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Schwerverbrecher Thomas Wolf: Das Leben eines Verkleidungskünstlers

Neun Jahre ist es her, dass Thomas Wolf nicht aus einem Hafturlaub zurückkehrte. Seitdem flüchtete der Gewaltverbrecher durch Deutschland, die Niederlande und Belgien. Immer wieder war die Polizei dicht an ihm dran, nun fasste sie ihn auf der Hamburger Reeperbahn. Porträt eines Verkleidungskünstlers, der trotz seines Versteckspiels gern unter Leute ging.

Von Tim Farin

Wer das Verbrechen zum Beruf macht, muss sein dunkles Handwerk verstehen und die Behörden immer wieder täuschen können. Der Serienstraftäter Thomas Wolf, 56, beherrschte diese Strategie scheinbar perfekt. Bis zum Donnerstag, 18.30 Uhr. Vor einer Kneipe auf der Hamburger Reeperbahn fassten Zielfahnder den mutmaßlichen Entführer und Erpresser mit Unterstützung des Mobilen Einsatzkommandos. Die Behörden hatten einen Tipp bekommen.

Wolf galt als einer der meistgesuchten Gewaltverbrecher Deutschlands. Mit einer halben Million Mark entkam er vor acht Jahren aus einer Commerzbank-Filiale im Hamburger Stadtteil Altona. Zuletzt wurde er Ende März diesen Jahres auffällig: Er soll die Ehefrau eines leitenden Bankangestellten aus Wiesbaden entführt haben. Dabei waren 1,8 Millionen Euro Lösegeld erpresst worden. Wolf tauchte nach den Verbrechen immer wieder unter und wird für mehrere Überfälle in Deutschland, Belgien und den Niederlanden verantwortlich gemacht.

Im Internet suchten die Fahnder mit einem simulierten Bild nach Hinweisen auf den Täter. "So könnte Thomas Wolf heute aussehen" stand darunter. Es schien, als fehlte jede reale Spur, und aus "kriminaltaktischen Gründen" wollte man beim Landeskriminalamt Hamburg lieber auch gar nicht über die Causa Wolf reden.

Hohe kriminelle Energie

Dabei schien die Fahndung nach dem Bankräuber von Altona im Mai vor neun Jahren eigentlich eine vielversprechende Wende zu nehmen. Am Gründonnerstag, dem 20. April 2000, um 14:05 Uhr hatte sich ein spektakulärer Überfall am Paul-Nevermann-Platz zugetragen. Der Täter weilte unter dem Vorwand eines Beratungsgesprächs in der Bank, als er einen Koffer auf den Boden stellte und dem Mitarbeiter sagte: "Da ist eine Bombe drin." Zwei Bankangestellte mussten dem Räuber 500.000 Mark aus dem Tresor herbeischaffen. Danach zwang der Kriminelle einen Kassierer, den vermeintlichen Bombenkoffer auf die Straße zu tragen und dort zu warten.

Rufe er die Polizei, gehe die Bombe hoch. Es dauerte 30 Minuten, ehe der Kassierer sich letztlich doch traute, die Wache zu alarmieren. Die Bombe war nur eine Attrappe, wie sich nach einer komplizierten Entschärfungsaktion mit Sprengroboter herausstellte - und der Täter war längst verschwunden.

Doch wenige Wochen später stellte sich heraus: Der Bankräuber ist ein einschlägig vorbestrafter Krimineller. Nach dem intelligent ausgeheckten Verbrechen wunderte es die Ermittler umso mehr, dass sie auf der Bombenattrappe einen Fingerabdruck fanden. Beim Abgleich mit dem Automatisierten Fingerabdruck-Identifizierungssystem (Afis) beim Bundeskriminalamt trafen sie auf den Namen Thomas Wolf. Ein Mann, der - damals 47 Jahre alt - schon 15 Jahre in Haft verbracht hatte.

Schon Ende der 70er Jahre zu Freiheitsstrafe verurteilt

Wolfs kriminelle Energie hatte schon früh in seinem Leben Aufmerksamkeit erregt. Er beging Diebstähle, Gewalttaten, verstieß gegen Waffengesetze und raubte. Schon Ende der 70er Jahre wurde Wolf zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von 21 Jahren verurteilt.

1988 gelang ihm dann eine erste Flucht aus der Haft. In der Justizvollzugsanstalt (JVA) Gütersloh sägte der 1,85 Meter große und athletische Typ die Gitter seiner Zelle durch. In Freiheit ging er weiter seinem gewerbsmäßigen Verbrechen nach. Im März 1990 marschierte er in eine Bank im hessischen Kelsterbach, stellte eine Tasche auf den Schaltertresen und legte einen Zettel daneben: "Kein Alarm. Wenn Polizei erscheint, schieße ich sofort. Du kriegst den ersten Bauchschuss", drohte er dem Bank-Angestellten.

Nachdem er den Zielfahndern ein zweites Mal ins Netz gegangen war, gelang Wolf Anfang 2000 die erneute Flucht aus dem Justiz-Gewahrsam. Er sollte noch sechs Jahre Resthaft verbüßen, doch er genoss stattdessen die Freiheit eines Haft-Urlaubs in vollen Zügen. Er kam nicht mehr zurück in die JVA Moers-Kapellen, sondern tauchte im selben Frühling als vermeintlicher Kunde in der Bank in Altona auf.

Wolf gab sich gerne als Brite aus

Neben seinem rheinisch gefärbten Deutsch spricht er wohl auch akzentfreies Englisch und gab sich gerne als Brite aus. Im Internet hatte das Landeskriminalamt Hamburg 14 Identitäten aufgelistet, die sich Wolf während der Flucht gegeben hatte, darunter die Namen Paul Gathercole und Gerd Günther Schimanski. Die Liste mit faulen Identitäten verlängerten die Ermittler immer wieder, konstant schien sich Wolf aber als "Tom" und "Tommy" zu verkaufen.

Ende April 2003 schlug Wolf wieder zu. In der Innenstadt des niederländischen Eindhoven betrat ein etwa 50 Jahre alter, formell gekleideter Mann die Filiale der ABN-Amro-Bank. Er zückte eine Pistole und nötigte eine Angestellte, seinen Koffer mit Geld zu füllen. Ansonsten sprenge er das Geschäft. Mit der Mitarbeiterin als Geisel entkam Wolf zum Bahnhof, stieg dort in ein Auto und flüchtete mit 25.000 Euro.

Wolf führte in der Fluchtzeit wohl weiter sein Leben des Vollkriminellen, der in Bars neben dem Ausgang Platz nahm, Whisky trank und seinen Körper beim Bodybuilding stählte. Er gilt als geselliger Typ. Auf der Hamburger Amüsiermeile, zwischen Hunderten Vergnügungswilliger, war seine dunkle Reise zu Ende.