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Selbstjustiz-Debatte nach Einbruch: "Wenn mich jemand ohrfeigt, darf ich ihn nicht erschießen"

Innerhalb von drei Wochen ereignen sich zwei Fälle, in denen Hausbesitzer auf mutmaßliche Eindringlinge schießen. Notwehr? Selbstjustiz? Kriminologen ordnen die Reaktionen der Einbruchsopfer ein.

Von Julia Holzapfel

Ein Hamburger hat einen Mann erschossen, der offenbar in sein Haus eindringen wollte. Der mutmaßliche Einbrecher erlag seinen Verletzungen

Ein Hamburger hat einen Mann erschossen, der offenbar in sein Haus eindringen wollte. Der mutmaßliche Einbrecher erlag seinen Verletzungen

Laut offizieller Kriminalstatistik war die Zahl der Einbrüche in Deutschland 2014 so hoch wie seit 16 Jahren nicht mehr. Fälle, wie der des Hamburger Hausbesitzers, der Mittwochnacht auf einen mutmaßlichen Einbrecher tödliche Schüsse abgefeuert hat, heizen die Debatte um Selbstjustiz an. "Wir stehen ganz am Anfang der Ermittlungen, müssen die Gesamtsituation betrachten und alles, was im Vorwege passiert ist", sagt der Sprecher der Hamburger Polizei Jörg Schröder stern online auf Anfrage. Es könne und dürfe zum jetzigen Zeitpunkt nicht gemutmaßt werden, ob es sich um einen Fall von Selbstjustiz oder Notwehr handele.

"Offizielle Zahlen dazu, wie viele Fälle von Selbstjustiz es etwa bei Wohnungseinbrüchen jährlich in Deutschland gibt, existieren nicht, denn dafür müsste man die einzelnen Akten detailliert analysieren", erklärt  Dirk Baier, stellvertretender Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN). Er sieht aber weder eine "Aufrüstung" der Privathaushalte in Deutschland noch eine Amerikanisierung der Verhältnisse. Das verhindere schon allein das strikte Waffenrecht: "Wer eine Schusswaffe besitzen möchte, der muss erst einmal mehrere Bedingungen erfüllen, Prüfungen bestehen und er braucht eine gute Begründung." Der größte Teil der Motive für Waffenbesitz sei legitim und legal. Nur bei einer verschwindend geringen Zahl handele es sich um Menschen mit Gewaltneigung. "Man darf Waffenbesitzer daher nicht unter einen Generalverdacht stellen", mahnt Baier.

Dass es jetzt so kurz hintereinander zweimal zu Vorfällen mit Schusswaffen bei Einbruchsopfern kam (vor zwei Wochen schoss ein Mann in Hannover auf einen 18 Jahre alten Einbrecher, der wenig später starb), stuft er als "unglücklichen Zufall" ein. "Die Einbruchszahlen insgesamt steigen, da steigt auch die Chance, auf ein Haus zu treffen, wo eine Waffe vorhanden ist", meint Baier.

"Ureigenster Rückzugsraum"

Grundsätzlich würden sich Opfer, die beim Einbruch anwesend sind, eine Verteidigungsstrategie zurechtlegen: "Da greift jemand meinen ureigensten Rückzugsraum an und dann setze ich mich natürlich zur Wehr. Je nachdem, was ich zur Verfügung habe, kann das mit einem Knüppel erfolgen oder eben mit einer Waffe. Ob da jemand eine Gewaltneigung hat, darüber kann man nur mutmaßen.“ Polizei und Gerichte müssten klären, ob es sich um gezielte Schüsse auf den Eindringling oder eher um Warnschüsse handelte. Auch sei relevant, ob die Einbrecher Waffen bei sich trugen und eine akute Gefahr für Leib und Leben des Hausbesitzers bestand. All diese Fragen sind beim aktuellen Fall in Hamburg derzeit noch nicht geklärt. Wann ich mich im Einbruchsfall mit einer Waffe wehren darf, ist laut Polizeisprecher Schröder keinesfalls generell zu beantworten. "Grundsätzlich hängt die Notwehrreaktion von der Art des Angriffs ab. Wenn mich jemand ohrfeigt, darf ich ihn nicht erschießen."

Hohes Vertrauen in die Polizei

Derzeit liegt die Aufklärungsquote bei Einbruchsdelikten bei etwa 15 Prozent. Dennoch genießt die Polizei laut dem Soziologen Baier sehr hohes Vertrauen in der Bevölkerung. "Selbst die in unserer Studie befragten Einbruchsopfer waren sehr zufrieden mit Auftreten und Vorgehen der Polizei." Die geringe Aufklärungsquote ergebe sich dadurch, dass es bei Einbrüchen an jenen zwei Dingen, die man zur Aufklärung braucht, meistens fehlt: Zeugen und Spuren.

Beides versuchen Einbrecher in der Regel zu vermeiden, weshalb es die Ausnahme ist, dass Täter einsteigen, während sich jemand im Haus befindet. Laut Baier sollten Wohnungsbesitzer im Einbruchsfall bedenken: "Jedes potentielle Opfer ist für den Täter überraschend. Meine Empfehlung ist es, den Aufforderungen des Einbrechers Folge zu leisten und auf gar keinen Fall die körperliche Auseinandersetzung zu suchen. Normalerweise will der Einbrecher so schnell es geht wieder abhauen. Dann ruft man die Polizei."

Polizeisprecher Jörg Schröder bringt es auf eine knappe Formel: "Sich selbst nicht in Gefahr begeben und schnellstmöglich die Polizei rufen." Er weist darauf hin, dass man günstig und einfach Vorkehrungen treffen kann, damit es erst gar nicht zum Einbruch komme. Polizeidienststellen bundesweit bieten dazu Beratungen an, Tipps können auch über die Webseite www.polizei-beratung.de abgerufen werden.


jho
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