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Schweizer HIV-Kriminalfall: Der "Berner Heiler" und die Aids-Kranken

Jahrelang soll ein Schweizer Musiklehrer Schülern und Bekannten absichtlich den Aids-Virus gespritzt haben. Der Mann bestreitet die Vorwürfe und gibt sich als liebevoller Musik-Freak.

Von Malte Arnsperger

Das Internetvideo zeigt einen vollbärtigen Mann mit langen, lockigen Haaren, der auf einem Barhocker sitzt und an einer Gitarre zupft. Ein Jugendlicher, ebenfalls mit Gitarre in der Hand, schaut den Mann ehrfürchtig an. Zuerst ertönt die Stimme des Mannes aus dem Off, dann blickt er lächelnd in die Kamera und sagt: "Ich benütze nie die Peitsche beim Unterricht, sondern die Liebe."

Wenn es stimmt, was die Staatsanwaltschaft im schweizerischen Bern diesem Musiklehrer vorwirft, dann war Luka M. (Name geändert) keineswegs nur lieb zu seinen Schülern und hat noch viel schlimmere Dinge getan, als nur die Peitsche zu verwenden. Er soll zwischen 2001 und 2005 insgesamt 16 Personen absichtlich mithilfe von verseuchten Spritzen mit dem HI-Virus infiziert haben. Die Opfer sollen nach den Befürchtungen der Staatsanwaltschaft hauptsächlich Musikschüler von Luka M. gewesen sein. Aber auch Bekannten, die ihn besucht haben, soll er mehr oder weniger spontan eine Akupunktur angeboten und sie dabei mit dem Virus angesteckt haben. Der 53-Jährige, der in den Schweizer Medien nur der "Berner Heiler" genannt wird, ist nun wegen mehrfacher schwerer Körperverletzung und Verbreitung menschlicher Krankheiten angeklagt. Er bestreitet die Vorwürfe.

Diese wollen auch so gar nicht zu dem Bild passen, das Luka M. von sich selber auf der Internetseite seiner Musikschule zeichnet. Er unterrichte in einer "guten, respektvollen Atmosphäre", heißt es da. Luka M. verspricht, "auf die individuellen Stärken und Schwächen der Schüler" einzugehen und sie zu "Multiinstrumentalisten" auszubilden.

Als er Kind war, habe sein Vater in ihm das "musikalische Feuer entzündet" und ihm, damals noch in der südeuropäischen Heimat, das Spielen auf mehreren Instrumenten beigebracht. Später habe er einige renommierte Musikschulen besucht, auch in der Schweiz, wohin er in den 70er Jahren ausgewandert ist. Konzerte in ganz Europa will Luka M. gegeben haben. Mitte der 80er habe er seine eigene Akademie in Bern gegründet. "Nur ein Multiinstrumentalist wie ich kann so eine Schule führen."

Ist Luka M. ein Anhänger schwarzer Magie?

Luka M. gibt also im Internet umfangreich Auskunft über sich. Von Akupunktur, Naturheilkunde oder anderen Praktiken findet sich jedoch nichts auf seiner Seite. Aber genau dabei soll er einige seiner angeblichen Opfer infiziert haben. So berichtet die Schweizer Zeitung "Blick" über den Fall von Thomas K. Demnach soll folgendes passiert sein: Thomas K. litt an Migräne, kein Schulmediziner konnte ihm helfen. Dann erzählten ihm Bekannte von Luka M. Im Frühjahr 2004 sucht Thomas K. dessen "Praxis" auf. Der "Heiler" verspricht Thomas K. Hilfe und bittet ihn, sich auf den Bauch zu legen. Mit der Bemerkung, es werde nun einen "kurzen, vielleicht leicht schmerzhaften Piks" geben, stach er Thomas K. mit einer Nadel oder etwas ähnlichem in die rechte Schulter. "Es fühlte sich an, als ob ich eine Impfung gehabt hätte", sagte Thomas K. der Zeitung. Es soll der Moment gewesen sein, als ihm der "Heiler" HIV-verseuchtes Blut in den Rücken spritzte. Ende Mai 2004 wurde Thomas K. schwer krank, verlor in wenigen Tagen zehn Kilogramm an Gewicht. Ein HIV-Test im Juni 2004 erbrachte ein positives Ergebnis.

Luka M. soll sich nach Erkenntnissen der Ermittler noch andere Möglichkeiten ausgedacht haben, seine Opfer zu infizieren. So soll er sie überraschend mit einem unbekannten Gegenstand gestochen haben oder ihnen vorher sogar Schlaftrünke ausgeschenkt haben. Anrufe von stern.de bei Luka M. blieben unbeantwortet. Aber die Tessiner Zeitung "il caffe" will vor zwei Jahren, als die Ermittlungen schon liefen, mit ihm gesprochen haben. Er sei Opfer eines Komplottes, zitierte ihn die Zeitung. "Ich habe nichts mit dieser ganzen Geschichte zu tun, ich habe niemanden infiziert. Ich bin von meinen Musikschülern, die den Okkultismus praktizieren, aus Rache da hineingezogen worden. Sie tauschen Blut, es ist ein Ritual, um Brüder zu werden."

Aber auch Luka M. soll ein Anhänger der schwarzen Magie sein. "Blick" zitiert Personen, die angeben, ihn zu kennen. Sie erzählen, der "Heiler" sei "charismatisch und guruhaft, extrem überzeugend" und habe "eine große Gabe zur Manipulation. Das ging bis zur Hörigkeit." Die Zeitung zitiert einen Nachbarn: "Als der Musiklehrer das Haus gekauft hatte, erzählte er von seinen schwarzen Messen." Und: "Mit seinen Kameras hat er es immer genau genommen, weil er seine Umgebung unter Kontrolle halten will." Luka M. lebe zurückgezogen, sei sehr scheu und weiche Gesprächen aus. Ernst Reber, der Anwalt des Verdächtigen, sagte stern.de, sein Mandant bestreite jeden Kontakt zu schwarzer Magie.

Und selbst wenn es stimmt: Es ist zunächst nicht strafbar und ergibt kein Motiv. Die Staatsanwaltschaft schweigt zu möglichen Beweggründen. Das angebliche Opfer Thomas K. sagt, es ginge schlicht um Geld. Seine Bekannte habe den Mann jahrelang regelmäßig besucht. "Jeden Monat drückte sie 600 Franken ab", behauptet Thomas K. Auch andere Opfer gaben laut "Blick" bei den Behörden zu Protokoll, sie hätten Luka M. für die Behandlungen bezahlen müssen oder ihm sogar ihr Geld anvertraut. Sein Anwalt sagt, Luka M. habe nie irgendjemanden mit Akupunktur behandelt, lediglich hin und wieder seinen Schülern "Steine aufgelegt", um ihnen beim Musizieren zu helfen.

"Heiler" soll Schüler unter Druck gesetzt haben

Unklar ist zudem das Motiv. Warum sollte er die Menschen absichtlich mit dem lebensgefährlichen HI-Virus angesteckt haben? Woher stammt das infizierte Blut? Schließlich ist Luka M. offenbar selber nicht krank. Die Staatsanwaltschaft gibt an, er habe sich das Blut "von einer oder mehreren bereits infizierten Personen beschafft".

Diese vagen Informationen greift der Anwalt von Luka M. frontal an. Die Quelle des Virus sei unbekannt und bei seinem Mandanten sei keinerlei Ausrüstung zur Lagerung des Blutes gefunden worden, sagt Reber. Unerklärlich sei deshalb, wie der Musiklehrer in all den Jahren die HI-Viren gelagert haben soll. "Die Staatsanwaltschaft klagt meinen Mandanten aufgrund von Gutachten an, die mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten. Und die Anklage basiert im Wesentlichen auf Aussagen der infizierten Personen", betont der Jurist. "Es ist vorstellbar, dass die Betroffenen einen gemeinsamen Sündenbock für ihre Infektion gesucht haben."

Ist Luka M. also ein Opfer von Falschbeschuldigungen? Einen seiner Musikschüler soll er nach Beginn der Ermittlungen massiv unter Druck gesetzt haben, schreibt "Blick". Der Schüler hat demnach einen Brief an die Ermittler verfasst und angegeben, die Aids-Ansteckungen seien auf den gemeinsamen Konsum harter Drogen zurückzuführen. Laut "Blick" knickte der Mann aber schnell ein und gab zu, dass ihn Luka M. zu dieser Aussage gezwungen habe. Dessen Anwalt will dies nicht weiter kommentieren und verweist auf die Beweiswürdigung vor Gericht.

Ein Termin für den Prozess steht noch nicht fest. In seinem Internetvideo sagt Luka M.: "Die Musik hat mir so viel gegeben im Leben. Die Kraft, alle Hindernisse zu überwinden." Die wird er nun auch brauchen, denn ihm droht im Fall einer Verurteilung eine mehrjährige Haftstrafe.