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Schicksal einer Rentnerin: Tod an der Costa Blanca

Mit 60 glaubte Irmgard Fieres die Liebe ihres Lebens gefunden zu haben. Sie verließ ihren Mann, um mit einem Trucker ein neues Leben in Spanien zu beginnen. Der Traum vom späten Glück endete tödlich.

Von Georg Wedemeyer

Es ist der erste richtig heiße Tag in diesem Juni 2011. 35 Grad, kein Lüftchen regt sich. Die Möwen an der Costa Blanca thronen faul auf den Straßenlaternen, ohne Wind ist ihnen das Fliegen zu mühsam. Im Hinterland, in Pinar de Campoverde, warten ein paar Trauergäste darauf, dass sie endlich in die kühle Kapelle dürfen. Sie sind gekommen, um Irmgard Fieres das letzte Geleit zu geben. Genau ein Jahr zuvor, am 16. Juni 2010, war die 61-jährige Deutsche hier in Pinar brutal erschlagen worden wie ein räudiger Hund.

Der Priester sagt davon kein Wort. Nur, dass er "Irmgard" von allen Sünden freispreche und sie nun auf dem Weg der Hoffnung sei. Die Nachlassverwalterin Renate Searl-Blum, die als einzige aus Deutschland anreiste, ist da weniger zurückhaltend. Sie spricht von einer "unbegreiflich brutalen Tat, die uns hilflos und fassungslos macht." Und davon, dass "Irmgard ausgenutzt und gebrochen wurde bei ihrer Suche nach der großen Liebe und dem großen Glück".

Es ist still in der Kapelle bei diesen Worten. Nur die Fächer einiger Frauen rascheln, und in der Hitze jenseits der flaschengrünen Fenster tschilpen die Spatzen. Am aufgebahrten Sarg, in dem die ein Jahr lang von der Gerichtsmedizin bei minus 18 Grad aufbewahrte Leiche von Irmgard Fieres liegt, hat sich Kondenswasser gebildet.

Fortan war er ihr neuer "Schatzi"

"Die Irmgard ist damals einfach ausgerastet. Die war wie von Sinnen. Wir waren 18 Jahre zusammen, 16 Jahre verheiratet, und plötzlich wollte sie mit dem anderen nach Spanien", erinnerte sich kurz nach diesen Szenen ihr Ex-Mann Bruno Fieres, 70. "Das kann sich bis heute niemand erklären."

Damals, das war im Sommer 2008. Das Ehepaar Fieres machte Urlaub in Soltau in der Lüneburger Heide. Das günstige kleine Ferienhäuschen hatte ihnen schon im Jahr zuvor so gut gefallen. Das Rentnerpaar gönnte sich gleich drei Wochen. Bruno hatte Gürtelrose und durfte nicht schwimmen. Aber Irmgard besuchte regelmäßig das Soltauer Sole-Bad.

Dort hat sie ihn kennengelernt. Er habe sich so nett um ein kleines Mädchen gekümmert, das Schwimmen lernen wollte, das habe ihr gefallen, erzählte sie später Vertrauten. So seien sie ins Gespräch gekommen und dann habe sie sich sofort "in den Karl-Heinz verliebt." Fortan war er ihr neuer "Schatzi".

"Oma Urmels" verborgene Sehnsüchte und Träume

Ausgerechnet dieser Karl-Heinz! Ein 59-jähriger LKW-Fahrer mit Bauchansatz, der in seinem Brummi schlief, weil er keine Wohnung hatte und kein Geld. Das konnte tatsächlich keiner verstehen. Verwandtschaft und Bekanntschaft waren entsetzt.

Mit ihrem Bruno war es doch immer schön gewesen. Gut, es war nicht die heißblütige Liebe, aber doch was Solides. Jeder wohnte zwar in seinem eigenen Reihenhaus nahe Frankfurt, 18 Kilometer voneinander entfernt, doch jedes Wochenende besuchte man sich. Dann fuhren Irmgard und Bruno zusammen einkaufen, kochten gemeinsam, nachmittags gab's Kaffee und Kuchen mit Schlagsahne, und abends sahen sie fern. Ihre Enkelin, die kleine Tochter von Brunos Tochter, hatte "Oma Urmel" heiß geliebt. Sie war eine begeisterte Großmutter.

Das alles wollte Irmgard Fieres jetzt wegen Karl-Heinz hinter sich lassen. Je früher, je lieber. Irgendetwas Geheimnisvolles hatte dieser LKW-Fahrer in ihr ausgelöst. Verborgene Sehnsüchte und Träume gerieten in Bewegung wie ein lange aufgestauter Fluss. Nichts konnte sie aufhalten.

" ... isch hab misch in en anere Mann verliebt"

Zunächst hatte Irmgard Fieres ihrem Mann nichts von der neuen Liebe erzählt. Nach dem Urlaub fuhr sie unter einem Vorwand nach Hamburg und verbrachte dort zwei Tage mit Karl-Heinz. Auf der Rückfahrt rief sie vom Zug aus ihren Mann mit dem Handy an und sagte in ihrem breiten Hessisch: "Isch will Dir nur B'scheid sache, isch wer misch scheide lasse, isch hab misch in en anere Mann verliebt." Aus. Schluss.

Irmgard Fieres war eine einfache Frau mit bescheidener Bildung. Ihre Eltern waren Arbeiter, sie selbst hatte es bis zur Friseurmeisterin gebracht. Ihr Bruder war mit zwei Jahren gestorben, so wuchs sie als Einzelkind auf, besonders behütet von ihrer dominanten Mutter. Auf Fotos lächelt ein stets fein herausgeputztes bildhübsches Mädchen in die Kamera.

Die Mutter habe "dem Irmgardchen" überall hineingeredet, erzählen ihre Verwandten. Auch was Männer angeht. Als Irmgard Fieres 1992 ihren Bruno heiratete, hatte sie schon zwei gescheiterte Ehen hinter sich. "Im Grunde hat die Mutter sie nie mit anderen teilen wollen", sagt eine Cousine.

Alle Warnungen in den Wind geschlagen

Mit Bruno schien erst alles gut zu gehen. Zunächst wohnte das Paar bei ihm. Ihre Stieftochter beschreibt sie als "lebenslustige selbstbewusste Frau, die sich durchsetzen konnte". Doch als Irmgards Vater und Mutter starben, zog "das Irmgardchen" im Jahr 2000 zurück ins elterliche Häuschen. Also ob sie die Mutter auch nach dem Tod nicht loslassen wollte.

2008 wurde das Jahr der verspäteten Revolte. Im Frühjahr ging Irmgard Fieres in Rente. Im August lernte sie Karl-Heinz H. kennen und lieben. Im September schenkte sie ihm ein gebrauchtes rotes Mercedes Cabrio 300 SL. Danach ließ sie sich die Hüfte operieren. Noch im Krankenhaus leitete sie die Scheidung und den Verkauf des Elternhauses ein. Im Oktober setzte sie Karl-Heinz als Begünstigten ihrer Rentenversicherung ein und gab ihm Kontovollmachten. Im November ließ sie das Grab der Eltern mit pflegefreiem Granit verschließen. Am 4. Dezember wurde sie von Bruno geschieden, und am 9. Dezember brach die 60-Jährige mit ihrem neuen Schatzi nach Spanien auf, um dort ein deutsches Schnitzelhaus zu eröffnen.

Freunden und Verwandten, die auf sie einredeten, ihr Schatzi könnte ein Heiratsschwindler sein, drohte sie mit dem Abbruch aller Kontakte. Karl-Heinz sei die Liebe ihres Lebens, diese Liebe würde für immer halten, sagte sie ihrer Bekannten und jetzigen Nachlassverwalterin Renate Searl-Blum. Er sei der erste Mann, den sie sich selber ausgesucht habe, und nicht ihre Mutter. "Jetzt will ich endlich mal das machen, was ich will." Einer Freundin offenbarte sie, sie habe vorher nicht gewusst, wie glücklich ein Mann eine Frau im Bett machen könne.

Der Traum vom Schnitzelhaus gerät zum Albtraum

Pinar de Campoverde in Spanien ist eine der ungezählten Touristensiedlungen, die es in Spanien gibt. Schön auf einer Kuppe gelegen, wird der 3800-Einwohner Ort hauptsächlich von Engländern und Deutschen bewohnt. La Corona, Zur Krone, The Crown hieß das kleine Restaurant, das Irmgard Fieres und ihr Traumprinz dort an Weihnachten 2008 eröffneten. Insgesamt 50 Sitzplätze drinnen und draußen, eine Theke, eine kleine Küche, klein aber fein.

Nach außen war Karl-Heinz der Chef. Irmgard Fieres, die wegen ihrer Hüfte nicht bedienen konnte, war nur die Putzfrau. Und die Zahlmeisterin. 1400 Euro betrug die Miete. 1200 Euro Monatsgehalt erhielt der Geliebte als Geschäftsführer und Koch. 1000 Euro eine Bedienung. Gelaufen ist der Laden trotzdem nicht richtig. Die Umsätze krebsten herum zwischen 100 und 200 Euro am Tag. Immer wieder musste Irmgard, die schon den Ankauf und die Renovierung bezahlt hatte, nachschießen. Nach einem halben Jahr waren 110.000 Euro weg.

Und auch die ewig währende Liebe war nur von kurzer Dauer. Jedenfalls aus Sicht des Liebhabers. Anfangs kämpfte Irmgard verzweifelt um ihren Karl-Heinz. Zum Mercedes schenkte sie ihm noch eine Harley und Tag für Tag notierte sie in ihrem Kalender, was ihm an ihr nicht passte.

Am 31. Januar 2009 steht da (Schreibfehler im Original): "Privat – Geschäft Trennen Sex nein keine Belohnung Zuhören wichtig sonst Keine Antwort Ändern wichtig Wie Ich mich nach seiner Liebe sehne Vergessen erinnern Realität Zoff Partner nicht Plamieren Zurückhaltung Keine Komentare dazwischen"

Am 2. Februar 2010: "Wichtig ist für Ihn Ruhe Zufriedenheit Glücklich sein"

Am 2. März: "Maxime kehren Irmgard Putzen beide Räume Toiletten sowie Küche, Thresen, Kaffeemaschiene Stühle von Staub säubern Lampen putzen überm Thresen Spiegel wenn nötig"

Dann hören die Eintragungen auf. Es hatte nichts genutzt, Karl-Heinz war aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen.

Sie mimte die fröhliche Spanierin

Zurück blieb eine gebrochene Frau, deren Selbstbewusstsein gegen Null tendierte. Nur Trotz, Scham und die Hoffnung, Karl-Heinz könnte zu ihr zurückkehren, ließen sie durchhalten. Sie stimmte zu, die Kneipe weiter mit ihm als Geschäftspartner zu führen. Bei Telefonaten nach Deutschland ließ sie sich nichts anmerken und mimte die fröhliche Spanierin, die alles im Griff hat. Von ihren Nöten erzählte sie nichts.

Der Traum vom Schnitzelhaus geriet zum Albtraum. Irmgard putzte morgens, sie putzte abends, und dazwischen wusch und bügelte sie die Tischdecken, die Servietten und die Handtücher. Nachdem sie sich in Deutschland auch die zweite Hüfte hat operieren lassen, sah man sie sogar mit Krücken und Zahnbürste unter die Spüle kriechen, um dort zu wienern.

Ansonsten ging sie kaum nach draußen. Nichts war mehr übrig von der lebenslustigen Hessin von früher. Die Nachbarn des Hauses, in das sie schließlich alleine umzog, haben sie nie die Sonnenterrasse nutzen sehen. Manchmal rief sie im Garten nach ihren Katzen und pflückte die Früchte vom Mispelbaum, um Marmelade daraus zu kochen. Eine Erinnerung an Zwetschgenmus und Apfelgelee, die sie als Kind so gerne mochte.

Nur eines ließ sie sich nicht nehmen. Jeden Tag Punkt 18 Uhr ging sie in die Krone zum Abendessen. Entweder Lachsschnitzel oder Schweineschnitzel und immer Salat. Mitunter soll man ihr auch Reste serviert haben, erzählen frühere Gäste. Auch die habe sie dann meist stumm und steif dasitzend gegessen. Manchmal kramte Irmgard Fieres dabei auffällig in ihrer prallen Brieftasche, um den letzten Trumpf zu zeigen, den sie noch hatte: ihr Geld.

Nachts kam die Putzfrau-Chefin wieder ins Lokal. Einerseits, um zu putzen, und andererseits, um die Tageseinnahmen zu kassieren. Das hatte sie nach der Trennung eingeführt. Sie ließ ihren Ex-Geliebten auch unterschreiben, dass bei Aufgabe der Krone der Verkaufserlös ihr zustehe. Vielleicht meinte sie das, wenn sie Freunden in Deutschland erzählte, alles sei gut, sie habe alles unter Kontrolle.

Sie verbittert, er blüht auf

Während Irmgard vereinsamte und verbitterte, blühte Karl-Heinz auf. Er konnte fließend Englisch, ein paar Brocken Spanisch, und war freundlich gegenüber jedermann. "Der hat innerhalb weniger Monate hier Gott und die Welt gekannt", sagt Francisco Caballero, der Vermieter der Krone.

Dabei hatte "Kalli" von seinem Vorleben wenig preisgegeben. So ist das in den Ausländersiedlungen in Spanien. Man kennt sich, aber man weiß wenig voneinander. Er sei LKW-Fahrer gewesen und habe eine Ex-Frau und eine Tochter, die er an eine Sekte, die Zeugen Jehovas, verloren habe, erzählte er. Von seiner zweiten Ex-Frau, mit der er schon mal ein Lokal in Buxtehude geführt hatte, sagte er nichts. Auch nicht von einer fast 30 Jahre jüngeren Freundin dort, die seit 2009 nie wieder etwas von ihm gehört hatte, vermutlich wegen Irmgard oder besser: wegen Irmgards Geld.

Frühere Bekannte berichten, er sei längere Zeit in Australien gewesen, zur See gefahren, und habe in Portugal versucht, Glasaale zu züchten. In Buxtehude wurde er drei Mal wegen Laden- und Handydiebstahls verurteilt. Das Landeskriminalamt Niedersachsen bewahrt eine DNA-Probe von ihm auf. Verwandte soll es geben, neben der Tochter einen Bruder. Das Leben des Karl-Heinz H. bleibt rätselhaft.

Beim Putzen erschlagen

Das Leben von Irmgard Fieres verblühte zusehends. Im Frühjahr 2010 ließ sie gespenstische Passbilder von sich machen. "Der Frau läuft die Traurigkeit aus den Augen", murmelte der Sohn ihrer späteren Nachlassverwalterin bei ihrem Anblick. Um diese Zeit rief sie irgendwann dann doch ihre Cousine in Düsseldorf an und fühlte vor, ob sie vielleicht vorübergehend bei ihr wohnen könne, falls sie nach Deutschland zurückkehre.

Wenig später wollte sie davon nichts mehr wissen. Karl-Heinz war plötzlich wieder auf sie zugegangen. Er machte ihr Hoffnungen, wieder mit ihr zusammenzuziehen, und wollte im Anbau der immer noch schlecht laufenden Krone einen Edeka-Laden eröffnen. "Wir sind wieder ein Paar", erzählte Irmgard in ganz Pinar und zeigte einer Freundin stolz eine SMS, die mit "Dein Karl" endete. Ein letztes Mal öffnete sie Herz und Brieftasche. Am 31. Mai 2010 wies sie ihre deutsche Hausbank an, ein Anlagedepot aufzulösen und 12.000 Euro auf ihr spanisches Konto zu überweisen.

Sechzehn Tage später wird Irmgard Fieres nachts in der Küche der Krone beim Putzen erschlagen. Laut Obduktionsbericht wurden die Schläge von hinten mit einem stumpfen Gegenstand und großer Wucht geführt. Der Tod trat zwischen null und zwei Uhr ein. Der Kühlschrank hatte Blutspuren von fahrigen Händen, als hätte sie versucht, noch einmal aufzustehen.

Anfangs tappte die Guardia Civil im Dunkeln. Zwar hatten zwei Ortspolizisten Karl-Heinz H. zur fraglichen Zeit vor der Krone gesehen, aber an seinen Kleidern und in seiner Wohnung fand man keinerlei Blut. Seine Vermieter gaben ihm eine Art Alibi: Der Hund hätte bellen müssen, wenn er die Wohnung nachts noch einmal verlassen hätte.

Die Wende kam mit der Aussage einer Zeugin. Sie hatte Karl-Heinz am Tag nach der Tat kondoliert. Wie es sich in Pinar gehört, mit angedeutetem Küsschen einmal links und einmal rechts. Dabei entdeckte sie Blutstropfen in H.s rechtem Ohr. Als die Polizei H. zwei Tage später vorlud, war das Blut weg. Doch dann kratzten sie unter dem oberen Rand seines Ohres mit einem Wattestäbchen doch noch Reste von Blut hervor. Sie waren mit dem von Irmgard Fieres identisch.

18 Jahre Haft wegen Mordes

Karl Heinz, die "Liebe ihres Lebens" wurde verhaftet und saß fortan in Alicante in Untersuchungshaft. Die Leiche von "Irmgardchen" ruhte derweil seit jenem heißen 16. Juni 2011 in Grabkammer 103 des Friedhofs von Pilar de la Horadada an der Costa Blanca. Aus Ermittlungsgründen verweigerten die spanischen Behörden bisher eine Einäscherung und Überführung nach Deutschland.

Das könnte sich nun ändern und Irmgard Fieres endlich ihre letzte Ruhe finden: Am 22. Oktober wurde Karl-Heinz H. nach viertägigem Prozess in Spanien zu 18 Jahren Haft wegen Mordes an seiner einstigen Geliebten verurteilt. Ein Geständnis hat er nicht abgelegt.

Im Falle ihres Todes solle ihre Urne in ihrem Heimatdorf beigesetzt werden, vertraute Irmgard Fieres ihrer jetzigen Nachlassverwalterin vor dem Umzug nach Spanien an. "Aber auf keinen Fall im Grab meiner Mutter."