Schlangenmädchen-Prozess Opfer einer verhängnisvollen Liebe?


Das wegen Misshandlung ihrer Nichte angeklagte Ehepaar hat erstmals ausgesagt. Angeblich habe sich die 13-Jährige der Ausbildung zum "Schlangenmädchen" widersetzt und sei deshalb geschlagen worden. Der Mann will aber alles nur aus Liebe getan haben.
Von Peter Meuer

Zu Beginn der Verhandlung lächelt Gerhard H. noch. Da fragt Richter Hans Lorenz den Angeklagten, wie lange er schon mit seiner mongolischen Frau Tungalag verheiratet sei und wie er dazu komme, Artistenauftritte in ganz Europa zu organisieren. Er - ein Verwaltungsbeamter einer Kleinstadt in Rheinhessen mit silbergrauem Haar, Brille, Schnauzbart. Und Gerhard H. erzählt bereitwillig, im Plauderton. Von seiner Liebe zum Zirkus und der Liebe zu seiner Frau und davon, wie das eine zum anderen führte. Wie er, der schon als Kind keine Zirkusveranstaltung versäumen wollte, für Zirkusmagazine schrieb und dabei 1994 das gefeierte "Schlangenmädchen" aus der Mongolei kennen lernte. Er erzählt und blickt dabei lächelnd zu seiner Frau, die neben ihm auf der Anklagebank sitzt. "Es war wie im Märchen. Sie ist meine große Liebe."

Dem Angeklagten vergeht das Lächeln

Als der Richter die Vorwürfe gegen Gerhard H. und Tungalag L. anspricht, lächelt der Verwaltungsbeamte nicht mehr. Das Ehepaar soll die mittlerweile 14-jährige Nichte von Tungalag, Tuul*, die es Ende 2006 aus der Mongolei zu Ausbildungszwecken nach Deutschland geholt hatte, über Monate hinweg mit der Faust oder einem "gefährlichen Werkzeug" - gemeint ist beispielsweise ein zugespitzter Bambusstock - verprügelt haben. 16 Fälle von körperlicher Misshandlung wirft die Staatsanwaltschaft dem Ehepaar vor, die immer extremer wurden und im Juli vergangenen Jahres eskalierten. Da, so die Anklage, habe Tungalag L. das Kind mit Klebeband gefesselt, an einen Haken an der Decke aufgehängt und verprügelt. Tags darauf soll die Tante ihre Nichte erneut gefesselt und ihr ein Schlafmittel verabreicht haben, weil sie Besuch erwartete und das malträtierte Kind verbergen wollte. In der Nacht konnte sich Tuul befreien und floh zwanzig Kilometer bis nach Mainz, wo sie gefunden wurde. Ein kleines Wunder.

Tuuls Geschichte hätte auch ganz anders ausgehen können. Ob sie denn mal darüber nachgedacht habe, "dass das Mädchen hätte sterben können?", fragt fassungslos Rechtsanwalt Hans-Dieter Henkel, der das Kind als Nebenkläger vertritt. Nein, das habe sie sich nicht vorstellen können, lässt Tungalag L. ihre Dolmetscherin sagen, schaut herausfordernd in Richtung des Anwaltes. Dann senkt sie den Blick, presst die Lippen aufeinander.

Tungalag L. lebt seit Mitte der 90er Jahre in Deutschland, spricht aber kaum Deutsch. Das Gericht hat eine Übersetzerin kommen lassen, die neben der schwarzhaarigen Frau mit dem runden Gesicht sitzt. Tungalag H. gibt die Vorwürfe zu, manchmal erst auf Nachfrage. Sie beharrt aber - wie ihr Mann - darauf, dass ihre Nichte widerspenstig gewesen sei, Gegenstände im Haushalt zerstört und Widerworte gegeben habe. "Zudem bin ich selbst als Kind geschlagen worden", übersetzt die Dolmetscherin. "Solche Erziehungsmaßnahmen", behauptet sie, "sind bei uns in der Mongolei üblich."

"Mein Mann ist mitgerissen worden"

Doch sind sie auch in Deutschland üblich? Gerhard H., der seit vielen Jahren als Müllfahnder bei der Kreisbehörde arbeitet, hat sichtlich Mühe, seinen Teil am Martyrium zu erklären, das sich hinter den Mauern eines abgeschotteten Einfamilienhauses abspielte. Er habe "zugeschlagen und getreten, aber Tuul nie gefesselt", versucht er sich zu rechtfertigen. Seine Frau springt ihm bei. "Mein Mann hat keine große Rolle gespielt, er ist mitgerissen worden", behauptet sie.

Als Gerhard H. am 9. Juli nach Hause kam, fand er Tuul gefesselt und an einem Haken hängend vor. "Geschockt" sei er zunächst gewesen. Sie habe "ein bisschen gezappelt", berichtet er. "Aber ich habe nicht verstanden, was sie mir sagen wollte, sie spricht ja nur mongolisch. Deswegen habe ich sie nicht befreit." Richter Hans Lorenz wirkt einen Moment lang fassungslos. "Das Mädchen hat geweint, geschrien, gefleht! Da braucht es doch keine Sprache, um das zu verstehen!"

Jetzt beginnt Gerhard H. zu schluchzen. Sein Anwalt Claus Henkel bittet um eine Prozesspause. Richter Lorenz fragt den Angeklagten, warum er sogar die schwersten Misshandlungen zuließ. "Sie sind schließlich der Mann im Haus, warum haben Sie nicht gesagt: bei mir nicht?"

Ein Bild des Jammers

Doch auch dieser Versuch, eine befriedigende Erklärung von dem Beamten Gerhard H. zu bekommen, scheitert. Er ist ein Bild des Jammers, seiner Frau ganz und gar verfallen. Er liebe diese Frau wirklich über alles. "Deshalb können Sie mir doch keinen Vorwurf machen!" Er schaut hilfesuchend zu Tungalag, doch die senkt wieder den Blick. Und versucht die Schuld auf zwei Mädchen aus der Mongolei abzuschieben, die zu ihrem Artistenteam gehörten und bei ihr im Haus lebten. Sie seien bei "fast jeder" Misshandlung dabei gewesen, sagt Tungalag L. in knappen Sätzen. Tuul, die sich als ungeeignet für die extremen Körperdehnungen erwies, habe versucht, sich in den Vordergrund zu schieben, sei arrogant geworden - "daher hatte sie auch Ärger mit den anderen im Haus." Wie die Rolle der anderen Mädchen aussah, ob sie gedrängt wurden, an den Misshandlungen teilzunehmen, will der Richter an den weiteren Prozesstagen in dieser Woche klären. Am Mittwoch entscheidet sich auch, ob Tuul vor Gericht aussagen muss. Ursprünglich sollte ihr das erspart werden. Doch Tuuls Anwalt Hans-Dieter Henkel will den Vorwurf, das Mädchen sei aufsässig gewesen, nicht stehen lassen. "Machen Sie sich ein eigenes Bild", rät er dem Richter.

Gerhard H. nimmt zum Schluss des ersten Prozesstages am Mainzer Landgericht die Brille ab, sein Gesicht ist gerötet, er beginnt erneut zu weinen. "Ich habe den größten Fehler meines Lebens gemacht", schluchzt er. Richter Hans Lorenz antwortet: "Manchmal hat Liebe auch etwas Verhängnisvolles."

* Name des Kindes geändert.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker