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Mutmaßlicher Serienmörder: Soko "Alaska" - auf der grausamen Spur von Manfred Seel

Furchtbar zugerichtete Leichen und Zehntausende Bilder mit Gewaltpornografie - die Beamten der Soko "Alaska" müssen in die sexuellen Abgründe des möglichen Serienmörders Manfred Seel blicken.

Manfred S.

Ein vom hessischen Landeskriminalamt (LKA) in Wiesbaden veröffentlichtes Foto zeigt den mutmaßlichen Serienmörder Manfred S. in den 60iger Jahren

Als die Ermittler 2014 die zerteilte Leiche von Britta D. in der Garage von Manfred Seel sehen, ist schnell klar: Das ist vermutlich keine Einzeltat. "Bei einem solchen Delikt ist dies nahezu ausgeschlossen", sagt Fahnder Frank Herrmann. Sofort wurde nach Parallelen zu anderen ungeklärten Fällen gesucht. Seit September 2015 arbeitet sich die Sonderkommission "Alaska" des hessischen Landeskriminalamtes akribisch durch unzählige Akten, sucht bundesweit nach möglichen Verbindungen zu anderen Bluttaten.

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Der Serienmörder Karl Denke

Karl Denke ("Papa Denke", "Kannibale von Münsterberg") ermordete zwischen 1903 und 1924 in seiner Wohnung in Münsterberg (heute: Ziebice in Polen) mindestens 30 Menschen, zumeist Landstreicher. Er tötete seine Opfer, verarbeitete und aß ihr Fleisch, das er zudem – in Pökelsalz haltbar gemacht – auf dem Wochenmarkt in Breslau verkaufte. Über seine Taten führte er Buch. Sein 31. Opfer, das schwer verletzt fliehen konnte, war bereits vermerkt. Denke beging in der Haft Selbstmord. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung fand die Polizei Hinterlassenschaften, die auf 42 Opfer schließen lassen – darunter Hosenträger und Schnürsenkel aus Menschenhaut.


Die Gruppe besteht aus acht Beamten, zeitweise kommen noch DNA-Analytiker und andere Experten zur Verstärkung hinzu. "Wir sind in unseren eigenen Aktenbeständen zurück gegangen bis zu den Fällen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg", berichtet Herrmann am Freitag. Dadurch seien die Fahnder beispielsweise auf die beiden Fälle von 1971 gestoßen, die mit Manfred Seel in Verbindung gebracht werden. Die verstümmelten Leichen der beiden Arbeitskolleginnen Gudrun E. und Hatice E. waren in Bad Vilbel und Frankfurt am Main entdeckt worden.

"Die eigentliche Tat fängt erst nach der Tötung an" 

Alle möglichen Taten des inzwischen gestorbenen Rentners vereine, dass sie deutlich über ein typisches Sexualdelikt hinausgingen. "Da ist etwa die besondere Grausamkeit", sagt Kriminalhauptkommissar Holger Thomsen von der Soko "Alaska". Anders als bei spontan und emotional ablaufenden Sexualdelikten sei der Täter bei der mutmaßlichen Serie sehr stringent vorgegangen. "Die sexuelle Komponente liegt auf einer anderen Ebene", erklärt Herrmann. "Die eigentliche Tat fängt erst nach der Tötung an."

Alle Fälle der mutmaßlichen Serie haben gemeinsam, dass den Opfern Organe oder Leichenteile herausgeschnitten oder abgetrennt und vom Täter mitgenommen wurden. Auffällig dabei: Es fehlt jeweils ein Körperteil. Womöglich hat sich der Täter einschlägige Horrorfilme zum Vorbild genommen, in denen aus den Teilen von Toten neue Körper gebildet werden, so eine Hypothese der Fahnder. Auch Kannibalismus schließen sie nicht aus.

Tägliche Arbeit mit blutigen und grausigen Details

Die Ermordung von Britta D. werde als "High End Delikt" betrachtet, sagt Herrmann. Vermutlich anders als zuvor habe der Täter hier die ganze Leiche in Fässer gepackt und in seiner Garage lange Zeit aufbewahrt. Fast die ganze Leiche - der linke Arm fehlt. "Obwohl er ohne Probleme noch in ein Fass gepasst hätte", sagt Herrmann.

Die tägliche Arbeit mit den vielen, sehr blutigen und grausigen Details, bewältigen die Ermittler mit einer "professionellen Distanz", wie Herrmann sagt. Der 45 Jahre alte Kriminalhauptkommissar ist seit 1990 bei der Polizei, seit 1999 bei der Mordkommission. Sein ein Jahr älterer Kollege Thomsen ergänzt: "Man kommt ja um diese Arbeit nicht herum, man muss eine Mauer drumherum bauen."

Angehörige von Manfred Seel "tief betroffen"

Dies heiße nicht, dass man kein Mitgefühl zeige. "Als Mordermittler muss man sich nur täglich vor Augen führen, dass es nicht das eigene Schicksal ist, was man dort bearbeitet", sagt Thomsen.

Bei den Angehörigen von Manfred Seel herrsche "tiefe Betroffenheit", berichtet der 46-Jährige. Es bestehe für die Ermittler nicht der Hauch eines Zweifels, dass sein privates Umfeld von dem Doppelleben nichts wusste. "Dass für sie eine Welt zusammenbricht, liegt auf der Hand." Für die Familie sei das eine Tragödie.

Der Name "Alaska" bezieht sich auf einen Spitznamen von Manfred Seel, wie Herrmann berichtet. Er sei von seinen Freunden aus der Musikerszene so genannt worden. Dass der gestorbene Verdächtige nicht befragt werden könne, mache die Sache nicht einfacher, erklärt Thomsen. "Das wäre natürlich ein Traum, wir würden uns brennend wünschen, mit ihm reden zu können." Andererseits sei es auch nichts Ungewöhnliches, dass Verdächtige nichts sagen - selbst wenn sie noch am Leben sind.

Andrea Löbbecke / DPA