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Selbstjustiz im Fall Kalinka: Vater ließ deutschen Arzt entführen

Vor 25 Jahren wurde die 15-jährige Französin Kalinka tot im Haus des deutschen Arztes Dieter K. entdeckt. Am Sonntag lag Dieter K. gefesselt und geknebelt in Mülhausen in einem Hauseingang. Jetzt hat Kalinkas Vater zugegeben, die Verschleppung des Mannes nach Frankreich organisiert zu haben - weil er ihn für den Mörder hält.

Seit 27 Jahren besuchte André B. jeden Tag das Grab seiner Tochter Kalinka. Er beschäftigte teure Privatdetektive, um Kalinkas mutmaßlichen Mörder in Deutschland beschatten zu lassen. Er warf der französischen Justiz vor, den Täter nicht zu verfolgen und zahlte 30.000 Euro Prozesskosten. Jetzt hat er zugegeben, die Entführung des Mannes nach Frankreich eingefädelt zu haben, damit dieser erneut vor Gericht gestellt wird.

André B. hat den Tod seiner 15-jährigen Tochter nie überwunden - und er ist überzeugt, dass der Täter zu Unrecht ungestraft davongekommen ist. "Im März 2015 verjährt die Strafe, dann kann ich nichts mehr machen", sagte er am Mittwoch im französischen Rundfunk.

"Er wollte keine Rache. Er musste aber einen Eklat herbeiführen, damit die Justiz ihre Arbeit macht. Es war eine Verzweiflungstat", sagte der Vorsitzende der Vereinigung "Gerechtigkeit für Kalinka", Robert Pince, am Mittwoch. Er ist ein enger Freund von André B.

Im Haus von Dieter K. tot aufgefunden

Kalinka war eine hübsche Jugendliche mit einer blonden Ponyfrisur. Sie verbrachte den Sommer 1982 mit ihrer Mutter und deren neuem Partner, Dieter K., in Lindau am Bodensee. Kalinka wurde tot in K.’s Haus aufgefunden. André B. ist überzeugt, dass der Mediziner Kalinka vergewaltigen wollte und ihr eine tödliche Spritze gab. Bei der Obduktion des Mädchens wurden Genitalverletzungen festgestellt.

Nach dem Schock über den Verlust seiner Tochter begann aus Sicht von André B. sein juristischer Leidensweg. "Er hat seine gesamte Energie, seine Zeit und sein Geld für den Justizkampf eingesetzt", sagte Pince. Ein erstes Verfahren in Deutschland gegen Dieter K. wurde eingestellt, weil die Ursache von Kalinkas Tod nicht genau zu ermitteln war.

13 Jahre nach dem Tod des Mädchens verurteilte ein französisches Gericht den deutschen Arzt in Abwesenheit zu 15 Jahren Haft. Doch Dieter K. wurde trotz eines europäischen Haftbefehls nie von Deutschland nach Frankreich ausgeliefert. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte kritisierte, dass das Urteil in Abwesenheit von Dieter K. gesprochen wurde.

1997 stand Dieter K. erneut in Deutschland vor Gericht: Er wurde in Kempten zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt, weil er eine 16-Jährige mit Schlafmitteln ruhig gestellt und vergewaltigt hatte. Frauengruppen reagierten mit Empörung auf das ihrer Ansicht nach zu milde Urteil.

38-Jähriger aus dem Kosovo gesteht Beteiligung

Am vergangenen Sonntag wurde der 74 Jahre alte Deutsche gefesselt, geknebelt und am Kopf verletzt im elsässischen Mülhausen gefunden. Die französische Staatsanwaltschaft hat Beweise gegen André B. gesammelt. So hat er mit den mutmaßlichen Entführern telefoniert. In seinem Hotelzimmer fanden sich 19.000 Euro Bargeld - die möglicherweise für die Entführer bestimmt waren. Ein 38-jähriger Mann aus dem Kosovo gestand inzwischen seine Beteiligung.

Noch sind die Details unklar, aber voraussichtlich stehen am Ende sowohl André B. als auch Dieter K. in unterschiedlichen Verfahren vor Gericht: Der Stiefvater, weil er sich erneut wegen der Tötung des Mädchens verantworten muss. Und der leibliche Vater, weil er bei seinem Wunsch, den Täter bestraft zu sehen, offenbar selbst gegen das Gesetz verstoßen hat. Die französische Justiz ermittelt gegen ihn wegen Entführung, hat ihn aber vorerst wieder auf freien Fuß gesetzt.

Petra Klingbeil und Ulrike Koltermann/DPA / DPA
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