HOME

Sauerland-Prozess: BKA verdächtigt V-Mann der Türkei

Ins Zentrum des Prozesses gegen die Sauerland Gruppe rückt ein fünfter Mann: Mevlüt K. Er spielte nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamtes eine zentrale Rolle in der Anschlagsplanung - und hat als V-Mann für den türkischen Geheimdienst gearbeitet.

Von Martin Knobbe, Uli Rauss und Oliver Schröm

Wenn Richter Ottmar Breidling am kommenden Montag nach wochenlanger Pause den Prozess gegen die vier Angeklagten der so genannten Sauerland Gruppe wieder eröffnet, fehlt auf der Anklagebank der fünfte Mann: Mevlüt K., 30, aufgewachsen in Ludwigshafen, gelernter Schweißer, spätestens seit 2002 V-Mann des türkischen Geheimdienstes MIT.

Nach Recherchen des stern schreibt das Bundeskriminalamt (BKA) dem türkischen V-Mann eine entscheidende Rolle bei der Planung eines der größten Terroranschläge in Deutschland zu. Er sei der "zentrale Ansprechpartner" für die Beschaffung von 26 Sprengzündern gewesen. Ohne ihn wäre es den anderen Terrorverdächtigen nicht möglich gewesen, "an die Sprengzünder heranzukommen und den Transport nach Deutschland zu organisieren", heißt es in einem BKA-Bericht vom Mai 2009. Gestützt werden die Vorwürfe durch die Geständnisse, die von den Angeklagten in den letzten Wochen vor BKA-Beamten abgegeben wurden. Am Montag sollen die ersten Aussagen im Düsseldorfer Verhandlungssaal verlesen werden.

Terrorplaner mit Geheimdienstkontakten

Neue Brisanz bekommt der Fall durch die Rolle der deutschen und türkischen Geheimdienste. Wie der stern berichtet, wusste der Bundesnachrichtendienst (BND) frühzeitig über die Geheimdiensttätigkeit von Mevlüt K. Bescheid. Vermutlich im Jahr 2004 bot der türkische Nachrichtendienst MIT dem BND eine gemeinsame Operation an. Mevlüt K. sollte als V-Mann in die deutsche Islamistenszene eingeschleust werden.

Der BND war nicht abgeneigt, da Mevlüt K. den deutschen Sicherheitsbehörden seit 2002 als Islamist mit Kontakten zu hochrangigen al-Qaida-Kadern bekannt war. Er half mit, eine Terrorzelle des al-Qaida-Führers Musab al-Sarqawi in Nordrhein-Westfalen aufzubauen. Nach Rücksprache mit der Generalbundesanwaltschaft (GBA) lehnte der BND das Angebot aber ab, da bereits zwei Ermittlungsverfahren gegen Mevlüt K. in Deutschland liefen.

Als nun Mevlüt K. mit der Sauerland Gruppe in Verbindung gebracht wurde, teilte allerdings der BND wie auch andere Sicherheitsbehörden der Bundesanwaltschaft mit, es lägen ihnen "keine Hinweise" vor, wonach bei der Beschaffung der Zünder ein Geheimdienst involviert gewesen sei.

Haftbefehl wird beantragt

Wie der stern berichtet, haben die BKA-Ermittler die Bedeutung des V-Mannes offenbar über viele Monate verkannt, weshalb er im August 2008 nicht mit angeklagt wurde. Nach Informationen des stern werden die Bundesanwälte nun in den nächsten Tagen Haftbefehl gegen Mevlüt K. beantragen.

Die vier Mitglieder der Sauerland Gruppe waren im Herbst 2007 festgenommen worden. Ihnen wird vorgeworfen, Bombenanschläge auf amerikanische Einrichtungen in Deutschland geplant zu haben. Der Prozess gegen sie läuft seit dem 22. April vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf. Nach einer längeren Pause, in der die Angeklagten ihre Geständnisse abgelegt haben, wird er am kommenden Montag fortgesetzt.

Mitarbeit: Özlem Gezer

print

Von:

und Martin Knobbe