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Sicherheit in Schulen: Wenn jede Sekunde zählt

Nach dem Amoklauf in Winnenden machen sich Schulleiter Gedanken über mehr Sicherheit in den Schulen. Metalldetektoren wie in den USA sind kein Thema - bessere Möglichkeiten für Lehrer, um sich unmittelbar nach einem Überfall Hilfe zu holen, dagegen schon.

Von Ingrid Eißele

Die Polizei war nach dem Amokalarm schnell zur Stelle. Zwei, drei Minuten, länger dauerte es nicht, bis ein Dreierteam des Polizeireviers Winnenden in der nahe gelegenen Albertville-Realschule eintraf. Doch Tim Kretschmer war noch schneller. Binnen weniger Minuten tötete er neun Kinder und drei Lehrerinnen, verletzte mehrere Schüler und Lehrer, feuerte noch Schüsse auf die Polizisten ab und flüchtete dann durch den Hinterausgang. Nach derzeitigem Stand überfiel er zuerst die neunte Klasse am Ende des Flurs im ersten Stock. Lehrerin und Schüler dieser Klasse hatten keine Chance, vorgewarnt zu werden. Danach ging er an mehreren leeren Klassenräumen vorbei, schoss auf dem Flur zwei Lehrerinnen nieder und betrat dann das Klassenzimmer der Klasse 10d.

Die Schüler der Abschlussklasse waren ebenso ahnungslos wie die 9c - sie hatten zwar draußen Schüsse gehört, wussten aber nicht, was das zu bedeuten hatte: "Läuft da einer Amok oder was?" witzelte ein Junge noch. Da stand Kretschmer schon im Türrahmen. Der "sehr dynamische Tatablauf" (der baden-württembergischen Innenminister Rech) zeigt: Bei einem Amoklauf zählt für die Polizei jede Sekunde. Je früher betroffene Lehrer und Schüler aus dem Klassenzimmer heraus Hilfe anfordern können, desto eher können die benachbarten Klassen gewarnt werden. Aber genau hierfür gibt es noch kaum Vorkehrungen: "Es gibt keine Alarmierungssysteme in den Klassenzimmern", sagt Antje Fröhlich, Rektorin der Realschule in Weinstadt, etwa 12 Kilometer entfernt von Winnenden.

Könnten Alarmknöpfe in den Klassenzimmern helfen?

Die Lehrerin der überfallenen Klasse 9c an der Albertville-Realschule alarmierte mittels Handy die Schulleiterin. Doch bis ein Handy eingeschaltet und die Nummer eingetippt ist, vergeht viel Zeit - erst recht, wenn man sich in der Aufregung möglicherweise vertippt. Manche Lehrer nehmen erst gar kein Mobiltelefon mit ins Klassenzimmer, Schüler sollen ihre Geräte ausschalten oder zu Hause lassen - ob im Klassenzimmer ein Mobiltelefon vorhanden ist, ist also dem Zufall überlassen.

Doch was hätte der Lehrerin in dieser extremen Situation schneller helfen können? Ein Alarmknopf, wie ihn jeder Schalterbeamte in der Bank hat? "Der müsste so gesichert sein, dass ihn nur der Lehrer auslösen kann", sagt Rektorin Fröhlich, "sonst gibt es jeden Tag zigmal Alarm." Praktikabler ist möglicherweise ein einfaches Haustelefon in jedem Klassenzimmer mit einer Direktverbindung zum Sekretariat. Oder eine Gegensprechanlage.

Klar ist: Der Lehrer kann bei einem Überfall das Klassenzimmer nicht verlassen. Er würde seine Klasse allein lassen und begäbe sich selbst auf den Fluren in Todesgefahr. Das Gebot der Stunde: Rein ins Klassenzimmer, Tür zuschließen, mit Möbeln verstellen, weg von der Tür, flach auf den Boden legen, diese Regeln sind vielen Lehrern bekannt, in einigen Bundesländern gibt es seit dem Amoklauf von Erfurt immerhin Krisenpläne. Im Rems-Murr-Kreis, wo Tim Kretschmer lebte, wurden die Schulleiter erst voriges Jahr von der Polizei geschult. Doch an der technischen Ausstattung der Schulen ließe sich einiges verbessern, besonders im Klassenzimmer. Manchen Schulleitern wird es angst und bange, wenn sie an die Qualität ihrer Türen denken, die sich mit einem Fußtritt öffnen lassen.

Diskutiert wird jetzt auch die nächste Stufe des Alarms, die Warnung aus dem Rektorat: Achtung Amokläufer! Dieser Alarm muss sich eindeutig vom Feueralarm unterscheiden. Denn bei Feueralarm lautet die Anordnung: raus aus dem Klassenzimmer. Bei Amok dagegen: rein ins Klassenzimmer. Im Rems-Murr-Kreis empfahl die Polizei vergangenes Jahr den Lehrern jeder Schule, individuelle Warncodes abzumachen. Beispielsweise eine verschlüsselte Durchsage in allen Klassenzimmern ("Frau Koma kommt") oder ein bestimmtes Klingelzeichen der Pausenglocke, das Lehrer erkennen können.

Krisenübungen sollen Routine werden

Doch das beste Sicherheitskonzept nützt nichts, wenn es im Notfall nicht präsent ist. "Wir müssen jetzt explizit einen Krisenalarm einführen, so wie wir zweimal pro Jahr Feueralarm üben", sagt Ulrich Scheufele, Rektor der Grund- und Hauptschule in Altingen bei Tübingen. In welcher Form, ist noch unklar. Denn Amok "ist eine fürchterliche Form der Gewalt" und die Auseinandersetzung mit dem Thema in der eigenen Schule ängstige Kinder vielleicht. Aber "als Schulleiter muss man abwägen. Die Lebensgefahr im Fall der Fälle abzuwenden, ist der höhere Wert. Außerdem: Wenn so eine Krisenübung zur jährlichen Routine wird, kann sie von Kindern gut verarbeitet werden." Die Albertville-Realschule hatte nach Aussagen von Schülern keine Lautsprecher-Durchsage. Die Schulleiterin warnte die Nachbarkklassen über ein speziell vereinbartes Klingelzeichen, "über ein Sondersignal der Pausenglocke", so der Sprecher des Stuttgarter Regierungspräsidiums. Die Lehrer in den übrigen Klassenräumen wurden gewarnt und konnten ihre Schüler einschließen. Für die Schüler in der 10d m das Klingelzeichen zu spät. Vielleicht nur einige Sekunden.