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Schreiber-Prozess: "Da war der Reiz des Geldes"

Er war fünf Jahre auf der Flucht, bis er gefasst wurde. 2005 verurteilte ihn ein Gericht, weil er von Waffenlobbyist Karlheinz Schreiber 3,8 Millionen Mark angenommen hatte. Jetzt trat Ludwig-Holger Pfahls als Zeuge im Schreiber-Prozess auf. Für den Richter wurde das anstrengend.

Von Rainer Nübel, Augsburg

Die Begegnung im Sitzungssaal des Augsburger Landgerichts, nach mehr als einem Jahrzehnt, fällt kühl aus. Karlheinz Schreiber nickt dem ehemaligen CSU-Politiker kurz zu, als der auf dem Zeugenstuhl Platz nimmt. Ludwig-Holger Pfahls scheint den Gruß nicht zu erwidern, er schaut angestrengt in seine Akten. Anfang der 90er Jahre war der Kontakt zwischen dem damaligen Bonner Rüstungsstaatssekretär und dem Kauferinger Waffenlobbyisten noch bestens gelaufen. Sozusagen: wie geschmiert.

Er habe bald gemerkt, wie "gefährlich" seine Verbindung zu Schreiber gewesen sei, wird Pfahls in seiner Zeugenaussage erklären - und wie dumm es gewesen sei, von ihm für eigene Hilfestellungen bei verschiedenen Rüstungsprojekten 3,8 Millionen Mark anzunehmen. "Ich bin in die innere Emigration gegangen, ich wollte raus, aber da wurde er sehr ärgerlich." Schreiber schüttelt den Kopf. Er wird dies in der fast vierstündigen Pfahls-Zeugenvernehmung mehrfach tun.

"Ich habe mich selbst überschätzt"

Die Zuhörer des mit Interesse erwarteten Pfahls-Auftritts erfahren erst einmal ausführlich, wie schwer es der ehemalige deutsche Verteidigungsminister Rupert Scholz als Nicht-Militär auf der Hardthöhe hatte. Pfahls greift zur episch breiten Ausführung. Der Vorsitzende Richter Rudolf Weigell stoppt den ehemaligen CSU-Politiker und führt ihn auf juristisch wichtigere, sprich: brisantere Themenfelder. Wofür hat er insgesamt 3,8 Millionen von Schreiber erhalten, Geld, das der Waffenlobbyist für ihn in der Schweiz gehalten haben soll, auf einem Rubrikkonto mit dem sinnigen Tarnnamen "Holgart".

Ludwig-Holger Pfahls berichtet von drei Rüstungsprojekten, darunter der Lieferung von 36 Spürpanzern nach Saudi-Arabien im Jahr 1991 - und von seinem damaligen Erstaunen, dass von ihm dabei "keine besonderen Leistungen" zu erbringen gewesen seien. Er gibt sich, im Nachhinein, überaus selbstkritisch, ja bescheiden: "Ich habe mich selbst in meiner politischen Wirksamkeit überschätzt."

Der Reiz des Geldes

Wie schon bei seinem eigenen Prozess im Jahr 2005, bei dem er wegen Vorteilsannahme und Steuerhinterziehung zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt worden war, berichtet Pfahls von drei Barbeträgen, die Schreiber ihm aus dem Schweizer Millionen-Reservoir ausbezahlt habe: einmal 250.000 Mark am 13. Dezember 1991, "meinem Geburtstag", weitere 123.000 Mark Anfang 1992 und schließlich 500.000 Mark im April 1992. Pfahls analysiert sich selbst: "Auf der einen Seite wollte ich nichts damit zu tun haben und eine Brandmauer errichten, auf der anderen Seite war da der Reiz des Geldes."

Dann berichtet er, wie er Mitte 1992 mit Schreiber, quasi seinem schlechten Gewissen, gestritten habe. "Ich wollte raus, aber er sagte, wir sitzen doch beide im selben Boot." Pfahls rezitiert noch drastischere Worte: "Er sagte, wir halten doch den anderen den Arsch hin und lassen uns ficken." Jetzt kommt Schreiber aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus.

Pfahls nahm mehrmals Geld von Schreiber

Pfahls meint, früh schon eine gewisse Katharsis an sich erlebt zu haben: Als er am 1. März 1992 als Manager bei Daimler zu arbeiten begonnen habe, habe er rasch erkannt, wie gefährlich es gewesen sei, sich Schreiber zu verpflichten. Was ihn aber offenbar nicht hinderte, im April 1992 noch 500.000 Mark von Schreiber in Empfang zu nehmen. Es bleibt nicht bei diesem einen Widerspruch. Pfahls erklärt zunächst, er habe Schreiber seit dem Zerwürfnis Mitte 1992 "nicht mehr angerufen und nicht mehr besucht". Auf Nachfragen der Verteidigung muss er jedoch einräumen, dass er zu Schreibers 60. Geburtstag im Jahr 1994 nach Kaufering kam.

Schreiber hatte in seinem kanadischen Fluchtdomizil gegenüber dem Bundestags-Untersuchungsausschuss erklärt, er habe Pfahls gar nicht bestochen. Vielmehr handele es sich bei den drei Barauszahlungen in den Jahren 1991 und 1992 um Teilauszahlungen einer Zwei-Millionen-Spende an die CSU. Richter Weigell fragt bei Pfahls nach: "Hat das was mit Parteispenden zu tun?" Pfahls antwortet - diesmal gar nicht episch breit, sondern eher schmallippig-kurz: "Ich weiß, was ich bekommen habe." Der Richter hakt nicht nach. Dafür fragt er Schreiber, ob er vor dem Untersuchungsausschuss die Unwahrheit gesagt habe. Schreibers Verteidiger sagen das, was sie bei Nachfragen des Richters immer zu sagen pflegen: "Herr Schreiber gibt dazu keine Erklärung ab." Weigell schaut verärgert.

Haastert leidet an akutem Gedächtnisverlust

Dass es ein eher anstrengender Arbeitstag für den Vorsitzenden Richter wird, hat sich schon am Vormittag abgezeichnet. Weigell befragt den ehemaligen Thyssen-Manager Winfried Haastert zu Rüstungsprojekten des Konzerns, für die Schreiber bezahlt wurde. Konfrontiert ihn wiederholt mit von ihm unterzeichneten Schreiben, in denen Schreiber oder dessen Umfeld Provisionen versprochen wurden. Doch den Zeugen, der vor wenigen Jahren in Augsburg wegen Untreue und Steuerhinterziehung noch auf der Anklagebank gesessen hatte, befällt ein ums andere Mal akuter Gedächtnisverlust: "Daran kann ich mich nicht erinnern." Der Satz hat Hochkonjunktur. Er habe auch nicht mehr alle Akten von damals, gibt Haastert zum Besten, "ich bin ja kein Antiquitätenhändler." Richter Weigell schaut da schon ziemlich grimmig.

Das legt sich auch nicht, als es um die insgesamt knapp zwei Millionen Mark geht, die Haastert von Karlheinz Schreiber in Tranchen bekommen hatte - und wegen denen er in Augsburg bereits zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden ist. Haastert betont mit Nachdruck, dass er für diese Gelder keinerlei Gegenleistung erbracht habe. Ja, warum hat er sie dann überhaupt bekommen? "Sie waren ein Geschenk von Schreiber - ein Freundschaftsgeschenk." Jetzt gönnt sich Richter Weigell eine Brise Zynismus: "Zum Geburtstag? Oder zu Weihnachten?"