HOME

Wellness und Wirklichkeit: Saunaclub Artemis - der nur scheinbar bessere Puff

Saunaclubs wie das Artemis in Berlin gelten als menschenwürdige Alternative zu Straßenstrich und Zuhälterei. Doch nun wird wegen Scheinselbstständigkeit und Ausbeutung ermittelt.

Saunaclub Artemis: 900 Ermittler und sieben Staatsanwälte waren an den Razzien um das Berliner Großbordell beteiligt

"So voll war’s im Puff noch nie": 900 Ermittler und sieben Staatsanwälte waren an den Razzien um das Berliner Großbordell beteiligt

Den Männern verheißen diese Art Freudenhäuser die Erfüllung schwülstiger Sultan-Fantasien. Ein Harem voller schöner Gespielinnen, stets verfügbar und willig, die Auswahl frei und riesengroß. Für die Frauen, die nackt und auf High Heels zwischen Dampfbädern und Swimmingpools herumstolzieren, ist das Versprechen deutlich nüchterner: ein geschützter, gut geheizter Arbeitsplatz. Es war nicht weniger als ein Menetekel für die Rotlichtbranche des Landes, als am Abend des 13. April plötzlich 400 Polizeibeamte im Berliner Saunaclub Artemis zwischen den Nackten standen.

Sieben Staatsanwälte und 900 Beamte des Zolls, der Steuerfahndung, der Kriminal- und Bereitschaftspolizei waren insgesamt an dem Schlag gegen den Steuer- und Sozialbetrug in dem dreigeschossigen Großbordell beteiligt. "So voll war’s im Puff noch nie", feixte der Berliner Boulevard.

Das Artemis, eine von Taxifahrern meistangefahrene Adresse in der Stadt, ist eines der größten Saunabordelle in Deutschland. Es lockt mit türkischem Hamam, finnischer und Biosauna, Swimming- und Whirlpool, Fitnessgeräten und Solarium, in dem auch die Frauen etwas Bräune nachlegen können, überall Sitz- und Liegeflächen, selbstverständlich auch Separees. Die Herren flanieren frisch geduscht im weißen Frotteebademantel. Die Damen beschränken sich – ausnahmslos alle – auf Dessous. Andere Großbordelle, wie das auf dem Weg zum Stuttgarter Flughafen gelegene "Paradise", boten der Kundschaft auch bereits eine Business-Zone mit Computern und Druckern.

Prostitutionsgesetz sollte für "angenehmes Arbeitsumfeld" sorgen

Saunaclubs ähneln in ihrer Grundausstattung dem Wellnessbereich großer Hotels, wenn auch das Dekor des Artemis mit all den Fresken-Imitaten und dem gerafften Tüll einen speziellen Geschmack verrät. Für Bier oder Hochprozentiges wird an der langen Bar ein Zehner verlangt, die Flasche Champagner kostet ab 120 Euro, das Büfett (warme Mahlzeiten bis 2 Uhr nachts) und Alkoholfreies sind mit dem Eintrittspreis von 80 Euro abgegolten.
Anfang 2002 trat das von der rot-grünen Bundesregierung erlassene Prostitutionsgesetz in Kraft, das die rechtliche und soziale Situation der Huren verbessern sollte. Seither macht sich nicht mehr der "Kuppelei" strafbar, wer den Frauen ein "angenehmes Arbeitsumfeld" schafft.

Und tatsächlich versprachen die schicken Clubs den anschaffenden Frauen eine akzeptable Alternative zu herkömmlichen Formen der Prostitution zu sein – zu Straßenstrich, heruntergekommenen Absteigen, zur Unterwerfung unter brutale Zuhälter. Die Frauen, so schien es, könnten hier in einem sicheren Umfeld selbstständig ihre Dienste anbieten, und das unabhängig von den Strukturen und Zwängen des Milieus. Doch drängende Fragen wurden von Gesetzgeber und Behörden nie in Angriff genommen: Wie werden die in der Prostitution arbeitenden Frauen steuerlich erfasst? Wie schafft es der Staat, die Frauen in die Sozialversicherung zu bringen? Und wie soll sich eine Festanstellung damit vereinbaren lassen, dass Anweisungen des Arbeitgebers in dieser Branche nur in sehr beschränktem Maße erlaubt sind?

Die Berliner Staatsanwaltschaft wirft jetzt den Bordellbetreibern des Artemis Steuer- und Sozialversicherungsbetrug in großem Umfang vor. Wohnungen wurden durchsucht, Geld und Autos beschlagnahmt. Die Erkenntnis der Polizei: Die Prostituierten sind im Artemis längst nicht so frei, wie das Geschäftsmodell vorgibt, sie werden wie Untergebene behandelt, aber nicht wie Angestellte sozialversichert. Nach grober Schätzung soll den Sozialversicherungen in den mehr als zehn Jahren seit Eröffnung des Bordells ein Schaden von mindestens 17,5 Millionen Euro entstanden sein. 6 Millionen Euro an Steuern seien hinterzogen worden. Und außerdem sollen Frauen im Artemis nicht freiwillig gearbeitet haben, sondern von kriminellen Zuhältern dorthin zur Arbeit gezwungen worden sein. Geheizt – ja. Frei – nein?


Mehrere Festnahmen bei Razzia im Saunaclub Artemis

Die beiden Eigentümer, Hakim ("Hakki") und Kenan Simsek, sowie vier leitende "Hausdamen" wurden verhaftet. Aus Sicht der Staatsanwälte stellen Schichtpläne und vom Haus vorgeschriebene Festpreise für sexuelle Standarddienstleistungen ein klares Indiz für eine verbotene Scheinselbstständigkeit dar, auch wenn die Frauen auf eigene Rechnung anschaffen. Von den 118 am Abend der Razzia angetroffenen Prostituierten räumten noch in der Nacht 96 freimütig ein, dass in dem Club eine Art Regelwerk existiere.

"Die Frauen wurden dort nicht angekettet oder gefoltert", stellte der ermittelnde Oberstaatsanwalt Sjors Kamstra klar, "aber sie durften nicht selbst entscheiden." So hätten die Huren bestätigt, dass es für die Arbeit im Artemis zur Bedingung gemacht worden sei, an mindestens vier aufeinanderfolgenden Tagen zu erscheinen. Die "Arbeitskleidung" sei ebenso vorgeschrieben gewesen wie die regelmäßige Untersuchung durch den Betriebsarzt.
Tatsächlich sind die Grundpreise der sexuellen Dienstleistungen im Haus festgelegt. So bieten die Frauen Verkehr mit oder Oralsex ohne Kondom zum Fixpreis von 60 Euro an. Nur Extras werden individuell berechnet. Keine leichte Aufgabe für die Behörden, das, was in der gebuchten halben Stunde im Dunkel der Separees oder "auf Zimmer" geschieht, steuer-, arbeits- und sozialversicherungsrechtlich zu bewerten.

Der Eintrittspreis von 80 Euro muss nicht nur von den Gästen am Empfangstresen beglichen werden. Auch die Frauen zahlen Eintritt – die Bordellbetreiber stellen nach dieser Konstruktion also nur Räumlichkeiten und Ambiente zur Verfügung, mit dem bezahlten Sex haben sie nichts zu tun. Welchen Kunden und wie viele die Prostituierten dann ansprechen, bleibt ihre Entscheidung. Sie kassieren selbst, arbeiten, zumindest in der Theorie, in die eigene Tasche und müssen ihre Einnahmen selbst versteuern.

Der jetzt verhaftete Eigentümer Hakki Simsek erklärte einmal dem stern, es unterliege allein den Gesetzen des Marktes, welche Frau im Artemis anschaffe. Er, der Betreiber, wähle keine der Frauen aus. Wer das Eintrittsgeld nicht erwirtschafte, komme einfach nicht wieder. "Ich tue auch keinem Zuhälter irgendeinen Gefallen", sagte Simsek, "und sei er auch ein alter Freund."

Das aber könnte sich, sollten sich die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft bestätigen, geändert haben. Die Ermittler berufen sich auf eine Zeugin, die behauptet, der seit zwei Jahren inhaftierte Chef eines Berliner Hells-Angels-Charters habe, damals noch in Freiheit, beim Betreiber des Saunaclubs direkt angerufen, um dort von den Rockern "gemanagte" Frauen zu platzieren. Die Hells Angels hätten sogar freien Eintritt genossen und im Artemis hin und wieder ihre Clubabende gefeiert.

"Unmittelbarer Bezug zur Organisierten Kriminalität"

Damit wäre nicht nur die Illusion des zuhälterfreien Luxusbordells dahin, für die Ermittler ist auch "ein unmittelbarer Bezug" des legal geführten Betriebs "zur Organisierten Kriminalität" hergestellt. Was auf dem Parkplatz vor dem Riesenpuff Tag für Tag zu beobachten ist, lässt nicht nur die Ermittler an der schönen Geschichte von der sauberen Bordellwelt selbstbestimmter Frauen zweifeln. Wenn die Frauen dort zum Arbeitsbeginn erscheinen, steigen sie aus schweren SUVs, die von furchterregend kräftigen Männern gesteuert werden. Es können Lebenspartner, Luden, aber auch Mitglieder osteuropäischer Gangs und Rocker eines berüchtigten, vorwiegend türkischen Charters der Hells Angels sein. Nach der tatsächlichen Situation der Prostituierten, den Gewalt- und Abhängigkeitsverhältnissen, in denen sie leben, fragen die meisten Bordellbetreiber lieber nicht. Viele stammen aus armen Verhältnissen in Osteuropa.

Die wichtigste Zeugin der Staatsanwaltschaft, eine junge Frau mit türkischen Wurzeln, war einst die Freundin eines Torwarts. Der Montenegriner war nach mehreren Verletzungen bei Eintracht Frankfurt ausgeschieden und soll sich dann den Berliner Hells Angels angeschlossen und seine Freundin gezwungen haben, im Artemis anzuschaffen. Er sitzt seit zwei Monaten in Untersuchungshaft, weil er laut Polizei im Auftrag der Hells Angels zwei Handgranaten auf Clubhäuser der rivalisierenden Bandidos geworfen habe. Seine Exfreundin ist im vergangenen Sommer in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen worden.

Nach Razzia und Verhaftungen im Artemis bemühte der leitende Oberstaatsanwalt Andreas Behm den Vergleich mit dem legendären Gangsterboss Al Capone. Der wurde in den 1930er Jahren in Chicago wegen Steuerhinterziehung verurteilt, weil ihm andere Straftaten nicht nachgewiesen werden konnten. Es scheint, als sei es auch der Berliner Staatsanwaltschaft bei ihrem machtvollen Auftritt im Edelpuff nicht nur um Feinheiten des Steuer- und Arbeitsrechts gegangen. Erklärtermaßen gehört es zur Strategie des Berliner Oberstaatsanwalts Kamstra, Leiter der Abteilung Organisierte Kriminalität, bei seinem Kampf gegen die Rockerkriminalität auch das Ordnungs-, Gewerbe- oder Steuerrecht einzusetzen. So gesehen ist das jetzt eingeleitete Sozial- und Steuerbetrugsverfahren gegen das Artemis möglicherweise eher ein Beifang seiner entschlossenen Jagd auf die Rocker.

Hoffnungen des Prostitutionsgesetzes nicht erfüllt

Für die Bordellbranche macht das keinen Unterschied, für sie ist die Razzia ein Fanal. Denn sollten die Anschuldigungen gegen die Betreiber von einem Gericht bestätigt werden, ist das Geschäftsmodell aller Saunaclubs, vielleicht aller Bordelle im Land in Gefahr.

Außerdem wird offenbar, dass sich die Hoffnungen, die mit dem Gesetz von 2002 verbunden waren, nicht erfüllt haben.

Vielleicht, so dachten sich die rotgrünen Reformer, vielleicht würden sogar ordnungsgemäße Arbeitsverhältnisse für Prostituierte entstehen – mit Urlaubsanspruch, Rentenversicherung und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Artikel 1, Paragraf 3 des Prostitutionsgesetzes macht dies ausdrücklich möglich.

Doch im Arbeitsalltag des Rotlichts spielten Krankengeld- oder Urlaubsansprüche nie eine Rolle. In einem Bericht des Bundesrechnungshofs an den Bundestag kamen die Prüfer 2014 zu dem Ergebnis, dass es in Deutschland keine Prostituierte gab, die als reguläre Arbeitnehmerin beschäftigt war und Lohnsteuer abführte. Grundsätzlich gingen Prostituierte und Bordellwirte, so der Rechnungshof, einvernehmlich von einer selbstständigen Tätigkeit aus. Auch die Steuerbehörden hätten diese Übereinkunft akzeptiert – handelten sich damit aber neue Probleme ein. Denn die branchenübliche Barzahlung und der ständige Ortswechsel vieler Frauen machten es so gut wie unmöglich, präzise Steuerforderungen zu ermitteln. In sieben Bundesländern, darunter auch Berlin, wurde deshalb vereinbart, dass die Bordellwirte pauschal bei den Frauen eine bestimmte Summe fürs Finanzamt einkassieren – bis zu 30 Euro pro Tag. Da sich andere Länder dieser Einigung aber nicht anschlossen, mahnte der Bundesrechnungshof dringend eine gesetzliche Regelung an.

Ann-Marlene Henning im "Brigitte"-Talk: "Wer gut küsst, ist meist auch gut im Bett"


Juristen warnen schon länger, dass auch bei der derzeit in der Großen Koalition diskutierten Verschärfung des Prostitutionsgesetzes wieder alle steuer- und sozialversicherungsrechtlichen Fragen absichtlich im Ungefähren belassen würden.

Und so erwächst aus der Großaktion der Berliner Staatsanwaltschaft zumindest eines: der Appell an den Gesetzgeber, endlich praxistaugliche Regelungen für das Gewerbe zu schaffen.

Von:

und Kuno Kruse