HOME

Sharon "La Pistolera" Kinne: Die schmächtige Hausfrau, die zur Mörderin wurde - und spurlos aus ihrer Zelle verschwand

Als der Ehemann von Sharon Kinne durch einen Kopfschuss stirbt, geht die Polizei zunächst von einem Unfall aus. Erst Monate später gerät die Hausfrau in den Fokus der Ermittler - denn die Hinrichtung ihres Mannes sollte nicht ihr letzter Mord bleiben.

Sharon Kinne wehrt sich nach ihrer Festnahme in Mexiko im September 1964 dagegen, dass ihre Fingerabdrücke genommen werden

Sharon Kinne wehrt sich nach ihrer Festnahme in Mexiko im September 1964 dagegen, dass ihre Fingerabdrücke genommen werden

Picture Alliance

Am Abend des 19. März 1960 hört Sharon Kinne einen Schuss aus dem Schlafzimmer ihres Hauses. Sie öffnet die Tür und sieht ihren Mann blutüberströmt auf dem Bett liegen. Eine Kugel hat seinen Hinterkopf durchschlagen. Vor dem Bett die zweijährige Tochter mit der Pistole des Vaters in der Hand. Noch auf dem Weg ins Krankenhaus stirbt James Kinne.

Ein tragischer Unfall, wie er in den USA immer wieder passiert. So zumindest schildert es die schmächtige Hausfrau, gerade einmal 20 Jahre alt, den eintreffenden Polizisten. Ein Test mit einer ähnlichen Waffe zeigt: Das kleine Mädchen kann tatsächlich einen Abzug betätigen. Freunde und Nachbarn bestätigen, dass James die Tochter oft mit seinen Schusswaffen spielen ließ. Der Tod wird als Unfall zu den Akten gelegt. Die Lebensversicherung zahlt fast 30.000 US-Dollar an Sharon aus. Doch die junge Frau hat die Beamten genarrt. Es ist der Startschuss für die kriminelle Laufbahn einer Frau, die später als "La Pistolera" bekannt sein wird.

Sharon Kinne wird als Sharon Elizabeth Hall am 30. November 1939 in Independence, Missouri, geboren. Mit 16 wird sie schwanger und heiratet den vier Jahre älteren James Kinne. Sie ist von schmächtiger Statur, 56 Kilogramm bei 1,70 Meter Körpergröße. Das Haar trägt sie kurz, die Wangen sind leicht eingefallen. Mit James bekommt Sharon noch ein weiteres Kind, das kleine Mädchen, dem sie später den Mord in die Schuhe schieben wird. 

Rund vier Jahren nach der Hochzeit kriselt es in der Ehe. Für seinen Geschmack gibt sie zu viel Geld aus, berichtet der "Inquisitr" unter Berufung auf das Buch über den Fall. Aber vor allem hat er den Verdacht, dass seine Frau ihn betrügt. Sie haben sich bereits auf einen Scheidungsdeal geeinigt. Sie will Haus und Kinder behalten und 1000 US-Dollar im Monat an Unterhalt. Er stimmt zu. Doch James' Eltern sind streng gläubige Mormonen. Sie überreden ihn, die Ehe aufrecht zu halten. Wenig später ist ihr Sohn tot.

Sharon Kinne tötet erneut

Nicht einmal einen Monat, nachdem sie zur Witwe wurde, kauft sich Sharon mit dem Geld aus der Lebensversicherung einen Ford Thunderbird. Dabei verliebt sie sich in den Autoverkäufer Walter Jones. Die beiden brennen zusammen durch, beginnen eine Affäre. Doch Jones ist ebenfalls verheiratet und kehrt zu seiner Frau zurück. Sharon ist schwanger von ihm. Sie will, dass er seine Frau für sie verlässt. Jones stellt sich quer. Wenig später - davon ist zumindest nach heutiger Beweislage auszugehen - lockt Sharon Walter Jones' Frau Patricia unter einem Vorwand zu einem Treffen, zwingt sie in ein abgelegenes Waldstück und richtet sie mit mehreren Schüssen hin.

Nach dem Mord an Patricia Jones gerät die 20-jährige Sharon Kinne 1960 in den Fokus der Ermittler

Nach dem Mord an Patricia Jones gerät die 20-jährige Sharon Kinne 1960 in den Fokus der Ermittler. Hier mit einem Polizisten in Independence, Missouri.

Picture Alliance

Als seine Frau tagelang nicht nach Hause kehrt, schöpft Walter Jones Verdacht und stellt Sharon zur Rede. Kollegen seiner Frau hatten ihm erzählt, dass sich Patricia nach der Arbeit mit einer ihr unbekannten Frau getroffen habe, die vorher bei ihr angerufen habe. Sharon gesteht das Treffen. Sie habe ihr von der Affäre erzählt, danach habe sie sie nicht mehr gesehen. Sie willigt sogar ein, bei der Suche zu helfen - und findet wenig später die von Kugeln durchsiebte Leiche in dem Waldstück. Sie alarmiert die Polizei. Doch dieses Mal kaufen ihr die Beamten ihre Story nicht ab. Sie wird des Mordes an Patricia angeklagt. Obendrein verkündet die Polizei, Sharon auch noch wegen des an Mordes ihrem Mann anzuklagen.

Beide Fälle werden separat verhandelt, doch weil Sharon schwanger mit ihrem dritten Kind ist, müssen die Prozesse zunächst warten. 1961 dann wird sie im Mordfall Patricia Jones aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Zu diesem Zeitpunkt ist sie einem Bericht von "The Line Up" zufolge durch Presseberichte bereits so berühmt, dass einer der Juroren nach der Verhandlung um ihr Autogramm bittet.

Der Prozess um den Tod ihres Mannes wird deutlich komplizierter. Zunächst wird sie Anfang 1962 schuldig gesprochen und zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Die Jury ist überzeugt, dass sie und nicht ihre kleine Tochter den tödlichen Schuss auf James Kinne abgab. Aufgrund von Verfahrensfehlern wird das Urteil allerdings aufgehoben. Ein zweiter Prozess scheitert bereits nach wenigen Tagen wegen Befangenheit eines Staatsanwalts. Die dritte Auflage 1964 endet mit einer uneinigen Jury. Für den Oktober des selben Jahres wird ein vierter Versuch angesetzt, doch Sharon Kinne, zur der Zeit auf Kaution frei, flüchtet wenige Tage vorher mit einem angeblichen Liebhaber nach Mexiko.

Flucht nach Mexiko währt nicht lange

Die Flucht sollte allerdings nicht lange währen. Kurz nach ihrer Ankunft in Mexiko tötet sie einen US-Bürger in dessen Hotelzimmer mit einem Schuss in die Brust. Als ein Angestellter ins Zimmer stürmt, schießt sie ihm in die Schulter und verletzt ihn schwer. Doch der Mann schleppt sich raus, schließt Sharon ein und ruft die Polizei. Ihre Version: Der Mann wollte sie vergewaltigen, sie habe in Notwehr gehandelt, aus Angst auch auf den Angestellten geschossen. Die Polizei aber glaubt: Sie wollte den Mann ausrauben, erschoss ihn, als er sich wehrte.

Das Gericht folgt der Anklage. Sharon Kinne wird unter anderem wegen Totschlags zu 13 Jahren Haft verurteilt. Im Zuge der Ermittlungen stellt sich zudem heraus, dass mit der Tatwaffe aus Mexiko auch Patrica Jones, die Frau des Autoverkäufers, getötet wurde. Doch dieses Verbrechens wurde sie in den USA rechtmäßig freigesprochen, eine Neuauflage ist damit unmöglich.

Der Fall sorgte auch in Mexiko für viel mediale Aufmerksamkeit, aus dieser Zeit entstammt ihr Spitzname "La Pistolera", was in etwa so viel wie Revolverheldin bedeutet. Endgültig zur Legende aber wurde Sharon Kinne durch das letzte Kapitel ihrer eigenartigen Geschichte. Im Dezember 1969 verschwindet die mittlerweile 30-Jährige spurlos aus ihrer Zelle im mexikanischen Gefängnis. Erst gut ein Drittel ihrer Strafe hat sie da abgesessen. Bei einer abendlichen Kontrolle fällt auf, dass die junge Frau nicht mehr da ist. Trotzdem dauert es bis zum nächsten Morgen, bis eine Suche beginnt. Bereits nach wenigen Wochen wird diese erfolglos eingestellt. Fast 50 Jahre später fehlt von "La Pistolera" noch immer jede Spur.

Zu ihrem mysteriösen Verschwinden gibt es viele Theorien. Manche sind überzeugt, sie habe Hilfe von Gefängniswärtern gehabt. In der Nacht des Verschwindens soll es einen merkwürdigen Stromausfall gegeben haben. Türen, die eigentlich geschlossen sein sollten, seien offen gewesen. Anschließend habe sie sich nach Guatemala abgesetzt. Ihre Spanisch-Kenntnisse nach vier Jahren Gefängnis seien bestens gewesen. Andere vermuten, dass die Familie ihres letzten Opfers sie aus dem Knast herausholte, um persönlich Rache an ihr zu nehmen und sie zu töten.

Da sie nie wieder auftauchte, herrscht bis heute Unklarheit darüber, wie sie entkam, wohin sie floh, ob sie noch am Leben ist oder wie lange sie nach ihrem Ausbruch noch lebte. Als sie 1964 nicht zu ihrer vierten Verhandlung wegen des Mordes an ihrem Ehemann erschien, wurde in den USA ein Haftbefehl erlassen, der heute noch immer aussteht. Damit hält sie den zweifelhaften Rekord für den am längsten ausstehenden Haftbefehl in der Geschichte von Kansas City, Missouri und einen der längsten in den USA überhaupt.

Tatort Mordplatz
Themen in diesem Artikel