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Sexuelle Übergriffe von Geistlichen: Die Chronologie des Missbrauchs

Nicht erst seit dem Skandal am Berliner Canisius-Kolleg ist Kindesmissbrauch ein Problem in Deutschlands Kirchen. stern.de hat die schlimmsten Fälle aus den vergangenen zehn Jahren zusammengetragen.

Von Kerstin Herrnkind

Kindesmissbrauch haben die Kirchen in Deutschland in der Vergangenheit gerne heruntergespielt: Einzelfälle, Ausnahmen, schwarze Schafe. Doch davon gibt es eine Menge, wie Recherchen von stern.de zeigen. Die Übersicht unten zeigt, wo sich überall in jüngster Zeit Geistliche an Kindern vergriffen haben.

Januar 2010, Hohenschönhausen (Berlin)

Die Kirche selbst ermittelt gegen einen Priester der Gemeinde Heilig Kreuz in Hohenschönhausen. Er soll 2001 einen Jugendlichen sexuell missbraucht haben. Das Opfer wolle nicht, dass die Polizei eingeschaltet werde, sagt ein Sprecher des Erzbistums und bestätigte die Untersuchungen. Der Fall wurde im Juli 2009 dem Berliner Erzbischof Kardinal Sterzinksy zur Kenntnis gebracht. Dem beschuldigten Priester wurden daraufhin alle Aktivitäten im Zusammenhang mit Jugendlichen untersagt. Er sei darüber hinaus nicht mehr seelsorgerisch tätig.

August 2009, Brilon (Nordrhein-Westfalen)

Ein 31-jähriger Vikar aus Brilon gibt zu, in mehr als 100 Fällen Kinderpornographie besessen und verbreitet zu haben. Der katholische Geistliche war Mitglied eines Kinderporno-Tauschrings.

März 2009, Leer (Niedersachsen)

Das Amtsgericht Leer verurteilt einen 52-jährigen evangelischen Pastor zu einer Bewährungsstrafe von 14 Monaten. Darüber hinaus muss der Familienvater 2000 Euro zahlen, die zur Hälfte an den Kinderschutzbund gehen. Der Pastor hatte auf seiner Dienststelle in Ostfriesland von Januar bis Juli 2008 ein 15-jähriges Mädchen "in zahlreichen Fällen" missbraucht. Die Landeskirche Hannover entlässt den Pastor automatisch. Grund: Das Strafmaß beträgt mehr als ein Jahr. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe hatte die Landeskirche den Mann vom Dienst suspendiert und ein Disziplinarverfahren eingeleitet.

Januar 2009, Bamberg

Zehn Fälle von sexuellem Missbrauch hat die Staatsanwaltschaft dem Bamberger Domkapitular Otto M. nachgewiesen. Zwischen 1978 und 1984, als M. zuerst Präfekt, dann Direktor des Knabeninternats Ottonianum in Bamberg war, hatte der Priester "in zehn Fällen an acht verschiedenen Heimbewohnern, die zur Tatzeit teilweise noch Kinder im Alter unter 14 Jahren waren, sexuelle Handlungen vorgenommen", wie es im Ermittlungsbericht heißt. Zur Anklage kommt des trotzdem nicht. Grund: Die Fälle sind allesamt verjährt.

Januar 2009, Apensen (Niedersachsen)

Die evangelische Kirchengemeinde in Apensen bei Buxtehude feuert ihren 40-jährigen Diakon Lars M. Er hatte zehn- und zwölfjährige Jungen missbraucht. Selbst als einer der Jungen den Mann bat, von ihm abzulassen, machte M. einfach weiter. Der ehemalige Diakon wird zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt und muss eine Geldstrafe von 4500 Euro an die Kindernothilfe zahlen.

Dezember 2008, Bad Neustadt (Bayern)

Ein katholischer Ordnungspriester gibt zu, zwischen 1972 und 1976 mindestens 16 minderjährige Schüler wiederholt sexuell missbraucht zu haben. Allerdings sind die Taten verjährt. Der Geistliche bittet selbst um seine Entlassung aus dem Priesteramt. Er darf allerdings im Kloster bleiben, wird mit internen Aufgaben betraut. „Er stellt sich seiner Schuld und übernimmt Verantwortung“, sagt ein Sprecher des Ordens der Süddeutschen Zeitung.

2008, Hamm und Bielefeld

Zwei Geistliche aus Hamm und Bielefeld werden wegen Besitzes von Kinderpornos zu Geldstrafen verurteilt. Der 49-jährige Pfarrer aus Bielefeld wird in eine andere Gemeinde versetzt. Dem Pfarrer aus Hamm waren Einbrecher zum Verhängnis geworden. Im Nachtschrank stießen die Einbrecher auf die Fotos nackter Frauen und Mädchen und versuchten, den Pfarrer zu erpressen. Der Pfarrer schaltete die Polizei ein. Die Erpresser wurden bei einer fingierten Geldübergabe gefasst. Pech für den Pfarrer, der nun ein Ermittlungsverfahren am Hals hatte. Die Polizei fand auf einem der geklauten Rechner über 100 Kinderpornos. Der Geistliche wurde zu einer Geldstrafe von 3200 Euro verurteilt. Das Erzbistum Paderborn zog ihn als Gemeindepfarrer ab.

Oktober 2008, Essen

Das Landgericht Essen verurteilt den 67-jährigen katholischen Priester Horst G. zu einer Haftstrafe von drei Jahren und neun Monaten. "Er ist nicht Opfer, sondern einer der Sexualstraftäter, die wir hier gewöhnlich haben", sagt der Richter in seiner Urteilsbegründung. 1993 und 1994 hatte der Priester den damals zwölfjährigen Sohn einer befreundeten Familie in seinem Pfarrhaus bei sich aufgenommen und das Kind vergewaltigt. Auch die Tochter der Familie behauptet, von dem Priester vergewaltigt worden zu sein. Die Tat, die der Priester bestritten hat, ist allerdings verjährt. Den Missbrauch des Jungen räumt der Priester vor Gericht ein. "Ich habe dem Jungen Schaden zuge-führt, meine Gemeinde in die Krise gebracht, viele Menschen enttäuscht und dem Bistum Essen Schande gemacht."

August 2008, Euskirchen (Nordrhein-Westfalen)

Weil ein 29-jähriger Jugendbetreuer einer Kirchengemeinde bei Euskirchen jahrelang Messdiener und Mitglieder eines Sportvereins missbraucht hat, verurteilt ihn das Landgericht Bonn zu einer Gefängnisstrafe von fünf Jahren und drei Monaten. Dem katholischen Lehramtsstudenten war sexuellen Missbrauch in knapp 100 Fällen vorgeworfen worden. Er hatte gestanden, sich bei privaten Treffen, aber auch bei organisierten Freizeitveranstaltungen zwischen 2004 und 2008 an Jungen im Alter zwischen neun und 13 Jahren vergriffen zu haben. Neben den angehenden Messdienern betreute der 29-Jährige auch Kinder in einer Ganztagsschule sowie in einem Turnverein. In seiner Wohnung fanden die Ermittler eine CD mit über 200 kinderpornografischen Bildern. Sexuell missbraucht wurden die Jungen laut Gericht vor allem bei Übernachtungen im Pfarrheim, in Jugendherbergen oder beim Zelten. Mit einem Kind kam es zweimal zum Geschlechtsverkehr. Eine Gutachterin bescheinigte dem 29-Jährigen vor Gericht eine narzisstische und unsichere Per-sönlichkeit. Zusammen mit seinen homopädophilen Neigungen habe dies ein verhängnisvolles Zusammenspiel ausgelöst.

August 2008, Neuburg-Schrobenhausen (Bayern)

Ein 54-jähriger Pfarrer aus dem Landkreis Neuburg-Schrobenhausen wir zu einer Bewährungsstrafe von zehn Monaten verurteilt, weil er ein junges Mädchen missbraucht hat. Die Diözese Augsburg entlässt den Priester. Der aus Indien stammende Ordensmann kehrt in seine Heimat zurück.

Juli 2008, Weilach (Bayern)

Ein katholischer Priester wird im Juli 2008 wegen des sexuellen Missbrauchs an einem Kind zu zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. Der ehemalige Pfarrer im oberbayerischen Weilach hatte sich zwischen 2003 und 2004 an dem noch nicht 14-jährigen Mädchen vergangen.

März 2008, Riekofen (Bayern)

Im oberpfälzischen Riekofen wird der frühere Pfarrer der Gemeinde zu drei Jahren Haft verurteilt. Er ist ein Rückfalltäter, wegen Kindesmissbrauch vorbestraft. Der Geistliche muss nicht in Haft, wird seine Strafe in der geschlossenen Anstalt einer forensischen Klinik absitzen. Der Gerichtsgutachter fand in der Verhandlung deutliche Worte: "Ich erwarte weitere Taten, wenn keine Therapie gemacht wird." Wegen einer Persönlichkeitsstörung war der Priester nur eingeschränkt schuldfähig, die Haftstrafe fiel deshalb gering aus. Der Pfarrer hatte im Prozess zugegeben, dass er sich ab Ende 2003 mehrere Jahre lang an einem Ministranten vergangen hatte. Zu Beginn der Torturen war das Kind zehn oder elf Jahre alt. Der frühere Automechaniker, der als "Spätberufener" Priester wurde, hatte sich bereits während seiner Kaplanszeit im niederbayerischen Viechtach an einem Buben vergangen. Trotzdem machte das Bistum Regensburg 2004 offiziell zum Pfarrer in Riekofen und verstieß damit eindeutig gegen die Richtlinien der Deutschen Bischofskonferenz.

Januar 2007, Isselburg (Nordrhein-Westfalen)

Ein katholischer Pfarrer aus Isselburg gesteht, gegenüber der Staatsanwaltschaft Münster den sexuellen Missbrauch von Kindern. Der 45-Jährige räumt ein, dass es in drei Fällen zu "Grenzüberschreitungen" gekommen sei. "Es waren aber keine massiven sexuellen Handlungen", betonte Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer. Zu den Übergriffen sei es seit 2002 bei einem Messdienerlager auf der niederländischen Insel Ameland, einer Lesenacht und einem Saunabesuch gekommen. Das Bistum Münster beurlaubt den Geistlichen.

2006, Falkenberg (Bayern)

Der damals 62-jährige Pfarrer P. wird zu 18 Monaten auf Bewährung verurteilt, weil er einen 16-jährigen Jungen sexuell missbraucht hat. Der Pfarrer wird Seelsorger im Altenheim.

Dezember 2005, Magdeburg

Das Bistum Magdeburg entschädigt den ehemaligen Ministranten Norbert Denef mit 25.000 Euro, weil er - wie die Kirche im offiziell bestätigt - in den Jahren 1958 bis 1964 sexuell missbraucht worden sei. Zuerst wollte die Kirche die Zahlung an ein Schweigegelübte knüpfen. Der Ex-Ministrant weigert sich. Die Kirche gibt nach und zahlt.

September 2005, Dinslaken (Nordrhein-Westfalen)

Das Amtsgericht Oberhausen verurteilt einen 43-jährigen Diakon der Neu-Apostolischen Gemeinde Dinslaken zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft. Der Diakon, der mit den Eltern des Opfers befreundet war, bot an, das zwölfjährige Mädchen nach Hause zu fahren und es ins Bett zu bringen. Als er mit dem Mädchen alleine war, zog er seine Hose runter, ließ sich von dem Kind berühren. Als sich das Mädchen ihren Eltern offenbarte, stellten sie den Diakon zur Rede. Der Mann bat die Eltern um "Nachsicht" und Geheimhaltung. Schließlich stehe seine Ehe und seine soziale Stellung auf dem Spiel. Die Eltern ließen sich darauf ein, fuhren mit der Familie des Diakons sogar zwei Jahre später in den Urlaub. Dort flößte der Diakon dem Mädchen Alkohol ein, zwang sie am Strand, sich vor ihm niederzuknien und ihn oral zu befriedigen. Anschließend vergewaltigte er die 14-Jährige. "Wir können nur ahnen, welche Hölle dieses Mädchen in den letzten Jahren durchlebt hat", sagt der Staatsanwalt in seinem Plädoyer. Der Diakon legt, nachdem er die Tat zunächst geleugnet hat, ein Geständnis ab und zahlt 15.000 Euro Schmerzensgeld.

Juli 2005, Rastede (Niedersachsen)

In Rastede bei Oldenburg fliegt Vikar Peter G. auf. Der damals 31-jährige aus der evangelischen St.-Ulrichs-Kirche verbringt seine Zeit gern im Internet. Dabei lernt er die 14-jährige Nathalie aus Bad Zwischenahn kennen. Bald dreht sich ihre Korrespondenz nur um ein Thema: das erste Mal. Er schreibt ihr: "Ich würde mich riesig freuen, wenn ich dein erster Mann sein dürfte... Es tut ja auch höchstens nur kurz weh und dann nicht wieder... Für die Verhütung würde ich sorgen..." Und: "Ich will nicht Sex mit dir, weil Du Jungfrau bist. Es geht hier nicht um mich, sondern um dich - und ich möchte dir ein besonderes Geschenk machen." Tatsächlich lässt sich die Schülerin zum Sex überreden. Der Vikar mietet sich mit ihr in ein Hotelzimmer in Wiefelstede ein. Nach dem Schläferstündchen schreibt der Vikar dem Mädchen: "Meine blühende Narzisse, ich wollte mich noch bedanken für die wunderschöne Stunde. Waren die Schmerzen wirklich so schlimm?" Als die Mutter die Mails entdeckt, bringt sie den Vikar dazu, sich selbst anzuzeigen. Der verliert seine Stelle, seine Ehefrau trennt sich von ihm.

Juli 2005, Tauberbischofsheim (Baden-Württemberg)

Gegen einen damals 64-jährigen katholischen Priester aus Tauberbischofsheim wird Strafbefehl erlassen. Er hat bei einer Gemeindefeier vor den Augen mehrerer Zeugen eine neunjährige Ministrantin im Genitalbereich gestreichelt. Er darf dennoch Seelsorger werden.

2003, Pohlheim (Hessen)

Der damals 56-jährige Pfarrer Bruno K. aus Pohlheim wird zu acht Monaten auf Bewährung verurteilt, weil er "sexuelle Handlungen" vor Kindern begangen hat, wie es im Urteil heißt. Außerdem hatte er zwei Messdienern im Pfarrhaus Pornos gezeigt. K. wird danach Seelsorger im Altenheim.

2003, Georgenberg (Bayern)

Der Pfarrer Franz K., damals 46, wird wegen Missbrauchs von zwölf Jungen und Veruntreuung von 77.000 Euro Kirchengeldern zu drei Jahren Haft verurteilt. Der Pfarrer hatte gestanden, innerhalb von zehn Jahren zwölf Buben missbraucht zu haben. Er hatte die Schüler im Religionsunterricht an die Genitalien gefasst oder sie zu Reiterspielen missbraucht. Der Pfarrer erhielt Berufsverbot.

mit DPA/AP/Reuters / AP / Reuters