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Schleswig-Holstein: Fünf tote Kinder, Mutter mordverdächtig

In Darry in Schleswig-Holstein hat die Polizei Leichen von fünf Kindern gefunden. Die Jungen im Alter von drei bis neun Jahren wurden vermutlich von ihrer psychisch kranken Mutter getötet. Dabei wurde die Familie offensichtlich vom Jugendamt betreut. Die kleine Stadt steht nach der Tat unter Schock. "So was haben wir hier noch nicht erlebt, das ist schlimm."

Eine grausige Familientragödie mit fünf toten Kindern erschüttert das beschauliche Dorf Darry an der Ostseeküste Schleswig-Holsteins. In einem Einfamilienhaus wurden die Leichen von fünf kleinen Jungen entdeckt. Die Mutter steht unter dringendem Tatverdacht, ihre Söhne im Alter von drei bis neun Jahren getötet zu haben. Unbestätigten Informationen zufolge soll die 31-Jährige ihre Kinder zuerst mit Tabletten betäubt und dann mit einer Plastiktüte erstickt haben. Die Mutter wurde in eine psychiatrische Klinik gebracht.

Ein paar Bauernhöfe, eine Grundschule, jeder kennt jeden: Die etwa 450 Einwohner Darrys stehen nach der entsetzlichen Tat unter Schock. "So was haben wir hier noch nicht erlebt, das ist schlimm", sagt der 66-jährige Horst Milkereit. Am späten Abend stehen zwei Leichenwagen vor dem weißen Klinkerhaus, während in den Häusern spärliche Weihnachtsbeleuchtung brennt. Rot-weißes Absperrband flattert im Vorgarten, zwei Blumentöpfe und eine Keramikgans stehen an der Haustür, hinter der das Unfassbare geschah. Was sich hinter den zugezogenen Vorhängen abgespielt hat, lässt sich nur erahnen.

"Das gibt es nicht bei uns"

Nur wenige Nachbarn wagen sich in die stockfinstere Nacht hinaus. "Unglaublich", "schrecklich", "grausam" - so lauten erste Reaktionen. Sein Junge sei mit einem der getöteten Kinder in die erste Klasse der Grundschule gegangen, berichtet der 49 Jahre alte Nachbar Michael Wiesner. Sein Sohn wisse noch gar nichts von dem schrecklichen Geschehen. "Das gibt es doch gar nicht, das gibt es doch nur in den USA und nicht bei uns", sagt Wiesner.

Eine 64 Jahre alte Frau steht weinend in der Nähe des Hauses: "Hoffentlich haben sie nicht so gelitten." Ein 14 Jahre alter Schüler ist mit seinem Vater am Tatort. "Es ist einfach nur schrecklich, dass so etwas in unserem kleinen Dorf passieren kann", sagt der Junge. Bei der Mutter soll es sich nach Angaben von Anwohnern um eine Zugezogene handeln, die erst im Sommer nach Darry gekommen ist.

Verwahrloster Zustand war aufgefallen

Nach Informationen von "Spiegel Online" soll Lehrern der örtlichen Grundschule ein verwahrloster Zustand der beiden älteren Kinder aufgefallen sein. So seien sie ohne Jacke oder mit alten Pausenbroten in der Schule aufgetaucht. Wie die Internet-Seite weiter berichtet, sei das Jugendamt informiert gewesen. Es habe die Familie am Mittwoch aufsuchen wollen, weil die Kinder nicht in die Schule gekommen waren.

Die Familie, in der sich das Drama abspielte, sei vom Jugendamt betreut worden, sagte die Frau des Bürgermeisters von Darry, Stefanie Arnold, der Deutschen Presse-Agentur dpa. Berichte über eine Verwahrlosung der Kinder bestätigte sie nicht. "Die Kinder machten einen ordentlichen Eindruck. Wir haben uns nie vorstellen können, dass hier so etwas passiert."

Eltern und Schüler wiesen Berichte zurück, dass die Kinder verwahrlost gewesen seien. "Sie waren offenbar nicht wohlhabend", sagte eine 33-jährige Mutter. "Das stimmt überhaupt nicht, dass sie vernachlässigt waren", sagte ein elfjähriges Nachbarsmädchen. Sie habe häufig die beiden älteren Jungen Justin und Jonas ein Stück auf ihrem Schulweg begleitet, sagte das Mädchen am Morgen an der Haltestelle, wo sie auf den Bus zum Gymnasium nach Lütjenburg wartete. "Einmal ging einer von ihnen in Hausschuhen zur Schule, aber nur weil er vergessen hatte, richtige Schuhe anzuziehen", berichtete die Schülerin.

Nach der Familientragödie ist am Donnerstag der reguläre Schulunterricht ausgefallen. Weinende Eltern begleiteten ihre Kinder zu der kleinen Grundschule, die von 72 Schülern besucht wird. "Es findet kein Unterricht statt, vier Pastoren und Psychologen kümmern sich um die Schüler", sagte die sichtlich bewegte Schulleiterin Andrea Danker-Isemer der Deutschen Presse-Agentur dpa. Ein weiterer Seelsorger sei im angrenzenden Kindergarten im Einsatz. Danker-Isemer hatte am Mittwoch von der Polizei von dem Familiendrama erfahren. Zwei der getöteten Jungen gingen in die erste und dritte Klasse der Dorfschule. Ein Kind sei in den Kindergarten gegangen, sagte Arnold.

Nach Angaben von Nachbarn stammte der Vater der drei jüngsten Kinder aus den USA, der andere Vater lebt demnach in Kiel. Zwei Kinder sollen unter leichten Behinderungen gelitten haben. Die Jungen spielten oft lautstark im Garten des kleinen Einfamilienhauses und seien sehr lebhaft gewesen. Die Mutter lebte den Angaben zufolge sehr zurückgezogen, sie war meistens im Haus. Erst vor drei Monaten war sie mit ihren Kindern nach Darry gezogen.

Erst am 21. November hatte der schleswig-holsteinische Landtag ein Kinderschutzgesetz beschlossen, das Fälle von Verwahrlosung durch verbindliche Vorsorgeuntersuchungen verhindern soll. "Die furchtbare Tat wirft viele Fragen auf, die wir zurzeit nicht beantworten können", erklärten Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) und Innenminister Ralf Stegner (SPD).

DPA / DPA