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Schüsse auf Berliner Rapper: Nach dem Diss der Schuss

Rapper Massiv ist in Berlin angeschossen worden. Der Angriff stellt eine weitere Stufe der Gewalteskalation innerhalb der Szene dar. Bleibt die Frage, ob nun amerikanische Verhältnisse drohen oder die Medien dankbar einem PR-Stunt aufsitzen.

Von Sophie Albers

Die Szene ist bekannt: Mann steigt aus Auto, Maskierter kommt angelaufen, zieht Waffe und schießt. Tausend Mal gesehen in Rap-Videos und –Filmen, doch nun offenbar traurige Realität in Berlin-Neukölln. Erwischt hat es Massiv, Gangsta-Rap-Hoffnung aus dem Hause Sony. Laut Polizeiangaben war der 25-Jährige am Montagabend gerade aus einem Auto gestiegen und telefonierte, als der maskierte Täter vor ihn trat und vermutlich drei Schüsse abfeuerte. Massiv wurde am Arm getroffen und musste im Krankenhaus ambulant behandelt werden, heißt es. Sony hat den Angriff bestätigt.

Die Eskalation der Gewalt in der Berliner Rap-Szene hat die Boulevardpresse bereits bei einem Messerangriff auf den Rapper Fler Ende November vergangenen Jahres fragen lassen, ob denn nun amerikanische Verhältnisse drohten. Ob sich die Musiker nun auch hier gegenseitig abknallen, um zu manifestieren, wer der Größte ist. Damals waren drei Maskierte beim Sender MTV auf den Musiker des Labels Aggro Berlin losgegangen. Ein Personenschützer hatte die Messerattacke abwehren können.

Fler sagte später in der Zeitschrift "Bravo HipHop Spezial", er habe seinen Konkurrenten Bushido daraufhin das erste Mal seit Jahren angerufen: "Denn wenn er mir in Interviews droht, muss ich mir ja die Frage stellen, ob das vielleicht von ihm kommt. Aber er hat damit nichts zu tun gehabt."

Unter anderem "Bild" hatte im Bericht über den Angriff nämlich Deutschlands erfolgreichsten Rapper Bushido genannt, der sei schließlich ein Erzfeind Flers. Die jungen Männer hatten sich während der Lehre kennengelernt und im Jahr 2001 gemeinsam ihre Musikkarriere bei Aggro Berlin gestartet. Doch seitdem Bushido 2004 zu Universal gewechselt ist, herrscht Krieg, und der war bisher - wie es sich im Rap gehört - vor allen Dingen verbal. Kein Album ohne Diss.

Auf der Bühne angegriffen

Doch selbst Bushido ist nicht von Handgreiflichkeiten verschont geblieben: Beim Auftaktkonzert seiner jüngsten Tournee wurde der 29-Jährige auf der Bühne angegriffen. Der zur Abwechslung mal unmaskierte Schläger wurde sofort von Mitgliedern des Bushido-Labels Ersguterjunge in die Zange genommen. Den Berichten nach war er ein bekannter Krimineller.

Auch Massiv war schon früher einmal attackiert worden: Im Juni 2007 mussten rund 60 Polizisten in Duisburg eine Massenschlägerei nach einem Konzert des Rappers beenden. Mehrere der etwa 150 Besucher seien auf Massiv losgegangen und hätten ihn aus dem Konzertsaal vor das Kulturzentrum getrieben, berichtete damals ein Polizeisprecher. Dort sei es zu der Massenschlägerei gekommen.

Das sind die in den Medien aufgenommenen Berichte von physischen Auseinandersetzungen in dieser Musikszene, die "Dunkelziffer" dürfte höher liegen. Schließlich redet "Mann" nicht drüber. Deshalb heißt es bei Aggro, wo Massiv zuweilen zu Hause war, auch: "Kein Kommentar". Wo nicht geredet wird, ist jedoch Raum für Spekulationen, und so tönt es bereits aus verschiedensten Ecken, dass die Öffentlichkeit gewollt sei.

Man riskiert nicht sein Leben für das bisschen Karriere

"Ist doch klar, wenn bald ein Album rauskommt", so die zynische Abfuhr eines Rap-Label-Mitarbeiters angesichts des jüngsten Angriffs auf Massiv und dessen bald erscheinenden Albums. Und auch Gangsta-Rap-Urgestein Azad, der das Treiben von Frankfurt am Main aus betrachtet, vermutet hinter vielen Streitereien PR: "Mittlerweile ist das zu 'nem Marketingding geworden", sagte er gerade zum Thema "Beef" (Rapperkrieg) im Gespräch mit der "Netzeitung". "Deshalb finde ich es nicht mehr so spannend. Es ist nur schade und auch langweilig, wenn man weiß, dass es einfach nur den Zweck hat, dass man sich an der Bekanntheit eines anderen hochzieht. Das ist nicht das wahre, ehrliche Gefühl."

Die Berliner Rapperin Bahar glaubt dagegen nicht an einen PR-Stunt: "Jeder Mensch hat zu großen Respekt vor dem eigenen Leben. Gerade wenn man die Rapper auch persönlich kennt, weiß man, das sind meist die größten Angsthasen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man sein Leben riskiert für ein bisschen Karriere."

Bushido hat den Hang zur Gewalt in seiner Szene in besagter "Bravo Spezial" so erklärt: "Rapper sind nicht gecastet, kommen meistens aus schlechten Verhältnissen und haben in ihrem Leben viel Scheiße gesehen - und gebaut. Diese krassen Charaktere bringen ihr Verhalten mit in die Musikwelt. Sie verdienen zwar Geld, haben ein besseres Leben. Aber nur, weil sie bekannt sind, werden sie nicht plötzlich zu neuen Menschen." Angst vor weiteren Angriffen habe er übrigens nicht. "Es passiert nur das, was passieren soll", so der Berliner, da helfe Paranoia auch nicht weiter. Das sieht Massiv wohl spätestens seit Montagabend anders.