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Sexueller Missbrauch: Kirche unter Schock

Das Erzbistum Hamburg hat einen Priester, gegen den wegen sexuellen Missbrauchs ermittelt wird, vom Dienst beurlaubt. Die Kirchenleitung behauptet, nichts von den Vorfällen gewusst zu haben. Unklar ist, warum ein anderer Priester, dem die Vorwürfe bekannt waren, neun Jahre lang geschwiegen hat.

Von Björn Erichsen

Die katholische Kirche in Hamburg steht unter Schock: Am Morgen war bekannt geworden, dass die Staatsanwaltschaft gegen einen im Erzbistum Hamburg tätigen Priester wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger ermittelt. Inzwischen hat die Kirche den Geistlichen bis auf weiteres vom Dienst beurlaubt. "Ich bin sehr betroffen, dass ein Priester unserer Kirche unter einem solchen Verdacht steht", sagt Erzbischof Werner Thissen in einer Erklärung. "Wir werden alles in unserer Macht stehende tun, um zur Aufklärung der Vorwürfe beizutragen."

Bisher ist nur bekannt, dass es sich bei dem Beschuldigten um einen im Erzbistum Hamburg tätigen, aber zu einem anderen Bistum gehörenden Priester handelt. In seiner Zeit als Vikar soll er mindestens einen kleinen Jungen sexuell missbraucht haben. Die Vorwürfe stützen sich auf einen in polnischer Sprache verfassten Briefwechsel aus den Jahren 1999 und 2000 zwischen Gemeindemitgliedern und ihrem Pfarrer, der damals auf den Missbrauch hingewiesen worden ist. Gegenwärtig prüft die Staatsanwaltschaft die Korrespondenz.

Zwischen die Beine gefasst

In welchem Ausmaß und welcher Form der Missbrauch stattfand, lässt sich bisher nur erahnen. Die Verfasser "hätten eindeutig einen Vikar gesehen, wie er einen jüngeren Jungen geküsst und ihm dabei zwischen die Beine gefasst habe", zitiert das "Hamburger Abendblatt" aus einem Brief vom Juni 1999. Weiterhin bitten sie um eine innerkirchliche Lösung, konkret eine "diskrete, wenn auch entschiedene Reaktion".

"Die Beweise sind erdrückend, da uns die Aussagen von mehreren Zeugen vorliegen." Rechtsanwalt Wolfgang Vehlow zu stern.de, der den Antragsteller, Krzysztof Stobinski, ein Mitglied des Pastoralrats, vertritt. "Für meinen Mandanten war es selbstverständlich, die Briefe der Staatsanwaltschaft zu übergeben." Warum die Briefe nicht schon viel früher durch den Pfarrer öffentlich gemacht worden sind, darüber kann Vehlow nur spekulieren: "Vielleicht hat der sich einfach nicht getraut."

Neun Jahre geschwiegen

Fakt ist, dass die Briefe erst öffentlich wurden, nachdem sie in den Unterlagen eines Pfarrers gefunden worden, der derzeit schwer erkrankt ist. Das Erzbistum hat nach eigener Angabe erst am 23. April durch die Anfrage des "Hamburger Abendblatts" von den Vorwürfen erfahren. Warum hat der Priester offenbar neun Jahre lang geschwiegen? Und das obwohl ihm bekannt gewesen sein muss, dass der betreffende Priester mit Jugendlichen und Vikaren zu tun hat?

Fragen, die man beim Erzbistum Hamburg noch nicht beantworten kann: "Es kann natürlich nicht sein, dass einer unserer Priester davon Kenntnis hat und nichts geschieht", sagt Pressesprecher Manfred Nielen zu stern.de. "Sollten sich die Anschuldigungen erhärten, werden wir auch mit ihm ein Gespräch führen, momentan ist er jedoch aus gesundheitlichen Gründen nicht ansprechbar." Zu möglichen Sanktionen für den schweigsamen Priester will Nielen nichts sagen.

Zunächst einmal wird die innerkirchliche Ermittlung entlang der "Leitlinien zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche" ablaufen, in der kirchliche Strafmaßnahmen ebenso wie Hilfe für Opfer und Täter vorgesehen sind. Ebenfalls darin vorgesehen ist, eine "angemessene Information der Öffentlichkeit zu gewährleisten". Doch dafür wird es zunächst einmal nötig sein, das lange Schweigen in den eigenen Reihen zu erklären.