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Schlussplädoyers im Fall Oscar Pistorius: Entscheidet Beweisfoto 55 den Prozess?

Der Prozess gegen Oscar Pistorius geht in die Zielgerade. Die Verteidigung beginnt mit ihrem abschließenden Plädoyer. Entscheidend könnte ein Foto sein, das das Schlafzimmer des Sprinter-Stars zeigt.

Hat Oscar Pistorius seine Freundin vorsätzlich erschossen? Dem Sprinter-Star droht lebenslänglich.

Hat Oscar Pistorius seine Freundin vorsätzlich erschossen? Dem Sprinter-Star droht lebenslänglich.

Im spektakulären Prozess gegen den südafrikanischen Sprinter-Star Oscar Pistorius hat Verteidiger Barry Roux überraschend bereits am Donnerstag sein Abschlussplädoyer begonnen. Der Hauptteil des Plädoyers soll aber erst an diesem Freitag folgen. Zuvor hatte Staatsanwalt Gerrie Nel in fünfstündigen Ausführungen sein abschließendes Plädoyer vorgetragen. Er will das Gericht in Pretoria noch einmal davon überzeugen, dass der beinamputierte Sportler in der Nacht zum Valentinstag 2013 seine Freundin Reeva Steenkamp vorsätzlich durch eine geschlossene Badezimmertür erschoss. Der heute 27-jährige Pistorius hat stets beteuert, dass es sich um einen tragischen Irrtum gehandelt habe; er habe hinter der Tür einen Einbrecher vermutet.

Staatsanwalt Nel ging in seiner Rede den Angeklagten scharf an. Er sei ein "entsetzlicher" Zeuge gewesen, vage und streitlustig. Es sei ihm nicht um die Wahrheitsfindung gegangen, sondern stets nur um die eigene Verteidigung. Pistorius habe bei anderen, eindeutigen Schießereien ebenfalls die Unwahrheit gesagt. Und angenommen, er habe tatsächlich an einen Einbrecher geglaubt und deswegen geschossen - wäre das nicht ebenso vorsätzlich, also Mord?

"Seine Aussage ging völlig an der Wahrheit vorbei", sagte Nel. "Diese Lügen haben einen Schneeballeffekt. Man erzählt eine Lüge und dann noch eine, und irgendwann wird es zu viel und man muss weitermachen mit den Lügen." Pistorius habe sich seine eigene Version zusammengebastelt und sie nach dem Auftritt belastender Zeugen angepasst. Die Fakten des Falls bildeten aber ein "grauenhaftes Mosaik".

Viele Ungereimtheiten

Akribisch arbeitete der Staatsanwalt eine Liste von Ungereimtheiten in Pistorius' Aussage ab: Warum erzählte er von einem zweiten Ventilator, den es nicht gab? Warum war Steenkamp voll bekleidet und hatte im Bad ein Handy bei sich? Warum scheint sie zwei Stunden vor ihrem Tod noch gegessen zu haben, wenn sie doch laut Pistorius weit früher schlafen gegangen war? Nachbarn hatten ausgesagt, sie hätten Frauenschreie aus Pistorius' Haus dringen hören. Dies wäre laut Nel ein Beweis, dass er wusste, auf wen er zielte.

Vor allem ging es auch wieder um Beweisfoto 55, das viele Prozessbeobachter für entscheidend halten. Auf dem Bild ist das Schlafzimmer des Paares kurz nach der Tat zu sehen. Glaubt man Pistorius, so hatte er seine Freundin nicht ins Bad gehen gehört, weil er in dem Moment auf dem Balkon war - der aber ist, wie das Bild zeigt, von einem Ventilator blockiert. Auch eine Bettdecke liegt im Weg. Der Angeklagte beschuldigt die Polizei, Gegenstände im Zimmer verschoben zu haben, was Nel bestreitet.

Letzlich aber läuft die Argumentation des Staatsanwaltes auf einen Punkt hinaus. Egal, ob Pistorius wusste, dass seine Freundin hinter der Tür war oder ob er sie für jemand anders hielt: "Es war sein Vorsatz, einen Menschen umzubringen", so Nel. "Er hat sich bewaffnet und er wollte töten." Zu Abschluss seiner Rede forderte er noch einmal, den Angeklagten in allen Punkten schuldig zu sprechen. Das wären 25 Jahre Haft.

Das Urteil wird Ende August erwartet

Im Gerichtssaal waren auch Steenkamps Eltern. Der Vater Barry Steenkamp war zum ersten Mal dabei. Er hatte im Januar einen Schlaganfall erlitten. Pistorius starrte mit ernstem Gesicht die meiste Zeit auf den Boden.

Wie Richterin Masipa letztlich entscheiden wird, ist kaum abzusehen. 39 Prozesstage und 36 Zeugenverhöre konnten nicht abschließend klären, was in der Tatnacht in Pistorius' Villa in Pretoria wirklich geschah. Bei ihrem für Ende August erwarteten Urteil muss sich die Richterin deshalb vor allem auf Indizien und die Glaubwürdigkeit der Zeugen verlassen. Da es in Südafrika kein Geschworenengericht gibt, liegt das Schicksal des einstigen Nationalhelden allein in ihrer Hand. Wird Pistorius des Mordes schuldig befunden, droht ihm eine lebenslange Haftstrafe.

til/car/DPA/DPA