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Schwe­re Polizeipanne in Emden Hätte der Mädchenmord verhindert werden können?


Unfassbar: Der mutmaßliche Mörder einer Elfjährigen in Emden hatte sich vor Monaten selbst wegen pädophiler Neigungen angezeigt. Doch die Polizei pennte. Wäre der Tod des Kindes vermeidbar gewesen?
Von Manuela Pfohl

Das kann doch nicht wahr sein! Die neueste Nachricht hatte sich wie ein Lauffeuer in Emden verbreitet. Ist wirklich möglich, was die Nachrichten melden? Bei Ermittlungen gegen den Verdächtigen im Emder Mordfall soll es bereits im vergangenen Jahr eine schwere Panne gegeben haben. Der 18-Jährige, der vor wenigen Tagen gestanden hatte, dass er in der vergangenen Woche eine Elfjährige ermordet hat, habe sich im November 2011 selbst wegen Besitzes von kinderpornographischem Material angezeigt. Damit sei ein Verfahren ins Rollen gekommen. Aber es sei dann zu "Verzögerungen" gekommen, die sich nicht erklären ließen. Das zumindest berichtet der stellvertretende Osnabrücker Polizeichef, Friedo de Vries, jetzt. Die Emder sind schockiert und plötzlich steht eine Frage im Raum: Hätte der Mord an dem Mädchen womöglich verhindert werden können?

Noch am Samstag waren die Einwohner sicher, dass die Aufregung um den Mord an einer Elfjährigen sich nun legen würde. Die Eltern des Mädchens, das eine Woche zuvor in einem Parkhaus missbraucht und schließlich getötet worden war, hatten ihr Kind beerdigt. Die Polizei ihrerseits hatte den 18-jährigen Täter ermittelt und der hatte auch gestanden. Überstanden war auch die Debatte um die vorschnelle Festnahme eines 17-Jährigen und die versuchte Lynchjustiz, die eingesetzt hatte, nachdem ein Mob bei Facebook am vergangenen Mittwoch zum Sturm auf die Emder Polizeistation aufgerufen hatte, in der der 17-Jährige festgehalten wurde.

Jetzt sollte in das 52.000 Seelen-Städtchen in Ostfriesland wieder so etwas wie Alltag einkehren. Sollte. Denn nun steht wieder der Mädchenmord im Mittelpunkt der Stadtgespräche.

Ein Fall von Schlamperei?

Die Polizei hat zwar versichert, dass sie interne Ermittlungen eingeleitet habe. Doch reicht das? Was ist wirklich schief gelaufen, wollen die Leute wissen. Noch gibt es wenig Verlässliches zu sagen. Die Ermittler erklären, die Selbstanzeige des Mannes sei damals an die Polizeiinspektion Aurich weitergeleitet worden. Dort habe sich der Verdacht gegen den 18-Jährigen in einem ersten Schritt bestätigt, so dass die Staatsanwaltschaft Hannover einen Durchsuchungsbeschluss beantragte, der auch genehmigt wurde. Doch was folgte daraus? Hat die Staatsanwaltschaft weiter ermittelt?

Nein, die Akten seien wieder zur Polizei in Ostfriesland geschickt worden und lägen in Hannover nicht mehr vor, sagt eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft und meint, angesichts der Zahl der Fälle sei diese Verfahrensdauer nicht ungewöhnlich. Die Staatsanwaltschaft Hannover sei für Kinderpornografie in ganz Niedersachsen zuständig und habe Ende 2011 knapp 1900 Fälle bearbeitet. Hat also die Polizei in Ostfriesland geschlampt, die Akte einfach abgelegt und sich nicht weiter um die Vorwürfe gekümmert? Offensichtlich. Denn laut de Vries wurde der richterliche Durchsuchungsbeschluss nicht umgesetzt. Warum das nicht geschah, müsse jetzt aufgeklärt werden. Es sieht ganz so aus, als ob es hier ein Kompetenz-Wirrwarr gab. Doch wer trägt die Verantwortung dafür und welche Antwort gibt es auf die Frage, ob der Mord an der Kleinen hätte verhindert werden können?

Kein Öl ins Feuer gießen

Über mögliche Konsequenzen innerhalb der Polizei könne noch nichts gesagt werden, sagt de Vries. Es seien aber interne Ermittlungen veranlasst worden. Diese würden vermutlich vom Landeskriminalamt Niedersachsen übernommen. Warum Polizeisprecher Andreas Wieck im selben Augenblick erklärt, bei den Ermittlungen innerhalb der Polizei gehe es nicht darum, mehr Öl ins Feuer zu gießen und gleichzeitig mitteilt, es werde nicht nur gegen einen Beamten ermittelt, bleibt rätselhaft. Ebenso rätselhaft bleibt die Person des 18-Jährigen selbst. In seiner Wohnung seien Gegenstände sowohl vom Tatort, an dem die Elfjährige starb, als auch vom Tatort einer versuchten Vergewaltigung im November 2011 beschlagnahmt worden. Der junge Mann habe außerdem drei Einbrüche gestanden. Die Staatsanwaltschaft beauftragte einen psychiatrischen Sachverständigen zur Begutachtung des Beschuldigten.

"Werde mir nun 'Death Note' ansehen"

Angeblich war er ein Außenseiter. Ein Computerfreak, der kaum Freunde hatte. Die Mädchen wollten nichts von ihm wissen. "Er roch schlecht und mimte gerne den Coolen." Erst vor etwa einem Jahr war der Teenager aus Nordrhein-Westfalen in die Nähe von Emden gezogen. Nach dem Hauptschulabschluss ging er auf eine Berufsbildende Schule, Fachrichtung Metall. Gerüstbauer habe er werden wollen, erzählen ehemalige Mitschüler. Doch für seine berufliche Zukunft habe er sich nie wirklich interessiert. Wichtig seien ihm nur Computer und Manga-Comics gewesen.

Nur Stunden bevor der Berufsschüler wegen des Mordes an der Elfjährigen in Emden festgenommen wurde, postete er in kryptischem Deutsch: "Werde mir nun alle Folgen 'Death Note' ansehen. Bin also erst in 736 Minuten oder besser in 12,2 Stunden nicht mehr afk (away from keyboard)". Die Manga-Serie handelt von einem hochintelligenten Schüler, der von der Welt enttäuscht ist. Er will deshalb wie sein Vater Polizist werden und Verbrecher fangen. Doch eines Tages findet er ein schwarzes Notizbuch, das detaillierte Anweisungen enthält, wie man mit Hilfe des Buches einen Menschen töten kann.

Die Emder sind entsetzt über das, was in ihrem kleinen Städtchen geschehen ist. Und in Sorge über das, was sie vielleicht noch alles über den Fall der toten Elfjährigen erfahren müsssen.

Mit DPA

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