Schul-Schießereien Wie Erfurt mit den Opfern umgeht


Vor sieben Jahren tötete Robert Steinhäuser bei einem Amoklauf in Erfurt 16 Menschen. Es war die erste Bluttat dieser Art in Deutschland und damit die Blaupause für Fälle wie in Winnenden. Die Betroffenen und Angehörigen der Opfer profitieren nun von den bitteren Erfahrungen von damals.
Von Niels Kruse

Lutz Pockel fehlten die Worte, als er die Bilder aus Winnenden sah: "Wie damals. Es kommt alles wieder hoch", sagte der Mathelehrer mit stockender Stimme im Fernsehen. Pockel hat den Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt unmittelbar miterlebt. Das ist ziemlich genau sieben Jahre her, doch so ein Unglück lässt sich nicht so einfach aus dem Gedächtnis streichen. Fast 70 Prozent der Erfurter Lehrer wurden wegen psychischer Belastung betreut, einige haben immer noch Probleme. "Übererregung, also immer wiederkehrende Bilder des Traumas, sind typische Symptome bei solchen Erlebnissen", sagt Jeanette Kranz, Sonderbeauftragte "Psyche und Trauma" bei der Thüringer Unfallkasse. Die Versicherung hatte nach dem Amoklauf die Opferbetreuung koordiniert.

"Als damals die Nachricht von der Tat kam, haben wir uns sofort mit den Therapeuten in Verbindung gesetzt, um sich um Schüler, Lehrer und Betroffene zu kümmern", so Kranz. Aus Versicherungssicht handelt es sich bei solchen Unglücken um Arbeitsunfälle, für die die Landesunfallkassen zuständig sind. Die Unfallkasse kümmerte sich bereits um die Opfer von Banküberfallen, hatte also bereits Erfahrung mit so genannten isolierten psychischen Traumata. "Zumindest im Kleinen waren wir auf solche Situationen vorbereitet", so die Sonderbeauftragte.

Doch das Massaker von Erfurt hatte eine bis dahin nie dagewesene Dimension: Am 26. April 2002 zog der ehemalige Schüler Robert Steinhäuser ins Gutenberg-Gymnasium und erschoss kurz nach Unterrichtsbeginn die stellvertretende Direktorin und die Sekretärin. Anschließend feuerte er im Schulgebäude gezielt auf weitere Lehrer und Schüler. Als die ersten Polizisten am Tatort eintrafen, wurde auch auf sie geschossen. Wenige Minuten später tötete sich Steinhäuser selbst. Bilanz des zehnminütigen Amoklaufs: 16 Tote, darunter zwölf Lehrer und zwei Schüler.

Durch Zufall waren damals einige Psychologen und Therapeuten in der Nähe des Gymnasiums, sie halfen spontan Überlebenden und Opferangehörigen. Doch wie genau es nach der Schreckenstat weitergehen würde, darüber "herrschte große Unsicherheit bei uns allen", wie Kranz sagt. Mittlerweile sind Schulen und Behörden auf solche Amokläufe besser vorbereitet. Als der Vorfall bekannt wurde, hat die Polizei ein Kriseninterventionsteam losgeschickt. Seit dem Blutbad von Erfurt verfügen viele deutsche Reviere über solche Spezialisten - auch die von Baden-Württemberg. Für Schulen wurden Notfallpläne entwickelt, die genau festlegen, was in solchen Fällen zu tun ist. Der Rektor der Albertville-Realschule etwa warnte per Durchsage mit den Worten: "Frau Koma kommt" vor der Gefahr. Koma heißt rückwärts: Amok.

Nachschub für 25 Betreuer vor Ort

Auch die umfassende Betreuung durch Psychologen ist in dem schwäbischen Städtchen mittlerweile angelaufen. 25 Seelsorger sind bereits vor Ort, sie werden nun durch speziell ausgebildete Schulpsychologen aus den Nordrhein-Westfalen, Thüringen und Rheinland-Pfalz unterstützt. "Es ist jetzt Zeit zusammenzustehen, die betroffenen Familien in unsere Mitte zu nehmen und das erlittene Leid gemeinsam zu tragen", sagte Baden-Württembergs Kultusminister Helmut Rau. Was nun auf Opfer und Betreuer zukommt, kann noch niemand genau absehen - doch sicher ist: die Nachsorge könnte im schlimmsten Fall Jahre dauern.

2006, vier Jahre nach dem Amoklauf von Erfurt, hat die Unfallkasse eine Statistik über ihr Nachsorgeprojekt herausgegeben. Danach waren durch die Tat 47 Lehrer und 688 Schüler betroffen, von denen je rund die Hälfte als psychisch belastet eingestuft wurde und ein Großteil betreut werden musste - und teilweise bis heute noch betreut wird. "Nach dem Amoklauf von Robert Steinhäuser wurde in den Klassen ein Jahr lang einmal die Woche mit zwei Psychologen über das Trauma gesprochen", so Kranz. Dazu kamen Einzelgespräche, Therapiesitzungen, Supervisionen. 56 Therapeuten waren im Einsatz. 4,2 Millionen Euro hat die Nachbetreuung gekostet. "Fraglos eine hohe Summe, doch angesichts der Umstände und der Ergebnisse sind wir sehr zufrieden und finden diesen Betrag angemessen", sagt Jeanette Kranz.

Ob sich die Beteiligten je von so einem Trauma erholen werden, lässt sich pauschal nicht beantworten. Gezielte Therapien können helfen, und doch hängt eine Genesung stark von der Persönlichkeit des Einzelnen und seinem sozialen Umfeld ab. Auch die Medien können ihren Teil dazu beitragen, sagt Kranz: Zweifelsohne haben die Menschen ein Recht zu erfahren, was passiert ist, "doch wenn Reporter sagen, 'die Leute in Winnenden seien erstaunlich gefasst', dann wird schlicht vergessen zu erwähnen, dass sie unter Schock stehen", so Kranz: "Mit solchen Aussagen sollte man vorsichtig sein, weil sie die Betroffenen zusätzlich verunsichern."

Auch die Rektorin des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums, Christiane Alt warnt vor Voyeurismus und Neugier: "Die Betroffenen von Winnenden brauchen Zeit das Unglaubliche zu akzeptieren sowie Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten." An ihrer Schule zumindest fällt nun der Unterricht aus. Stattdessen "werden wir über den Amoklauf sprechen", so Alt. In der Schule selbst brannten Kerzen, Kondolenzbücher lagen aus. Bei Bedarf stehen Psychologen zur Verfügung. Ausgerechnet der letzte Jahrgang, der das Blutbad noch mitbekommen hat, musste am Donnerstag eine fünfstündige Klausur schreiben. Wer sich dazu jedoch außerstande sah, musste nicht teilnehmen.

Die Erfahrungen mit der Opferbetreuungen, die Jeanette Kranz seit 2002 gesammelt hat, und von denen Schulen, Ministerien und auch Versicherungen profitieren sollen, werden derzeit in einem Handbuch zusammengefasst - es soll in Kürze fertig werden. Ob sie ausreichen und ihren Zweck erfüllen wird sich wohl erst dann zeigen, wenn sie in Winnenden getestet wurden.


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