Sebastian B. "Ja, es geht hier um Amoklauf"


Der Amokläufer von Emsdetten hat sich angeblich schon vor einigen Jahren Hilfe im Internet gesucht. Sebastian B. schrieb damals in einem Selbsthilfe-Forum: "Ja, es geht hier um Amoklauf" und "Bitte helft mir".

Der 18 Jahre alte Amokläufer von Emsdetten hat sich wahrscheinlich bereits vor fast zweieinhalb Jahren in einem moderierten Selbsthilfe-Forum im Internet Hilfe gesucht. Ein User mit dem Namen ResistantX, von dem angenommen wird, dass es Sebastian B. ist, schrieb damals: "Ja, es geht hier um Amoklauf" und "Bitte helft mir". Dies sei aber nicht als Ankündigung einer Straftat gewertet worden, sagte der Geschäftsführer des Berliner Forums "das- beratungsnetz.de", Andreas Wimmer. Der User habe nämlich seine Aussagen zugleich mit seiner Überschrift dementiert, sagte Wimmer. Diese habe gelautet: "Das hier ist nicht als Ankündigung oder Schöngerede zu verstehen". Eineinhalb Jahre später habe ResistantX seine Äußerungen mit Sätzen ergänzt, die noch entwarnender wirkten: "Naja, was soll ich sagen, mir geht es besser... Ich denke, ich habe damals wohl übertrieben."

"ResistantX" habe sich in einer Krise Hilfe gesucht, berichtete Wimmer. Für viele Nutzer sei bereits das Niederschreiben ihrer Probleme ein "Ventil". Selbsthilfe-Foren seien bei vielen wegen ihrer Anonymität beliebt. Für den, der darin etwas äußern wolle, hätten sie eine "niedrige Hemmschwelle".

Die Foren seien eine Möglichkeit, sich mit anderen Nutzern auszutauschen. Ein mitlesendes Team von Moderatoren - Pädagogen und Psychologen - greife insbesondere bei Straftatbeständen oder Suizidgefährdung ein, erklärte Wimmer weiter. Im Falle von Sebastian B. alias ResistantX habe dies Ende Juni 2004 auf Grund der Überschrift jedoch nicht vorgelegen.

Waffen im Internet gekauft

Der Amokläufer von Emsdetten hat sich einen Teil seines Waffenarsenals über das Internet-Auktionshaus eGun in Darmstadt besorgt - unter Pseudonym und möglicherweise legal. Denn die Vorderladerwaffen nach historischem Vorbild, die er nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Münster über das Internet gekauft hat, sind frei im Handel erhältlich. Mit einem dieser Vorderlader hatte sich der 18-Jährige mit einem Schuss in den Mund selbst getötet. eGun war nicht zu einer Stellungnahme zu erreichen.

Noch unklar hingegen ist die Herkunft des Kleinkalibergewehrs, das der junge Mann ebenfalls mit sich führte. "Das hätte er keinesfalls besitzen dürfen", sagte Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer in Münster. Das Landeskriminalamt in Wiesbaden wollte am Mittwoch nicht ausschließen, dass es im Internet Händler gibt, die scharfe Waffen illegal verkaufen - die sich also unter Missachtung der Vorschriften den für solche Geschäfte nötigen Waffenschein des Käufers nicht zeigen lassen. "Das kann man nicht immer verhindern", sagte Kriminalhauptkommissar Helmut Beer vom LKA in Wiesbaden.

Kein Kommentar vorn eGun

Bei eGun ist von Jagd-, über Sport- und Westernwaffen alles erhältlich, was "Jäger, Schützen und Angler" benötigen, wie es auf der Internetseite des Unternehmens heißt. Verboten sind nach den Allgemeinen Geschäftsbedingungen Kriegswaffen und Propagandaartikel verfassungswidriger Organisationen. Das Unternehmen, dem die Stadt Darmstadt im Juli 2006 die Erlaubnis für den Handel mit Waffen erteilte, war nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Käufer und Verkäufer treten bei den Auktionen meist unter einem Pseudonym auf. Sebastian B. soll nach Berichten der Zeitung "Die Welt" sein Internet-Pseudonym "ResistantX" benutzt haben, um sich mit Waffen einzudecken. Zwar müssen sich Käufer und Verkäufer namentlich mit Anschrift und Altersangaben registrieren, bevor sie aktiv werden. Aber sie wickeln den Kauf und die Übergabe der Ware direkt miteinander ab. "Die Kontrolle darüber obliegt dem Unternehmen. Wir können nicht den ganzen Waffenhandel überprüfen und sind auf Hinweise angewiesen", sagte eine Sprecherin des LKA in Wiesbaden.

Der Darmstädter Staatsanwaltschaft ist das Auktionshaus eGun nach Angaben bisher nicht negativ aufgefallen. Das Problem des illegalen Waffenhandels habe sich durch solche Internet- Plattformen nicht verschärft. Allerdings könnten scheue Menschen ihre Waffen nun vom heimischen Schreibtisch aus bestellen, ohne in Fachgeschäften oder auf den Schwarzmarkt in persönlichen Kontakt mit den Händlern treten zu müssen.

Mehrere hundert Menschen, darunter viele Schüler, haben sich bei einem ökumenischen Gottesdienst in Emsdetten den blutigen Amoklauf in der Geschwister-Scholl-Realschule und dessen Folgen in Erinnerung gerufen. Die Geistlichen der beiden großen christlichen Kirchen schlossen in ihre Fürbitten auch den Attentäter und dessen Hinterbliebene ein. "Wir sind erschrocken über eine solche Ausweglosigkeit", sagte der katholische Regionalbischof Franz-Peter Tebartz-van Elst. Schülern und Lehrern hätten sich "Bilder von unerklärlichem Hass und blinder Zerstörungswut geboten."

Die Tat von Emsdetten habe viele Debatten ausgelöst, sagte der Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Alfred Buß. "Das ist alles richtig. Aber treffen sie auch den Kern des Problems?", fragte er. Es gehe darum, füreinander da zu sein, Zeit füreinander zu haben. "Das ist schwerer, als Videospiele und Gewalt zu verbieten", sagte der Präses.

Seelsorger statt Unterricht

Am Montag hatte ein 18-jähriger Einzelgänger aus Frust und Hass auf seine ehemalige Schule wahllos in Gruppen von Schülern geschossen und Rauchbomben gezündet. Insgesamt wurden 37 Menschen verletzt, einige davon schwer. Der Schüler, der seine Tat zuvor im Internet angekündigt und offenbar minutiös geplant hatte, richtete sich anschließend mit einem Schuss in den Mund selbst, bevor die Polizei ihn ergreifen konnte.

Keine Hinweise auf Mitwisser

Zudem sind die in mehreren Videos mit dem Amokläufer vom Emsdetten zu sehenden Personen identifiziert. Man kenne nun die Beteiligten, sagte ein Sprecher der Polizei in Münster. Allerdings gebe es keine Hinweise, dass sie von der geplanten Tat gewusst hätten oder eingebunden gewesen seien. Der Täter hatte vor der Tat mehrere Videos ins Internet gestellt, in denen er unter anderem mit Waffen posierte und teilweise von anderen Personen begleitet wurde.

Bei ihren Ermittlungen hat die Polizei dem Sprecher zufolge mehr als 100 Zeugen vernommen. Zudem gebe es Tagebuchaufzeichnungen des Täters, die dieser per E-Mail an Bekannte verschickt haben soll. Der Polizeisprecher sagte, nach den bisherigen Ermittlungen seien diese tatsächlich von dem Amokläufer erstellt worden.

Gute Chancen für Verbot

Neben den Ermittlungen setzten sich am Mittwoch auch die politischen Forderungen fort. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte in Berlin, die Eltern müssten in ihrem Erziehungsauftrag gestärkt und den Kommunen müsse geholfen werden. Elterninitiativen und Psychologen forderten, die professionelle Hilfe an Schulen müsse verstärkt werden. "Es gibt sehr deutliche Verhaltensindikatoren, die darauf hinweisen, dass sich jemand auf dem Weg zu einer solchen Gewalttat befindet", sagte der Psychologe Jens Hoffmann von der Technischen Universität Darmstadt. Wenn sie rechtzeitig erkannt würden, könnten solche Amokläufe verhindert werden.

Gutachter des Deutschen Bundestages haben einem gesetzlichen Verbot so genannter Killerspiele unterdessen gute Chancen eingeräumt. "Der Bundesgesetzgeber ist generell nicht gehindert, ein Einfuhr-, Verkauf-, Vermiet- und Verleihverbot für Killerspiele zu erlassen", heißt es in einem Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages, das der "Netzeitung" vorliegt. "Eine solche Regelung würde nicht per se gegen das Grundgesetz verstoßen."

DPA/AP AP DPA

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