortsfremden Jugendlichen an. Die sind gerade dabei, die Blumengebirge und die Kuscheltiere vor dem Haus des Todes in ihr Auto zu laden, das mit einem großen Poster von Julie und Melissa geschmückt ist.

Den wachhabenden Polizisten im Panzerwagen haben sie erklärt, sie kämen im Auftrag der verwaisten Eltern. In Marcinelle haben sie schon abgeräumt. Die Gauner können nicht wissen, daß der Bürgermeister soeben mit den Eltern Russo telefoniert hat. Andre Levacq läßt die beiden nicht festnehmen, er jagt sie zum Teufel. So wie er zuvor schon andere zwielichtige Gestalten vertrieb, die sich an die geschockten Besucher der improvisierten Gedenkstätte heranmachten und ihnen Blumen zum Niederlegen andrehten und die Dreistigkeit besaßen, mit den überall im Lande kursierenden Petitionen gegen Geld zu hausieren.

Einen Marc Dutroux mitten im Dorf beherbergt zu haben, war das nicht Prüfung genug? Das Dorf will seine Normalität zurück. Seine Unschuld hat es ein für alle Mal verloren. Diese liebenswürdige Naivität, mit der man sich noch am 13. August den Aufmarsch von Uniformierten mit Maschinenpistolen im Anschlag als geheime Militärübung erklärte. Denn was hätte die Polizei im friedlichen Sars wollen sollen? Am nächsten Tag las man im Regionalblättchen die klitzekleine Meldung, es sei ein Autodieb festgenommen worden in Sars- la-Buissiere.

Wer das gewesen sein konnte, darüber gab's in Sars keine zwei Meinungen. Der Fremde, wer sonst? Am übernächsten Tag, Mariä Himmelfahrt, ging man zur Prozession und dachte noch nichts Böses. Am Freitag begannen die Polizisten zu buddeln. Zwei Meter tief. Und nichts. Am Samstag brachten sie Dutroux in einer kugelsicheren Weste, und er sagte ihnen, sie müßten eben noch zwei Meter tiefer gehen. Dort fanden sie Julie und Melissa und den ermordeten Komplizen Bernard Weinstein. Wie ein Prediger läuft der Bürgermeister nun durch Dorf und Kneipe: 'Das Leben muß doch weitergehen.' Er hält seine Dörfler davon ab, Transparente mit dem Aufruf zur Wiedereinführung der Todesstrafe aufzuhängen. Er ermuntert den Jugendclub 'Jeunesse Sar-toise', auf jeden Fall die jährliche Techno-Sause auf dem Fußballplatz durchzuziehen, das Eintrittsgeld jedoch für das Komittee Julie und Melissa zu spenden. Das bringt ihm einige anonyme Anrufe mit Drohungen ein. Das ist dem fünffachen Großvater egal. Er weiß die Eltern von Julie und Melissa hinter sich, die keine Staatstrauer wollen, sondern Fanale. Die Open- air- Disco kündigt sich weithin an mit einem weißen Laser-Zeigefinger im sternbestreuten Sommernachtshimmel.

Die Schweigeminute um Mitternacht ist umrahmt vom anrührenden Gesang des Gefühlsberserkers Andrea Bocelli, so wie gestern bei der Beerdigung. Ein paar Jugendliche nehmen die Baseballkappe vom Kopf und bekreuzigen sich. 'Wissen Sie, bis vor 14 Tagen wurde ich in jeder belgischen Stadt angeguckt wie ein Scheckbetrüger, wenn ich meine Kreditkarte zog', sagt die Bäuerin eines großen Milchhofs. 'Niemand hatte je von Sars-la-Buissiere gehört. Und jetzt? Vorige Woche hat meine Cousine telefonisch Fensterläden bestellen wollen. Als sie ihre Adresse nannte, sagte der Mann am Telefon: Sparen Sie sich Ihre geschmacklosen Witze und hat aufgelegt.'

Stern 29.08.1996


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